Die Unbehagenstifter
Foto: Signa und Arthur Köstler in „Das halbe Leid“ 2017 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. © Erich Goldmann Text:Michael Laages, am 15. Mai 2025
Das Performancekollektiv SIGNA überschreitet seit Jahren die Grenzen zwischen Kunst und Realität, das Team um Signa und Arthur Köstler begeistert und schockiert dabei mit begehbaren Installationen. Demnächst laden sie bei den Wiener Festwochen dazu ein, das Abschiednehmen am Ende des Lebens zu üben.
Daheim in Kopenhagen leben Signa und Arthur Köstler auf dem Dach eines der wenigen Wohnhochhäuser der Stadt. Wer dem Geist, vielleicht sogar der Magie der gemeinsamen Performanceprojekte der beiden unter dem Markenzeichen SIGNA auf die Spur zu kommen versucht, der müsste sie eigentlich eben dort besuchen, im Blumen- und Pflanzengarten über den Dächern der Stadt – etwa beim alljährlichen Treffen der „Veteranen“. So heißen bei Signa und Arthur die, die schon seit vielen Jahren mitmachen im SIGNA-Kollektiv.
Helga Sieler aus Leipzig gehört dazu, Mareike Wenzel, die auch Theaterprojekte in Georgien gestaltet, die Hamburger Schauspielerin Luisa Taraz, die gerade auch beim Theatertreffen in Berlin gastiert, in der Lorca-Bearbeitung von „Bernarda Albas Haus“ durch Alice Birch und Katie Mitchell; Andreas Schneiders, Musiker und Schauspieler aus Bonn, oder Benita Martins, die in Wien zu Hause ist. Dort, in Wien, haben die Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Signa und Arthur gerade die oberen Etagen vom historischen ORF-Funkhaus an der Argentinierstraße bezogen. Dort begleiten sie die Wiener Festwochen mit einem Stückprojekt, dem das Team einen ziemlich beunruhigenden Titel gegeben hat: „Das letzte Jahr“.
Grundsätzlich und fundamental
Sechs Stunden lang unterwegs auf trickreich verschränkten Wegen durch die entkernten Studioräume vom alten Radiohaus, stellen wir, das Publikum, uns vor, dass dieses Jahr womöglich das letzte sein wird – für uns persönlich und für die Welt insgesamt vielleicht auch.
Darin zeigt sich eines der Ziele, die Signa und Arthur seit über zwei Jahrzehnten gemeinsamen verfolgen: „Unbehagen“ zu stiften, so grundsätzlich und fundamental wie niemand sonst in der zeitgenössischen Theater- und Performanceszene. Wer einmal Teil eines der SIGNA-Projekte geworden ist, vergisst das nicht so schnell, denn fast automatisch wird er oder sie verwandelt im SIGNA-Prozess. Widerstand ist ziemlich zwecklos.
Erstmals in Deutschland arbeiteten Signa und Arthur 2004. Spielort für „Secret Girl“ war ein früheres Gefängnis in Meiningen; drei Tage nonstop. Der Durchbruch gelang mit einer Produktion, die drei Jahre später für das Kölner Schauspiel entstand und zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen wurde – auf einem verfallenen Gelände der Reichsbahn wurden dann dort „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ gezeigt.

„Schwarze Augen, Maria“ von 2013 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: Erich Goldmann
Kurz darauf folgten, wieder in Köln, „Die Hades Fraktur“, dann 2009 im Foyer des Schauspiels Leipzig „Germania Song“ und danach daheim in Dänemark „Salò“, nach Pasolini, in einer verlassenen Villa und wieder in mehreren Sequenzen mehrere Tage lang nonstop. Die letzte Arbeit in Köln waren „Die Hundsprozesse“ – und Anja Herden, damals in Köln engagiert, schwärmt (wie Manuel Harder zuvor in Leipzig) noch heute davon, wie die Begegnung mit SIGNAs Methoden alle gängigen Vorstellungen von Theater fundamental verändert hätten.
Schrecken, Schock und Schmerz
Eher selten mischen SIGNA die Ensembles der Theater, für die sie arbeiten, mit der eigenen Truppe. Zuletzt aber beschworen sie für „Das 13. Jahr“ in Hamburg (und in den extra in eine Industriehalle hineingebauten Hütten eines ziemlich verwunschenen Dorfes) jenen Moment, in dem wir, das Publikum, demnächst 13 Jahre alt werden würden und uns verlassen und vergessen fühlen sollten wie Hans und Grete einst im gefährlichen Märchenwald. Da spielten erstmals seit Langem wieder Schauspielhäusler mit; die Tochter des Schauspielers Lars Rudolph reiste daraufhin nun mit nach Wien zum aktuellen Projekt.
