Aktuelles: Die 21. Schillertage am Nationaltheater Mannheim

Von Michael Laages am 25.06.2021 • Bild: Hans Jörg Michel
Das Bild zeigt: Das Foyer des Mannheimer Nationaltheaters

Zwischen digital und live einen eigenen Weg, Stil, eine eigene Sprache zu finden, ist für Theaterhäuser nicht leicht. Unser Autor Michael Laages ist durch die digitalen Angebote der diesjährigen Mannheimer Schillertage flaniert, fand viel  Schönes beim bis zum Wochenende laufenden Festival, aber auch generelle Fragestellungen:

 

Nichts, was nicht geht

Drin sein und draußen bleiben, nirgendwo und überall zugleich Zugriff zu bekommen auf all das Theater, wie die Kundschaft es in unterschiedlichsten Spielformen gewohnt war bis zur ersten Schließung der Bühnenhäuser im März des vergangenen Jahres und dann noch einmal Ende Oktober – das ist die Herausforderung, der sich in den kommenden Wochen und Monaten noch einige der immer so klug und ambitioniert kuratierten Festivals im deutschsprachigen Raum stellen müssen. Gerade ergeht es Theater der Welt in Düsseldorf so, verschoben vom vorigen Frühsommer in diesen und jetzt so sehr bemüht, die Balance zwischen Spektakel und Reflexion in diese Zeit herüber zu retten und dabei die forcierte Internationalität zu wahren, die diesem herausragenden Treffen der Theaterkünste immer eigen blieb; die Schillertage in Mannheim (die im vertrauten Zwei-Jahres-Zyklus bleiben konnten) gehen am Wochenende in die finale Runde – an diesem Festival ist das pandemisch erzwungene Nebeneinander künstlerischer Vermittlungsebenen vielleicht sogar noch markanter spür- und erlebbar geworden. Denn schon immer hat die Stadt ja mitgespielt als Raum der Kunst – jetzt musste sie es mehr denn je.

Spaziergänge waren im Angebot, der „Schiller-Stream“ im Netz, der Theaterfilm „Made in Mannheim“ und viele andere Videos, aber eben auch immersive Interventionen mit Publikumsbeteiligung, rituelle Handwaschung inklusive, oder Installationen unterschiedlichster Art auf Plätzen und im Park, auf Straßen und Wegen an vielen Stellen in der Stadt, auch an solchen, die für die Künste noch entdeckt werden wollen. Jetzt ist der virtuelle Raum hinzu-gekommen. Die aktuelle Uraufführung von „Wounds Are Fo-rever. Selbstporträt als Nationaldichterin“ der einstigen Mannheimer Haus-Autorin Sivan Ben Yishai zum Beispiel (hier gerade ausführlich besprochen) ist in der Inszenierung der Stuttgarter Rampe-Chefin Marie Bues sogar auf praktisch allen Ebenen präsent gewesen: live im Theaterraum, als Stream und als Leinwand-Projektion im Park. Zu spüren allerdings ist bei solchen Gelegeneheiten auch, wie viel mehr an Wirkung das authentische Erleben im Theater möglich macht – gerade Ben Yishai schmerzhaftes Historien- und Stationen-Drama macht das extrem deutlich.

Szenenbild aus „Wounds are forever“ © Christian Kleiner

Szenenbild aus „Wounds are forever“ © Christian Kleiner


Im Stream kam aus Hamburg „Ode an die Freiheit“, diese feine und lustvoll gegen den Strich gebürstete Sammlung schräggestrickter Schiller-Miniaturen; im vorigen Herbst war das die Abschieds-Inszenierung von Antu Romero Nunes am Thalia Theater, jetzt gehört der Regisseur ja zur Schauspiel-Leitung am Theater Basel. Und aus Berlin schickte jetzt auch noch das Deutsche Theater „Maria Stuart“ in der Fassung von Anne Lenk virtuell nach Mannheim. Über Leonie Böhms „Räuber*innen“ von den Münchner Kammerspielen wurde immerhin intensiv diskutiert. Sonntag folgt als letztes großes (und virtuelles) Gastspiel noch „Wilhelm Tell“ in Jan Neumanns Inszenierung vom Nationaltheater in Weimar.

Viel mehr oder minder „originales“ Material vom Namensgeber des Festivals – jedes Mal von neuem gelingt den Mannheimer Schillertagen der Nachweis, wie überaus hilfreich die intellektuelle Bindung an die streitbaren Visionen des Klassikers sein kann; auch jetzt, im digital-realen Mix, war das unübersehbar. Herausragend ist in diesem Zusammenhang die Mannheimer Haus-Produktion der polni-schen Regisseurin Ewelina Marciniak (ebenfalls ausführlich vorgestellt); zur Eröffnung war sie zu sehen, und sie steht jetzt auch im Finale.

Boris Koneczny und Annemarie Brüntjen in „Die Jungfrau von Orleans“ © Christian Kleiner

Boris Koneczny und Annemarie Brüntjen in „Die Jungfrau von Orleans“ © Christian Kleiner


Von Schiller aus sind praktisch alle aktuellen Diskurse der Kulturgesellschaft gut zu erreichen; praktisch nichts passt nicht – „Mailles“ etwa, die Tanz-Performance von Dorotheé Munyaneza, öffnet mit international durchmischtem Ensemble den Weg zu Gender- und Identitätsfragen; und dass die Produktion als fertiges Video abrufbar war, ähnlich den zahlreichen „Geisterspiele“-Kurzfilmen aus der Video-Werkstatt, die immer wieder den Aufführungen vorangestellt wurden, hat nicht wirklich geschadet.

Das fundamentale Risiko-Potenzial aber, auf das sich alle internationalen Festivals auch nach dem Abflachen der Pandemie einstellen müssen, wird in solchen Momenten unübersehbar. Stream-Aufzeichnungen einladen ist einfach und preiswert. Sehr große Teile des Kultur- und Produktionsaustausches über Kontinente hinweg aber wurden jetzt pandemisch ausgebremst – zu fürchten ist, dass sie auch zukünftig infrage gestellt werden. Denn wo immer weniger gereist wird, schon, um Festivals den bestmöglichen „ökologischen Fußabdruck“ zu sichern, werden all jene internationalen Partnerinnen und Partner aus drit-ten oder vierten Welten an den Rand des Ruins gedrängt; viele Gruppen etwa aus Lateinamerika existieren längst nur doch deshalb, weil sie zu Residenz-Aufenthalten und Gastspielen nach Europa eingeladen werden können. Wer jetzt die Pandemie (die ja noch lange nicht vorüber ist) als Steilvorlage nutzt, um Festivals wie international aktiven Produktionshäusern die tendenziell kostspieligen (und ökologisch nicht unbedingt korrekten) Partnerschaften auszureden, legt die Axt sowohl an die Internationalität der Künste in Europa als auch an die blanke Existenz von Künstlerinnen und Künstlern weltweit, speziell in Ländern und Regionen ohne jede staatliche Förderung für die nicht-kommerzielle Kultur.

Diese grundsätzlichen politischen Risiken für die Zu-kunft der Festivals bleiben unübersehbar – wie überzeugend und manchmal sogar eindrucksvoll zum Beispiel die Schillertage die Schlingerfahrt hin und her zwischen den Medien bewältigt haben. Die Pandemie hat ein Schla-licht auf eine Menge ungeklärter Fragen an die Struktur des Festivalbetriebs geworfen. Klar ist nur: So wie es jetzt war, etwa in Mannheim, geht es auch.

Aber was wird daraus folgen?