Außenansicht des Consol Theater.

Experten in Kooperation

Seit 20 Jahren stellt sich das Consol Theater den wirtschaftlichen und sozialen Problemen seiner Heimatstadt Gelsenkirchen. Dabei gelingt immer wieder außergewöhnliches Theater.

Etwa zweieinhalb Kilometer sind es vom Hauptbahnhof zum Theater. Geht man zu Fuß, glaubt man, dass Gelsenkirchen laut Ranking des Statistischen Bundesamts von 2016 die ärmste Stadt Deutschlands ist. Der immer noch nicht bewältigte Strukturwandel ist deutlich sichtbar: An Häuserwänden blättert der Putz, Ladenlokale stehen leer, Mülldepots entstehen auf der grünen Wiese. Selbst die Tauben sind erheblich schlanker als in Köln oder gar Düsseldorf.

Das Consol Theater im ehemaligen Luftschachtgebäude am Rand des begrünten Geländes der ehemaligen Zeche Consolidation wirkt gepflegt und lebendig. Seit 20 Jahren wird hier Theater gespielt. Wie ihre vier Mitgründerinnen und -gründer ist die Künstlerische Leiterin Andrea Kramer dem Haus bis heute verbunden. Über die Anfänge erzählt sie: „Irgendwann standen wir vor diesem Gebäude und haben es unter Federführung unserer heutigen Geschäftsführerin Christiane Freudig zum Theater umgebaut. Dann standen wir wieder davor und haben uns gefragt: Wie macht man einen Spielplan?“

Porträt von Andrea Kramer, die an einem roten, quadratischen Holztisch sitzt, die Beine übereinandergeschlagen, in die Kamera lächelnd.

Andrea Kramer, Künstlerische Leiterin des Consol Theater in Gelsenkirchen. Foto: Andreas Falentin

Theater für junge Menschen

Der konzentrierte sich recht schnell auf Theater für junge Menschen, wofür sich das Consol Theater mit ambitionierten Projekten auch überregional einen Namen gemacht hat. Sibylle Berg und Roland Schimmelpfennig schrieben etwa, gefördert von der Kunststiftung NRW, Stücke für das kleine Haus. Nino Haratischwili setzt die Reihe großer Schauspielnamen jetzt mit „Löwenherzen“ fort. Erzählt wird die Reise eines Plüschlöwen von seiner Fertigung in Bangladesch mittels Kinderarbeit durch die halbe Welt und wieder zurück. Am Anfang schreibt eins der in der Plüschtierherstellung arbeitenden Kinder einen Brief an Gott und versteckt ihn im Löwen, am Ende bekommt es ihn zurück und liest aus der durch Feuchtigkeit zerlaufenen Schrift eine positive Antwort. „Jede Szene hat ihre eigene Ungeheuerlichkeit“, sagt Andrea Kramer über ihre Regiearbeit.

Ein deutsches Kind will, in der Schule befasst mit der Armut anderswo, seinen ganzen Besitz verschenken, also auch den Löwen. Dieser wird in Westafrika zum wertvollen Besitz eines Kindes, landet bei der Flucht seiner Familie nach Spanien im Meer, wird in Frankreich angespült und so weiter. Kramer erzählt dicht, mit einfachen, aber raffiniert und nicht selten poetisch eingesetzten Mitteln und einem wunderbaren Ensemble (Thomas Kaschel, Sibel Polat und Eric Rentmeister). Jede Szene von Haratischwilis Stationendrama gerät zum Minithriller und transportiert gleichzeitig viele Informationen über internationale wirtschaftliche Zusammenhänge. Obwohl die Uraufführung bisher ausschließlich im Pressestream gezeigt werden konnte, wurde sie zu den Mülheimer Kinderstücken und zum Westwind-Festival eingeladen und gewann den Niederländisch-deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreis.

Szene aus „Löwenherzen“ mit Thomas Kaschel. Ein Mann sitzt auf dem Boden, die Beine ausgestreckt, mit einem riesigen Plüschlöwen auf dem Schoß. Neben ihm liegt ein Plüscheinbär, über ihm auf einer Kiste, an der er anlehnt, ein Plüschelefant.

