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Es gibt keine einfachen Antworten

Hat sich das Repertoire im Kinder- und Jugendtheater unseren Alltagsrealitäten angepasst? Ein Überblick zu aktuellen Formaten und Themen

Leseprobe aus Heft 03/2019 zum Schwerpunkt „Neue Fragen, neue Formate“.
Von Anne Fritsch am 01.03.2019

Die Welt ist im Wandel. Wie sieht es mit dem Kinder- und Jugendtheater aus? Sind die Stoffe andere als vor 10 Jahren? Hat sich das Repertoire der neuen Realität angepasst? Was die Form angeht, auf jeden Fall. Wie im Erwachsenentheater sind Projekte mit Laien als Experten des Alltags aus der Theaterrealität nicht mehr wegzudenken. Seit Langem gibt es Jugendclubs und partizipatorische Projekte. Im Vordergrund steht die Teilhabe am künstlerischen Prozess, der Weg ist das Ziel, das Ergebnis wird ein- oder zweimal öffentlich gezeigt. Eine neue Entwicklung ist die Aufwertung der so entstandenen Produktionen als feste Positionen im Spielplan. Zum Beispiel „Teenage Widerstand“ am Theater der Jungen Welt in Leipzig. Eine Jugendclub­produktion über jugendliche Protestbewegungen, ihre Motivationen und Einflussmöglichkeiten. Wo fangen Utopien an? Wo enden sie? Wie viel Ernüchterung muss ein (jugendlicher) Held wegstecken können?

An der Münchner Schauburg hat Regisseur Daniel Pfluger von Juli bis Januar gemeinsam mit der Autorin Julia Haenni und der Dramaturgin Anne Richter mit 15 Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren das Projekt „Bodybild!“ erarbeitet. Aus Gesprächen mit den Teilnehmern entwickelte Haenni einen dichten Text über Fitnesswahn, unerreichbare Ideale und die schwierige Frage, was es heißt, „einfach man selbst zu sein“. Das ewige Dilemma des Kinder- und Jugendtheaters, dass Erwachsene von Problemen erzählen, von denen sie weniger Ahnung haben als ihr Publikum, wird geschickt umgangen: Alle Texte setzen sich aus Aussagen und Fragen der Jugendlichen selbst zusammen, das Ergebnis ist direkt und authentisch. Ganz klar: So einen Text hätte sich kein Erwachsener alleine ausdenken können. Entstanden ist ein intensiver, lustiger und nachdenklicher Abend, der für zwei Spielzeiten im Repertoire bleiben wird.

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Die Etablierung der Projekte

Auch sonst stehen kollektiv entwickelte Stücke sehr weit oben auf der Beliebtheitsskala der Theater. Das JES in Stuttgart plant im Juni „Eine deutsch-türkische Produktion“. „Welche Geschichte erzählt wird, ist derzeit noch nicht klar“, hieß es im Januar auf der Homepage des Theaters. Fest stand nur: Um Sprache soll es gehen, um die eigene und die fremde und die Vermischung zwischen beiden. Ob das als Thema ausreicht, wird sich zeigen. Das Berliner Theater an der Parkaue schließlich konnte das Performancekollektiv Turbo Pascal für eine Kinderproduktion gewinnen. Die Produktion „Unterscheidet euch!“ setzt sich mit Ordnungssystemen auseinander: mit den Schuhen im Regal, aber auch mit der Kategorisierung von Menschen. Interaktiv will die Inszenierung nach Sinn und Unsinn von Sortierungen fragen und stellt sich so drängenden gesellschaftlichen Fragen.

Die Dauerbrenner

Trotz aller Sehnsucht nach Direktheit und Einmaligkeit sind ganz normale Inszenierungen von Texten natürlich nicht aus dem Repertoire wegzudenken. Klassische Stücke, die stets aufs Neue interpretiert und inszeniert werden, gibt es im Kinder- und Jugendtheater aber eher nicht. Selbst erfolgreiche Theatertexte für Kinder und Jugendliche halten sich nicht ewig in den Repertoires. Ein Stück wie Andri Beyelers „Die Kuh Rosmarie“, das vor 15 Jahren landauf, landab gespielt wurde, ist heute komplett von den Spielplänen verschwunden. Dauerbrenner finden sich eher in den Bearbeitungen bekannter Stoffe: Märchen wie die „Schneekönigin“ oder Kinderbuchklassiker wie „Pippi Langstrumpf“. Dennoch gibt es natürlich Theaterautoren, die sich – mit immer neuen Texten – in den Spielplänen halten. Ulrich Hub zählt dazu, ebenso Kristo Šagor und Lutz Hübner.

