Zu sehen ist das Stadttheater Ingolstadt und das Markgrafentheater Erlangen

Wer jetzt kein Haus hat…

In Ingolstadt wird die Theatersanierung auf unbestimmte Zeit vertagt, in Erlangen bedrohen Kürzungen massiv den Theaterbetrieb: Ein Blick in zwei bayerische Städte, die bis vor kurzem als reich galten und in denen die Kultur nun auf der Kippe steht.

Das einst so reiche Bayern ist zur kulturellen Krisenregion geworden: Die Theater ächzen allerorten unter den Sparmaßnahmen. In Ingolstadt wird der Theaterbau Ende Mai geschlossen. Nicht wie geplant zur Sanierung, sondern zumindest vorerst endgültig. Ob und wann sich die Stadt, die unter massiven Einnahmen-Einbrüchen leidet, eine Sanierung leisten kann und will, ist vollkommen unklar. Das als Interim geplante Theater am Glacis wird auf unabsehbare Zeit zur Hauptspielstätte. Ganz so dramatisch ist die Lage in Erlangen nicht, doch auch hier gehen die Sparmaßnahmen so weit, dass ein Theaterbetrieb nur noch mit größter Anstrengung möglich bleibt.

Visionen im Sparmodus

Oliver Brunner hat seine Intendanz am Stadttheater Ingolstadt im Herbst 2024 angetreten, Jonas Knecht hat zeitgleich das schauspiel erlangen übernommen. Die Erwartungen und Visionen, die beide damals hatten, haben mit der Realität von heute wenig gemein. „Mir hat man beim Vorabgespräch gesagt, Geld sei in Erlangen quasi kein Thema, wir können und wollen uns viel leisten“, erzählt Knecht, und es klingt ernüchtert. „Unser Wunsch war, dass sich das Ensemble vergrößert und multidisziplinärer wird. Wir hatten die Idee, Tänzer:innen, Sänger:innen und Puppenspieler:innen ans Haus zu holen und aus einer Sparte heraus alle Theaterformen zu bedienen.“

Leitungsteam des schauspiel erlangen. Sieben Menschen stehen nebeneinander, vor, neben und zwischen dunklen Säulen.

Jonas Knecht (3. v. l.) und das Leitungsteam vor dem Neustart am schauspiel erlangen. Foto: Jochen Quast

Aus heutiger Sicht klingt das fast schon naiv. Kurz vor der Eröffnungspremiere kam in Erlangen der erste Schock, die Stadt musste an die 60 Millionen Gewerbesteuer zurückzahlen. Und das war nur der Anfang. In mehreren Sparrunden musste das Theater beispielsweise die Tariferhöhungen für Künstler:innen zur Hälfte selbst übernehmen, inzwischen muss für jede kaputte Glühbirne ein Formular ausgefüllt werden. Die Produktionskosten müssen heruntergefahren werden, Extras wie Live-Musik sind fast nicht mehr finanzierbar.

Brunner ist in Ingolstadt an ein Theater gekommen, das mit 30 Schauspieler:innen eines der größten Ensembles in Bayern hat und das bislang aus dem Vollen schöpfte. Ein Theater, das gute Gagen bezahlen konnte und namhafte Regisseur:innen anlockte. Neben dem Schauspielrepertoire gab es regelmäßig Musiktheaterproduktionen, dazu kamen Gastspiele aus Tanz und Oper. Brunner übernahm das gesamte Ensemble und ergänzte es mit BPoC-Gästen, um die Vielfalt der Stadtgesellschaft auch auf der Bühne abzubilden. Um wirklich ein Theater für alle zu werden. Diese Pläne kamen bei der Findungskommission gut an.