Auch wer die SIGNA-Story der vergangenen 25 Jahre schon ganz gut kennt, staunt immer wieder neu über das Maß an Abenteuer, das die Arbeiten des Kunstpaares aus Kopenhagen unweigerlich freisetzen für alle, die den Mut aufbringen, sich den Geschichten, wie Signa und Arthur sie in unsere Köpfe und Körper hineinimaginieren, rückhaltlos auszusetzen. Klaus Maria Brandauer etwa hatte diesen Mut nicht. Der prominente Zuschauer nahm nach Kurzem schon wieder Reißaus, als das SIGNA-Team 2011 „Das ehemalige Haus“ in einer unscheinbaren Reihenhausimmobilie an der Salzburger Teisenberggasse entwickelte, für das Young Directors Project der Festspiele. Da waren alle Räume des engen Gebäudes, Keller und Dach inklusive, vollgestopft mit Szenen voller Schrecken, Schock und Schmerz. Und am Ende standen wir im Garten um ein Massengrab herum und beerdigten eine Welt, mit Texten von Sándor Márai und (erstmals) Signa Köstler selbst.
Die SIGNA-Methode
Sie ist auch Autorin, selbst wenn sie nur (nur!) die Szenarien für die apokalyptischen Passionsspiele entwirft, welchen sie das Ensemble und das Publikum gemeinsam unterwirft. Alle im Team geben sich große Mühe, „zu vermeiden, dass das Publikum zum Publikum wird“, also die Chance bekommt, Distanz zu gewinnen. Um die nämlich geht’s hier überhaupt nicht – „jeder und jede ist gemeint“; das ist ein zentraler Teil der SIGNA-Methode.
Immer wieder, sagen Signa und Arthur, suchen und finden sie „traurige Gebäude“. Oft sind das Industrie- und Verwaltungsbrachen, in die etwa mehrere Etagen einer Sozialstation für Obdachlose und andere Ausgegrenzte hineingebaut werden können (wie für „Das halbe Leid“ in Hamburg) oder ein Dutzend Hütten für ein ganzes kleines Dorf wie für „Das 13. Jahr“, wieder in Hamburg. Bühnenbauer Lorenz Vetter nahm vorigen November in Gera den FAUST-Preis für theatrale Raumgestaltung entgegen.
Erinnerungen
Die dänische Version von „Das halbe Leid“ wurde beim Festival im dänischen Aarhus (wo Signa aufgewachsen ist) auf zwei Etagen eines Krankenhauses untergebracht. In Hamburg wurden auch frühere Schulbauten zum Erfahrungsraum für die SIGNA-Kundschaft: für die Produktionen „Schwarze Augen, Maria“ sowie „Söhne und Söhne“. In Mannheim zog das SIGNA-Team in frühere amerikanische Kasernen samt zugehöriger Kirche ein – für die Produktion „Das Heuvolk“, in der die Gruppe tatsächlich (ein alter Vorwurf gegen die Arbeiten von SIGNA!) das Porträt einer in kollektiven Wahn verfallenen Sekte zeichnete.
Jetzt in Wien geht es Signa und Arthur um „Erinnerungsräume“ – immerhin werden 60 Gäste pro Abend fürs Abschiednehmen vom eigenen Ich konditioniert, das sich ja fast immer in Erinnerungen manifestiert; und auch auf das Ende der Welt, wie sie ist. „Das letzte Jahr“ findet in naher Zukunft statt, und um die verbliebene SIGNA-Welt herum herrscht in Wien ein Bürgerkrieg: „Manchmal behaupten wir eine Realität, die nicht stimmt“, sagt das Performancepaar – aber fast immer gelingt es, uns, die Gäste und Begleiter, die Mit-Leidenden auch, in diese andere Realität hinüberzuziehen.
Veteran:innen und Neulinge
Die „Veteraninnen“ und „Veteranen“ im Ensemble wissen seit Langem, wie das geht, handwerklich und methodisch: Wie muss jeder und jede agieren, um jedem und jeder im Publikum auf Augenhöhe und völlig gleichberechtigt zu begegnen, ohne Angst vor Berührung, immer bereit für „hundert Prozent Nähe“? Die „Newbies“, also die Neulinge, sind für Wien nach intensivem Casting rekrutiert worden; über 100 Bewerber gab es, schlussendlich sind 16 übriggeblieben. Einer ähnlich großen Gruppe von Altgedienten stehen sie seit Probenbeginn gegenüber – und lernen. Dass fast alle gemeinsam im alten Radiohaus leben, Wand an Wand mit den Räumen, in denen sie spielen werden, hat selbstverständlich die interne Bindung im Kollektiv erhöht. Und Besuch hatten sie auch schon: Signas Mutter kam aus Dänemark und hat tagelang Betten bezogen für die Einzelzimmer des Ensembles.