Dass das Kinder- und Jugendtheater Texte (und Autoren) wie ein Durchlauferhitzer verbraucht, liegt nicht allein an dem Druck, für die mediale und überregionale Aufmerksamkeit ständig neue Stücke und Autoren zu entdecken. Es liegt eben daran, dass neben den immer präsenten Themen aus der Lebenswirklichkeit der Kinder (Schule, Freundschaft, Mobbing, Scheidung …) neue Fragen im Alltag der Kinder und Jugendlichen auftauchen (Klimawandel, weltweite Fluchtbewegungen, Fremdenfeindlichkeit …), auf die die Theater reagieren. So hat sich Mike Kennys Stück „Der Junge mit dem Koffer“ seit der deutschsprachigen Erstaufführung am Hans Otto Theater in Potsdam 2010 zu so etwas wie einem modernen Klassiker entwickelt. Das Erzähltheaterstück über einen Jungen auf der Flucht überführt abstrakte Nachrichten in ein individuelles Schicksal. Der „minderjährige Flüchtling“ ist nicht länger anonymer Ausdruck einer Krise, sondern ein konkreter Junge. In dieser Spielzeit hat das Stück unter anderem am Hessischen Landestheater und am Theater Heilbronn Premiere. Ein beinahe exemplarisches Repertoire findet sich am theater junge generation in Dresden: „Der Junge mit dem Koffer“ reiht sich hier ein zwischen Adaptionen von Kinderbuchklassikern wie Otfried Preußlers „Krabat“ und Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“, einer Fassung von Sophokles’ „Antigone“ sowie dem „Letzten Schaf“ von Ulrich Hub. Eine Mischung aus Altem und Neuem, aus Phantasiewelten und der Auseinandersetzung mit der Realität. Bei der Bewertung des Repertoires im Kinder- und Jugendtheater darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es hier nicht das eigentliche Zielpublikum ist, das die Entscheidung für einen Theaterbesuch trifft, sondern Eltern oder Pä­dagogen. Dass diese mit Vorsicht zu genießen sind, zeigte sich unter anderem 2017 in Baden-Baden, als ein erbitterter Streit um Ulrich Hubs Stück „Ein Känguru wie du“ entbrannte. Eltern meldeten ihre Kinder krank, wenn sie mit der Schule diese Vorstellung besuchen sollten, Lehrer kamen nicht mit ihren Klassen. Warum? Weil das titelgebende Känguru schwul ist. Weil diese Tatsache bei den entscheidenden Erwachsenen enorme Berührungsängste auslöste.

Das junge Publikum abholen – aber richtig

Die Theater müssen also nicht nur die Kinder und Jugendlichen „abholen“, sondern zuerst deren Begleitpersonen. Und auch wenn das ein Unwort ist, das eher nach Bus oder Kita klingt als nach Theater: Wenn dieses „Abholen“ meint, dass sich das Theater mit Themen beschäftigt, die sein Publikum umtreiben, es dieses Publikum gleichzeitig ernst nimmt und nicht überfordert, dann ja: Dann holt sie bitte ab! Wenn es aber meint, Kinder vor der Welt zu bewahren: Dann lasst sie lieber dort, wo sie sind. Kinder spüren, wenn um sie herum die Gesellschaft im Wandel ist, wenn auch Eltern verunsichert sind und es auf viele Fragen einfach keine klare Antwort gibt.

So zu tun, als gäbe es einfache Antworten auf schwierige Fragen, ist wohl das Falscheste, was man machen kann. Im Kinder- und Jugendtheater, aber auch im Alltag. Die, die mit einfachen Antworten auf komplexe Sachverhalte reagieren, bedrohen eine reflektierte Gesprächs- und Diskussionskultur, ja: die Demokratie. Die Aufgaben, die sich die Kinder- und Jugendtheater in Zeiten wie diesen stellen (müssen), gehen also weit über bloßes Bespaßen hinaus. Was auf gar keinen Fall heißen soll, dass es nicht mehr lustig zugehen darf im Theater! Es ist nur nicht getan mit dem bisschen Spaß, der immer sein muss.

Die Themen, die Erwachsene umtreiben, bekommen auch die Kinder mit. Flüchtlingskinder gehen mit ihnen in die Schule oder den Kindergarten, sie erleben Ausgrenzung, Ängste und Anpassungsschwierigkeiten vielleicht direkter als wir Erwachsenen. Natürlich haben sie Fragen. Fragen, auf die wir eben oft keine klare Antwort haben. Was wir – und das Theater – ihnen aber mitgeben können und müssen, ist eine Haltung. Indem Themen wie Flucht, Fremdenfeindlichkeit, Gleichberechtigung oder Gerechtigkeit im Theater reflektiert und verhandelt werden, indem abstrakte Begriffe in konkrete Geschichten gefasst werden, können Kinder und Jugendliche ein Gefühl für die jeweilige Problematik, ja: Mitgefühl entwickeln.

Und wer den anderen als Menschen wahrnimmt und nicht als Problem sieht, der ist einer Antwort auf die Fragen unserer Zeit ein gar nicht so kleines Stück näher gekommen. Weil er zumindest sicher weiß, was die falschen Antworten sind, die demagogischen. Und genau dort also muss man die Kinder dann doch „abholen“ und einfangen: bei ihrem Mitgefühl.

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