Zu sehen ist Oliver Brunner, Intendant am Stadttheater Ingolstadt

Intendant Oliver Brunner des Stadttheaters Ingolstadt. Foto: Sebastian Schulte

Sanierung auf Eis

Dass wenige Jahre später kaum mehr Geld für diese Gäste da sein würde, ahnte damals niemand. Doch aus einstelligen prozentualen Einsparungen wurden im vergangenen Jahr insgesamt 25 Prozent innerhalb einer geplanten laufenden Spielzeit. Weil Brunner ein Abo bedienen muss, kann er die Anzahl der Produktionen nur minimal reduzieren, muss den Anforderungen des Spielplans mit deutlich geringerem Etat gerecht werden. „Ich bin hier mit einem großen Enthusiasmus angetreten“, sagt er. „Aber jetzt frage ich mich nur noch, ob und was ich mir leisten kann.“

Und das in einer Situation, in der eigentlich Investitionen nötig wären: Der monumentale Beton-Glas-Bau, in dem das Stadttheater Ingolstadt seit 1966 untergebracht ist, wurde von Hardt-Waltherr Hämer und Marie-Brigitte Hämer-Buro entworfen. Schon 2022 sollte er saniert werden, damals verhinderte ein Bürgerbegehren den geplanten Neubau der Kammerspiele, in die das Theater während der Sanierung einziehen sollte. Stattdessen soll nun ein gebrauchtes Holztheater aus St. Gallen als Interim dienen, das Theater am Glacis. Doch im Dezember wurde die geplante Sanierung des Hämer-Baus auf Eis gelegt, das als Übergangslösung gedachte Theater am Glacis wird auf unabsehbare Zeit das Haupthaus in Ingolstadt bleiben. Das Junge Theater, das bislang eine eigene Spielstätte im Hämer-Bau hatte, wird heimatlos und muss irgendwie in die Abläufe integriert werden.

Zu sehen ist das Foyer des Theater am Glacis in Ingolstadt

Foyer des Theater am Glacis in Ingolstadt. Foto: Stadttheater Ingolstadt

Das Holztheater ist ein einladender Bau in schöner Umgebung, direkt neben dem Freibad. Doch es ist kein gleichwertiger Ersatz für das bisherige Theater. Es gibt weder Hinter- noch Seitenbühnen noch nennenswerte Theatertechnik. Zuvor diente es dem Theater St. Gallen – damals unter der Schauspieldirektion von Jonas Knecht – als Ausweichquartier während der Sanierung. „Für ein Provisorium ist das ein extrem tolles Theater“, sagt dieser, und fügt hinzu: „Aber eben im Wissen, dass das auf Zeit ist und wir zurückgehen in ein renoviertes Theater.“ Brunner dagegen hat diese Gewissheit nicht. Er wird sich auf unbestimmte Zeit in jenem Provisorium einrichten und es möglichst in einen „attraktiven Hotspot“ verwandeln.

Ob und wann der Hämer-Bau saniert wird, ist derzeit vollkommen unklar. Der Status quo ist: Ab Sommer werden das Große Haus und die Werkstattbühne geschlossen, Mitte 2027 folgen der Festsaal und das Theaterrestaurant. Zurück bleibt ein weitgehend leerstehendes Gebäude – ein Ort, der die Ingolstädter:innen daran erinnern wird, dass sie mal ein ziemlich imposantes Theater hatten. Ein „Lost Place“ hinter einem Bauzaun, mitten im Zentrum der Stadt. Wie schön der Hämer-Bau nun ist (oder war), darüber wurde viel gestritten. Ohne Frage aber ist – oder war – er ein sich mit großen Glasfronten zur Stadt öffnender kultureller Treffpunkt.

Zu sehen ist das Stadttheater Ingolstadt von außen

Der Hämer-Bau des Stadttheaters Ingolstadt im Sommer. Foto: Stadttheater Ingolstadt

Kampfgeist ohne Sicherheit

Ans Aufgeben denken weder Brunner noch Knecht, aber natürlich zehren die Umstände an ihrer Kraft. Noch hält Brunner an seiner „Seeräuber-Mentalität“ fest, wirft sich ins Abenteuer und will in diesem neuen Theater gut ankommen. Wie es aussieht, wenn ihm die ersten Mitarbeiter:innen oder Regisseur:innen weglaufen, weiß er nicht.

