Applaus für das Team der Basler „Glasmenagerie“ beim Berliner Theatertreffen

Zwischenbilanz zum Theatertreffen

Noch bis zum Sonntag, dem 17. Mai läuft das Berliner Theatertreffen. Kritiker Erik Zielke zieht eine Zwischenbilanz.

Das 63. Berliner Theatertreffen ist in vollem Gange. Einige Festivalpremieren stehen noch aus, aber bereits jetzt ist deutlich geworden, dass die darstellende Kunst im deutschsprachigen Raum, wie sie hier präsentiert wird, an den Status quo einer Zeit vor der Corona-Pandemie anknüpft. Die Drei-, Vier-, Fünf- oder gar Siebenstünder sind zurück auf dem Spielplan. Und in dieser Zeit wird nicht zwingend immer der Berührungsabstand zwischen Schauspieler:in und Zuschauer:in eingehalten.

Das Theater, so scheint es, wird sich seiner eigenen Bedeutung wieder bewusst. Man wagt wieder etwas, traut sich, kreiert überlange Inszenierungen, setzt auf Opulenz und ein Überangebot an szenischen Mitteln. Aber tatsächliche ästhetische und intellektuelle Herausforderungen zählen dennoch zu den Raritäten.
Florentina Holzinger, die derzeit den österreichischen Pavillon auf der Biennale di Venezia bespielt und deren eingeladene Inszenierung „A year without summer“ (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz u. a.) aus dispositionellen Gründen erst im Herbst gezeigt werden kann, ist bereits zum vierten Mal beim Berliner Theatertreffen vertreten. Was zunächst eine mitunter schockhafte Wirkung auf das Publikum hatte, ist mittlerweile Festspielroutine. Die einstige ästhetische Radikalität verschwindet hinter dem Eindruck der Selbstkopie. Die Themen wechseln, nur die Mittel bleiben.

Politisch engagiert, teils zu gewollt

Augenfällig ist außerdem, wie deutlich sich die Inszenierungen auf politische Themen stürzen, die derzeit die öffentlichen Diskurse bestimmen. Nicht immer gelingt es dabei, die politischen Fragen ins Publikum zu delegieren. In einigen Fällen bleibt es bei thesenstarken, aber intellektuell wenig herausfordernden Spektakeln, die keine Auseinandersetzung befördern, sondern eher didaktisch daherkommen. Die Verlegung von Klaus Manns Roman „Mephisto“ (Münchner Kammerspiele) über das vom Nazismus ergriffene Theatermilieu der 30er Jahre in die Gegenwart folgt sicher den besten Absichten. Aber der zeitliche Transfer überzeugt kaum. Zu schwer wiegen die Unterschiede.

 

Julia Riedler im Solo „Fräulein Else“. Foto: Marcel Urlaub

Leonie Böhms Adaption von „Fräulein Else“ (Volkstheater Wien) sucht demonstrativ den Schulterschluss mit dem Publikum, einschließlich neu erfundenem Happy End. Arthur Schnitzlers Novelle wird hier zur #MeToo-Geschichte avant la lettre. Der Solospielerin Julia Riedler gelingt das auf unfassbar virtuose Weise. Es bleibt aber ein Manko dieses Theaterabends, dass er der tatsächlichen Konfrontation des Publikums mit schwierigen Themen aus dem Weg geht und sich ins Versöhnlerische flüchtet.

 

Annika Neugart und Samuel Koch in „Wallenstein“ von den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic

Und auch in Jan-Christoph Gockels „Wallenstein“-Trilogie (Münchner Kammerspiele) wird die Verbindung ins Heute überdeutlich präsentiert: Schillers Dramenheld wird hier mit Jewgeni Prigoschin, ehemals Kopf der russischen Privatarmee Gruppe Wagner, in eins gesetzt. Eine Verbindung, die nur auf den allerersten Blick überzeugend wirkt. Es erweckt den Eindruck, als sollte hier nicht mit einem Klassiker Aufschluss über die Gegenwart gegeben werden, sondern Aktuelles auf die Bühne gebracht werden, um den Klassiker heute spielbar zu machen. Die Gegenwartsanalyse verliert so allerdings an Komplexität und Schillers Drama wird zum zurechtgebogenen Gerüst.

Zumutung als Ziel

Dass in Zeiten von Kriegen auf fast allen Kontinenten und Krisen als Dauerzustand das Theater seiner Aufgabe nachkommt, gesellschaftliche Themen künstlerisch zu verhandeln, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Aber allzu plump sollte das nicht geschehen. Die Theaterkunst zeigt sich dieser Tage im Großraum Berlin da mit all seinen Stärken, wo sie sich zwar nicht im Rätselhaften – auch die Nachwehen der Postdramatik lassen offenbar nach –, aber doch im Uneindeutigen zeigt und wo sie auf ästhetisch starke Setzungen besteht. Das ist etwa der Theatertreffen-Debütantin Jaz Woodcock-Stewart mit ihrer Inszenierung von Tennessee Williams‘ „Die Glasmenagerie“ (Theater Basel) gelungen. Ein merkwürdig aus der Zeit gefallenes Stück wird von ihr unbestimmbar zwischen Gestern und Heute angesiedelt. Viele Fragen bleiben ungeklärt und doch sind der nur still und leise drohende Krieg und die Angst vor der wachsenden Armut als Hintergrund jederzeit spürbar.

Und auch Sebastian Hartmanns unbedingt sehenswerte Inszenierung „Serotonin“ nach Michel Houellebecq (Hans-Otto-Theater Potsdam) wartet nicht mit einfachen Antworten auf, sondern setzt das Publikum einer einzigartigen Live-Erfahrung aus. Fünf pausenlose Stunden sehen die Zuschauer:innen Guido Lambrecht in einer intimen Bühnensituation zu und lassen sich konfrontieren mit dem Weltbild eines abstoßenden Mannes, der längst Schluss gemacht hat mit dem Leben. Hier geht es nicht um ein Identifikationsangebot. Ein Theaterspektakel, das zeigt, wie viel die darstellende Kunst wagen kann, wie viel Zumutung sie sein darf und dass Erkenntnisse nicht von der Bühne verkündet werden müssen, sondern in den Köpfen eines mündigen Publikums entstehen.