„Das 13. Jahr“ von 2023 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: Erich Goldmann
Aus Arthurs Familie kam derweil der Impuls für das Projekt an sich: Der alte Vater starb daheim in einem Dorf im Salzkammergut, der Sohn kam aus Dänemark und blieb über viele Monate dabei. Signa war sehr beeindruckt von der Art, wie Familie Köstler den ebenso alltäglichen wie schwer erträglichen Prozess des Sterbens bewältigt hat; und so entstand der Impuls, jenen Zustand der absehbaren Verluste zum Thema zu machen. Niemand ist doch wirklich darauf vorbereitet – und schon gar nicht darauf, dass es uns selber treffen wird. Vielleicht schon morgen – zuvor werden wir bei SIGNA „durch ein Bild wandern“.
Immer intimer
Immer intimer sind die Arbeiten unter dem SIGNA-Signet geworden; „Club Inferno“, 2013 für die Berliner Volksbühne in einem Reinickendorfer Loft entstanden, war die letzte Arbeit für größeres Publikum; auch die letzte, die Distanz zwischen Spiel und Wahrnehmung zuließ. Diesmal in Wien sind 60 Gäste zugelassen, zuletzt beim „13. Jahr“ im Hamburger Hüttendorf waren es sogar nur 40. Nach einer gründlichen Einführung – und nachdem wir alle, wie so oft schon, die Kleider und damit auch ein wenig die Identitäten gewechselt haben – wird die Gruppe noch einmal dreigeteilt, und auch zwischen diesen Gemeinschaften ist reger Wechsel vorgesehen; Lorenz Vetter, sagen Signa und Arthur, sei nicht nur ein fabelhafter Bühnenbauer, sondern auch ein genialer Logistiker. Immer wieder neu begegnen wir „authentischen Figuren, das ist das Wichtigste“, sagen Signa und Arthur; und: „Diese Figuren setzen sich in Beziehung mit dem Gegenüber – bis wir vergessen, dass es ein Stück ist, das da eine Gruppe der anderen vorspielt.“ Das Theater vergessen – auch das ist ein Teil der SIGNA-Maximen.
Keine Triggerwarnungen
Wo mag dann noch die Linie verlaufen zwischen dem gespielten und dem wahren Ich? In dieser Grenzregion des Unerklärlichen sind Signas Projekte zu Hause. Und vor keiner Beunruhigung wird gewarnt – Signa und Arthur weigern sich grundsätzlich, Triggerwarnungen zu setzen. Erst komme die Warnung, dann die Bevormundung und schließlich das Verbieten, meinen sie. Signa sagt: „Ich möchte nicht, dass unser Theater ein ‚Safe Space‘ ist“; und es sei auch kein „Escape Room“, fügt Arthur hinzu, aus dem die Flucht mit irgendeinem Trick möglich ist. Nur so viel sei sicher: „Niemand braucht Todesangst zu haben!“ – für alle, die das klug geplante und mutig inszenierte „Unbehagen“ nicht vertragen, steht die Tür nach draußen immer offen.
Aber wer flüchtet schon? Sie wollen ja nur spielen, „Leben simulieren“ – und das gelingt Signa und Arthur Köstler wie niemandem sonst. „Nie ist das perfekt, was wir machen, aber immer gibt es kleine Mirakel“, sagen sie. Der theatrale Vorgang und die pure mitmenschliche Empathie umschlingen und durchdringen einander; und manchmal gelingt das Spiel so fundamental wahrhaftig, wie niemand es hätte planen oder inszenieren können. Vielleicht ist genau das der Augenblick, um den es letztlich geht – in dieser magischen Begegnung zwischen Leben und Leben.
SIGNA ist ein dänisch-österreichisches Performancekollektiv, bestehend aus der Performance- und Installationskünstlerin Signa Köstler und dem Medien-Performancekünstler Arthur Köstler. Seit 2001 entwickeln sie immersive Theatererlebnisse, zunächst in Dänemark, inzwischen auch wiederholt in Deutschland. In der letzten Spielzeit entstand am Deutschen Schauspielhaus Hamburg „Das 13. Jahr“. Bei den Wiener Festwochen ist vom 17. Mai bis zum 29. Juni ihre neue Installation zu sehen: „Das letzte Jahr“.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2025.