Wir bauen uns ein neues Haus!
Foto: Nicola May, Intendantin des Theater Baden-Baden. © Jochen Klenk Text:Nicola May, am 15. März 2021
Nicola May, Intendantin des Theaters Baden-Baden, ist derzeit in einem Sabbatjahr. Dass die Corona-Krise ihre begrenzte Auszeit prägt, hilft nicht unbedingt zu entspannen, fokussiert aber Fragen, die ohnehin die Theaterarbeit prägen. Ihr Plädoyer für ein interpandemisches Theater ist der dritte Teil unserer Reihe „Das Theater der Zukunft“.
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“, an diesen Romantitel des Schauspielers Joachim Meyerhoff muss ich oft denken in diesen Tagen. Meyerhoff formt in diesem zweiten Teil seines autobiographischen Projektes die Erinnerung zu einer Utopie.
Zurück in den Theateralltag?
Je länger die sogenannte Corona-Krise und damit die Schließung der Theater dauern, desto mehr frage ich mich, wie wünschenswert ein Zurück in den Theateralltag der Zeit vor Corona überhaupt ist. Ein nahtloses Wiederanschließen an die erste Hälfte der Saison 2019/20 ist ohnehin nicht möglich. Wie die meisten anderen Theater haben auch wir in Baden-Baden einen Rückstau von verschobenen Produktionen und müssen uns auf weiterhin anhaltende Unsicherheit in den Planungen einstellen.
Und woran würde man denn wieder anschließen? Natürlich hätte auch ich mir kein beängstigendes Virus gewünscht, aber die erzwungene Vollbremsung zwingt uns nun dazu, innezuhalten, uns umzusehen und zurückzublicken. Der Spruch, dass früher alles besser war, hat noch nie gestimmt, und er stimmt auch jetzt nicht. Denn was sehe ich, wenn ich zurückblicke? Ein funktionierendes und in der Stadt akzeptiertes Haus mit vielen gelungenen und manchmal auch weniger gelungenen Produktionen und mit engagierten Mitarbeitenden, die (meistens) gerne zur Arbeit gehen. Das ist schön und wertvoll.
Ich sehe aber auch das Ergebnis eines schleichenden Prozesses der letzten zehn Jahre: eine immer größere Arbeitsverdichtung und eine immer kompliziertere Disposition. Es gibt mehr Vermittlungsarbeit, mehr Spielclubs, mehr Teilhabe, mehr Stadtraumprojekte. Ich sehe auf der Bühne mehr Video und mehr Livemusik, in unseren sozialen Netzwerken mehr Hintergrundberichte und mehr Interaktion. Und ich sehe auch eine andere, neue Generation von Theatermenschen. Die sich einbringen wollen, die aber auch eine andere Erwartung an die Vereinbarkeit von Familie und Privatleben mit ihrem Beruf haben als ich das bisher – auch für mich selber – gelebt habe. Aber: Ich sehe nicht mehr Geld und nicht mehr Stellen.
Krise als Chance
Es ist in den letzten Wochen viel davon die Rede, dass das Coronavirus wie ein Brennglas wirkt und bestehende Missstände klarer zutage treten. Und je mehr ich darüber nachdenke, was das für unser Theater und für die Theater überhaupt bedeutet, verbunden mit den rein organisatorischen Fragen für die nächste Spielzeit, desto mehr dämmert mir, was diese Krise für eine ungeheure Chance bietet.
Wir sind in den letzten Jahren durch die unterschiedlichen Voraussetzungen von Seiten der Politik, der immer heterogeneren Publika und der Erwartungen der Theaterschaffenden mehr und mehr in eine Spirale des Genügenwollens geraten. Nun sind wir zurückgeworfen auf das Wesentliche. Wir machen die beglückende Erfahrung, dass nicht nur wir Theaterleute die Bühne und das Spielen vermissen, sondern auch die Zuschauer*innen das Theatererlebnis. Wir haben die Möglichkeit, diesen tiefen Einschnitt für eine Neuorientierung zu nutzen. Wir können fragen: Was fehlt am meisten, wenn die Häuser geschlossen sind? Wie soll und kann unser Theater sein? Wie wollen wir arbeiten?
