„Wir sind keine Schublade, wir sind eine ganze Kommode“
Foto: Sandro Šutalo alias Miss Sara Jevo © Natalie Grebe Text:Sandro Šutalo, am 6. Juli 2026
Schauspieler Sandro Šutalo alias Dragqueen Miss Sara Jevo verhandelt am Nationaltheater Mannheim in der Inszenierung „Miss Sara Jevo“ queer-migrantische Identität. Mit einer auf der Bühne inszenierten Reise auf den Balkan dokumentiert er Drag als widerständige und politische Kunstform. Ein persönliches Statement über Drag, Migration und sein Alter Ego Miss Sara Jevo.
Miss Sara Jevo ist dieses Jahr zwei Jahre alt geworden. Das ist ein Jahr jünger als ich es war, als mein Leben mit der Flucht begann.
Miss Sara Jevo aka ich, Sandro Šutalo, sind beide
in Titos Jugoslawien geboren, mit drei Jahren
geflohen und in Hamburg aufgewachsen.
Sandro Šutalo ist Schauspieler.
Miss Sara Jevo ist Hausdragqueen des Nationaltheaters Mannheim.
Was sie beide verbindet, ist eine lange Reise: 37 Jahre, die von Krieg, Flucht, Rassismus und Homophobie geprägt sind. Eine Recherche auf dem Balkan und sieben Wochen Probenzeit führten zur Premiere eines autobiografischen Dokumentar-Drag-Stücks. Am 29. November 2025, dem Nationalfeiertag Jugoslawiens, war es soweit: „Miss Sara Jevo“. Ein Stück von Regisseurin Milo Čortanovački und mir.
Sowohl das „Miss“ als auch der Name Sara Jevo sind eine Hommage an die Stadt Sarajevo, an die Sehnsucht nach dieser Stadt. Und an die Gewinnerin von Miss Sarajevo, Inela Nogić, die 1993 während der Belagerung Sarajevos, umgeben von Krieg und Angst, die Welt mit einem Banner – „Don’t let them kill us“ – auf diesen Krieg aufmerksam machte.

Sandro Šutalo im Historischen Museum von Bosnien & Herzegowina vor dem Schriftzug, mit dem Inela Nogić, die 1993 die Misswahl in Sarajevo gewann, und andere Teilnehmerinnen des Wettbewerbs während der Belagerung der Stadt auf den Krieg aufmerksam machten. Foto: Milo Čortanovački
Der erste Krieg in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg.
Und nein, Herr Scholz – wir reden hier nicht vom Putin-Krieg.
Wir waren zuerst.
Wir putzen eure Häuser.
Wir servieren euch Essen.
Wir pflegen euch, wenn ihr alt und krank seid.
Meine Familie, meine Eltern haben sich damit abgefunden.
Manche sind zurück nach Bosnien gegangen oder haben sich weiter in der Welt verstreut, auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich gesehen fühlen.
Ich kann nicht zurück.
Ich will nicht zurück.
Weil meine Heimat auch hier ist. Oder nicht?
Wenn man als Kind des Krieges aufwächst, sucht man unterbewusst nach Vorbildern. Meine Vorbilder waren im Fernsehen, doch meine Heldinnen stammten aus meinem nächsten Umfeld: Meine Mutter. Meine Tanten. Meine Großmütter.
Das weiß ich heute.
Das weiß ich nach Miss Sara Jevos Reise.
Drag ist für mich die Kunstform, für die ich geboren bin. Als Schauspieler versucht man, so wahrhaft, so schauspieltechnisch genau und so gut wie möglich zu sein. Aber durch Drag habe ich gelernt, mir die Schwächen, die mir die Gesellschaft oder die Theaterbubble zuschreibt, zum Vorteil zu machen. Meine Dragpersona ist eine Kunstfigur, die nur ich verstehe, spiele und bin.
Durch viel Sprachunterricht habe ich mir den Akzent abgewöhnt und spreche wie jeder deutsche Schauspieler. Aber meine slawische Kultur, mein Hintergrund und meine Erziehung sind noch da. Durch die Klischees, mit denen der Westen uns sieht, durch Über-Feminisierung, Glam-Drag, aber auch durch den Bart und gebrochenes Deutsch erobere ich mir meine Jugo-Kultur zurück.
Die Künstlerin Šejla Kamerić hielt in ihrem Kunstwerk „Bosnian Girl“ folgende Beleidigung fest: „No teeth…? A mustache…? Smells like shit…?
Bosnian girl!“ So wie ich. Ich habe jahrelang niemanden wie mich im Fernsehen, in der Literatur oder im Theater gesehen. Am Maxim Gorki Theater gab es zwar das Stück „Common Ground“ und es gibt auch den Roman „Herkunft“ von Saša Stanišić. Aber explizit jugoslawisch-queer-migrantische Kunst?
Existiert nicht.
Oder sie ist mir nicht bekannt.
Nach sieben Vorstellungen, vielen Gesprächen und der Gründung eines queer-feministischen Jugo-Stammtisches ist es jetzt die Aufgabe von Miss Sara Jevo und mir, Teil dieser Repräsentation zu sein.
Auch wenn mir der Gedanke Angst macht, weiß ich, dass ich meine Jugo-Migra-Drag-Kunst weitergeben muss.
Gerade jetzt, wo sich die Welt in einem politischen Rechtsdruck befindet, ist diese Kunstform so wichtig.
Auch wenn das Gefahren birgt.
Ich habe mich so lange versteckt.
Nicht sichtbar zu sein, war auch ein Schutz, um meine Familie nicht zu konfrontieren und meine Scham nicht zeigen zu müssen.
Doch nur wenn man sich für seine Mitmenschen und sich selbst einsetzt, ist man wirklich frei.
If you can’t love yourself, how in the hell could you love somebody else.
Ich habe durch Miss Sara Jevo gelernt, dass diese Scham und diese vermeintliche Schande nicht meine ist.
Sondern eine Festung des Patriarchats.
Mauern aus Stolz, Beton aus Religion und Stacheldraht aus Tradition.
Männlichkeit wird zur Uniform, die man trägt, bis man erstickt.
Wir sind nicht Mann oder Frau.
Wir sind so viel mehr als solche Kategorien.
Dieses authentische Selbst zu leben, sollte für jeden Menschen möglich sein, ohne Einschränkung.
Wir sind so viel mehr als nur eine Schublade.
Wir sind eine ganze Kommode.
Nennt mich Jevo, Miss Sara Jevo.
Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft DIE QUEERE BÜHNE 2026.

Sandro Šutalo, Regisseur:in Milo Čortanovački und Dramaturgin Mascha Luttmann vor dem Sebilj-Brunnen in Sarajevo: Einer Legende zufolge kehren Besucher:innen, die vom Wasser trinken, sicher nach Sarajevo zurück. Foto: Milo Čortanovački
Sandro Šutalo wurde 1988 in Sarajevo geboren und schloss 2012 seine Ausbildung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover ab. Engagements führten ihn unter anderem ans Volkstheater Rostock, Theater Osnabrück, Theater Münster, Landestheater Schwaben und Staatstheater Kassel. 2018 wurde er für seine Arbeit mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Seit der Spielzeit 2023/24 ist Šutalo festes Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim, wo er neben seiner schauspielerischen Tätigkeit gemeinsam mit lokalen Drag Artists die Drag-Reihe „Draghaus Werqhouse“ entwickelte.