Auch Knecht hat Kampfgeist, sieht aber auch eine Gefahr für die Zukunft des Theaters an sich. Von seinem Publikum hört er: „Das ist ja toll, wie ihr das macht, man merkt fast gar nicht, dass ihr so viel weniger Geld habt.“ Und was als Lob gedacht ist, deckt das Dilemma auf: Je mehr Theatermacher:innen wie Brunner oder Knecht ackern, um mit immer knapper werdenden Mitteln ein anspruchsvolles Programm möglich zu machen, umso weniger fällt die Not nach außen hin auf. Sich aber von einer Vision nach der anderen verabschieden zu müssen, geht an die Substanz. Angetreten ist Knecht mit der Vorstellung des Stadttheaters als Soziale Plastik im Sinne von Joseph Beuys: ein Ort für Aufführungen, aber auch für Begegnungen aller Art, ein Zentrum einer lebendigen Stadtgesellschaft.

Zu sehen ist das schauspiel erlangen von außen

Das Markgrafentheater, Spielstätte des schauspiel erlangen. Foto: schauspiel erlangen

Nun sitzt er in einem Haus, das zwar denkmalgeschützt, aber an vielen Stellen marode ist und infrastrukturell in keiner Weise einem heutigen Stadttheaterbetrieb entspricht. Eine Sanierung oder gar Erweiterung ist in Erlangen momentan undenkbar, selbst die Wand in seinem Büro musste Knecht selbst streichen. Er fragt sich immer wieder, wie ein moderner Stadttheaterbetrieb unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich sein soll. Theater und Kultur sind „freiwillige Leistungen“, vermeintlich nicht systemrelevant. Wie aber sähe eine Stadt ohne Kultur aus? Ohne Theater, Museen, Stadtbibliotheken und Volkshochschule?

Ist es ein Ausweg, sich darum zu bemühen, ein Staatstheater zu werden, wie Augsburg, Regensburg oder Würzburg es getan haben? Weder Brunner noch Knecht glauben daran, dass es noch mehr Staatstheater in Bayern geben wird. Der Vorteil ist klar: „Staatstheater bedeutet Bestandsschutz“, so Knecht. „Ein Staatstheater steht nicht zur Debatte, wird nicht abgewickelt.“ Bei einem kommunalen Theaterbetrieb dagegen scheint inzwischen nicht mehr undenkbar zu sein, dass nicht nur ein Gebäude geschlossen wird, sondern der komplette Betrieb. Knecht hat da durchaus „ein bisschen Angst“. Erlangen ist Teil der Metropolregion Nürnberg, neben dem schauspiel erlangen gibt es das Stadttheater Fürth und das große Staatstheater Nürnberg. „Die FDP hat in ihrem Wahlprogramm ganz klar die Frage gestellt, ob man da denn so ein kleines Stadttheater in Erlangen brauche, das selbst produziert“, erzählt er. Zum Glück ist die FDP nicht besonders stark in der Region. Angst machen solche Äußerungen dennoch.

Zu sehen ist die Bühne des Markgrafentheater in Erlangen

Die große Bühne des Markgrafentheaters in Erlangen. Foto: Henrik Stelter

Beide, Knecht wie Brunner, würden sich von der Politik ein gemeinsames Nachdenken darüber wünschen, was ein Stadttheater sein soll und kann. „Und wenn das formuliert ist, bräuchte es ein klares Bekenntnis“, so Knecht. „Auch dazu, dass Theater eben Geld kostet.“ Brunner ergänzt: „Es wäre schön, wenn wir eine Wertschätzung erfahren, auch wenn das ein Unwort ist. Wenn unsere Arbeit wahrgenommen wird.“ Ein noch größeres Unwort als Wertschätzung scheint in diesen Zeiten „Planungssicherheit“ zu sein. Aber ein Theater, das in einem oder zwei Jahren gute Produktionen zeigen will, muss heute Verträge abschließen. Auf Sicht fahren bedeutet im Theater auf lange Sicht: gar nicht mehr fahren.

Anne Fritsch

Anne Fritsch hat im Stadttheater Ingolstadt viele spannende Inszenierungen gesehen. Im April geht sie in die letzte große Musiktheaterproduktion im Großen Haus: „Die Zauberflöte“, inszeniert von Philipp Moschitz. Für sie fühlt es sich merkwürdig an: ein Abschied auf unbestimmte Zeit.