Szene aus „Löwenherzen“ mit Thomas Kaschel. Foto: Consol Theater

Impulse in die Stadtgesellschaft

Die überregionale Strahlkraft ist das eine, das andere, das Eigentliche beschreibt Andrea Kramer so: „Das Consol Theater steht in Gelsenkirchen. Wir sehen den immensen Bedarf in dieser Stadt und haben ihn als Auftrag angenommen. Ja, wir machen auch internationale Kooperationen, aber die entscheidende Frage bleibt: Welche Impulse können wir in die Stadtgesellschaft schicken?“

Dass das keine leeren Worte sind, zeigt der Spielplan. Neben dem jungen Theater sieht man viel Partizipatives, meist unter dem Label Volxbühne: Workshops für Schulen und Schüler, Seniorentheater, generationenübergreifendes Theater. Fast immer, wenn nicht gerade Pandemie ist, mit einer Abschlussvorstellung auf der großen Bühne. Dazu abends Bürgersalons, Gesprächsformate in der schnieken Kellerbar im original Industriedesign, jeweils zu einem bestimmten Thema („mal Tod, mal Kommunalwahl“). Dazu serviert der Förderverein rustikales Essen, und durch die selbst bewirtschaftete Bar kommt etwas zusätzliches Geld ins Haus.

Die Kellerbar des Consol Theaters. Stimmungsvoll beleuchtet, steht an der Wand ein Flügel, davor Holztische und Holzstühle.

Die Kellerbar des Theaters. Foto: Consol Theater

Geld. Von jeher ein schwieriges Thema für das Consol Theater mit seinen zurzeit 15 Festangestellten. Denn die regelmäßige Förderung von Land und Stadt deckt nur einen Bruchteil des Etats von einer guten Dreiviertelmillion Euro ab. So ist das Haus zu einem absoluten Experten für Kooperationsprojekte geworden.

Suche nach Ideen und Partnerschaften

Für die immer noch expandierende Arbeit an Schulen konnten lokale Stiftungen als Partner gewonnen werden. Mit ihrer Hilfe werden in vier Grundschulen Theaterklassen finanziert. Gemeinsam mit dem Musiktheater im Revier werden jährlich Schultheatertage veranstaltet. Die Stadt Gelsenkirchen ist beim Erzählfrühling dabei, der im Theater, an öffentlichen Plätzen und sogar in privaten Wohnzimmern stattfindet. Es gibt das multilaterale, von der EU geförderte europefictionProjekt, ein Joint Venture von fünf Ruhrgebietstheatern mit jeweils einem internationalen Partnertheater. Jahres- und Projekthöhepunkt: gemeinsames Zelten auf der grünen Wiese mit 200 Menschen von Bologna bis Budapest, zuletzt 2019 auf der Wiese hinter dem Consol Theater. Und es gibt !STAGE, eine vom Theater entwickelte, von der Agentur für Arbeit finanzierte, zehn Monate dauernde Qualifizierungsmaßnahme für junge Menschen, Berufsorientierung und Persönlichkeitsentwicklung samt Bewerbungshilfe mit den Mitteln und dem Netzwerk des Theaters.

Impression vom europefiction-Camp 2019 auf der Wiese am Theater. Ein Zirkuszelt mit rot-gelbem Dach, davor stehen sehr viele Menschen in einer Reihe.

Impression vom europefiction-Camp 2019 auf der Wiese am Theater. Foto: Sascha Rutzen

Die meisten dieser Projekte und Initiativen sind zeitlich befristet. Auch deshalb ist Geschäftsführerin Christiane Freudig immer auf der Suche nach neuen Ideen und neuen Partnern – bei den wachsenden Aktivitäten in und mit Kitas wie beim Talentschulversuch Kultur, einem neuen Programm des Landes Nordrhein-Westfalen für die Klassenstufen 7 bis 9, oder der vom Bund ausgeschriebenen und geförderten Zukunftsstadt 2030. Hier soll es auf breiter Front um Themen wie Nachhaltigkeit und lebenslanges Lernen gehen. Nicht zuletzt wegen der innovativen Arbeit des Consol Theaters erhielt die Stadt Gelsenkirchen hier den Zuschlag.

Auch für die Arbeit des Consol-Leitungsteams mit Christiane Freudig, Andrea Kramer sowie Projektleiter und Dramaturg Georg Kentrup und ihren Mitstreitern scheint lebenslanges Lernen eine gute Beschreibung zu sein. Sich und seine Stadt immer besser kennen lernen, Defizite verbessern, Probleme angehen, das Gute sehen. Und hoffen. Darauf etwa, dass die Stadt, wie lange projektiert, neben dem Theater, der Kunstinstallation im ehemaligen Maschinenhaus und dem Musikprobenzentrum Consol4 eine Kita im Consol-Park ansiedelt, um das Areal lebendig zu halten und weitere Synergien zu ermöglichen. Und dass es bald vorbei ist mit Corona, nicht zuletzt, damit man auf der Wiese wieder gemeinsam zelten kann.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.5/2021.