Digitale Abteilung
In vielen Entwürfen für ein „postpandemisches Theater“ sind es vor allem digitale Bereiche, die sich neu entwickeln. Dass zukünftig jedes Theater eine eigene digitale Abteilung haben wird, darüber herrscht in den Foren Einigkeit. In einem der Statements für die Reihe „Postpandemisches Theater“, die die Heinrich-Böll-Stiftung im November gemeinsam mit nachtkritik.de und dem Literaturforum im Brecht-Haus Berlin veranstaltet hat, definiert der Philosoph Peter Weibel unsere heutige Gesellschaft als „Ferngesellschaft“ im Gegensatz zu der früheren „Nahgesellschaft“. Er erklärt, wie in den letzten 100 Jahren die persönliche Begegnung immer weniger notwendig geworden ist, um Botschaften auszutauschen. Die Entwicklung von der Fern-Schrift (Tele-Graph) über das Fern-Sprechen (Tele-Phon) zum Fern-Sehen (Tele-Vision) mündet in unsere heutige digitale Welt.
Und insofern sind die Entwicklungen neuer digitaler Wege im Theater eine zeitgemäße Parallelität zu gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. Das klingt einleuchtend, aber für mich letztlich nicht „postpandemisch“, sondern eben „pandemisch“, also wie eine Möglichkeit, wie Theater auch während einer Pandemie arbeiten können.
Das Theater gehorcht seit 2000 Jahren Gesetzen, die nur bedingt mit technischem Fortschritt zu tun haben. Meiner Meinung nach wird das Theater niemals ein taugliches Medium der Ferngesellschaft sein, so wenig wie die Beziehung zwischen Darsteller*in und Zuschauenden eine Fernbeziehung. Streamings, Virtual-Reality-Aufführungen und eigens entwickelte digitale Formate sind eine immense Bereicherung der Formenvielfalt und nützliche Instrumente für die nächste Pandemie. Das alles gut zu beherrschen ist anspruchsvoll. Was würde ich dafür aufgeben wollen, denn vom Immer-was–dazu möchte ich doch weg?
Renaissance des Guckkastens?
Wenn ich an ein Endlich-wieder-wie-es-nie-war denke, dann träume ich von einer auf neue Weise kostbaren Nähe, von der besonderen Begegnung zwischen Zuschauenden und Spielenden unter- und miteinander. Und diese Begegnung neu erblühen zu lassen, im Zuschauerraum, auf der Bühne und dahinter, im Stadtraum und – ja, auch – in den sozialen Netzwerken, daran möchte ich arbeiten. Diese Besonderheit hat mit Konzentration und Zeit zu tun und mit Nachhaltigkeit sowohl in der Produktion wie in der künstlerischen Wirkung. Weniger soll (wieder) mehr sein, aber wie? Welche Geschichte muss unbedingt erzählt werden? Wird die besondere Begegnung zukünftig noch stärker mit einem besonderen Ort verknüpft werden, als sich das ohnehin schon in letzter Zeit in den vielen Stadtraumprojekten abgezeichnet hat?
Oder erlebt die traditionelle Aufführung im Guckkasten eine Renaissance, und der in den letzten Jahren oft als unspektakulär empfundene Theaterraum wird wieder besonders? Wahrscheinlich wird beides parallel laufen und womöglich noch schärfer in der Rezeption voneinander abgegrenzt. Unser Publikum wird nach der Krise nicht homogener geworden sein; im Gegenteil werden wir noch intensiver darüber nachdenken müssen, wen welches Angebot erreichen kann. Ich begreife es für mich als eine große Herausforderung, dabei nicht eine immer größer werdende Schere zwischen der bürgerlichen, gebildeten Stadtgesellschaft im Theater und einer diffusen Gruppe anderer, sogenannter bildungsferner Schichten für Sonderprojekte aufzumachen. Ein Theater für alle soll es sein, das die Menschen über die Relevanz der erzählten Geschichte, über die Kunst und die unmittelbare Begegnung im Augenblick erreicht.
Flexibel bleiben
Wir wissen nicht, wann es wieder möglich sein wird, alle Plätze anzubieten und sich auf der Bühne unbeschwert nahezukommen. Wir wissen nicht, wie wir uns fühlen werden, wenn das Virus endlich auf dem Rückzug ist, und ob die Menschen gleich wieder ins Theater strömen oder ob sie zurückhaltend sind. Aber wir können wissen, wie wir es uns wünschen und was wir uns nicht mehr wünschen. Wir können die Zeit, bis die Pandemie überwunden ist, nutzen für ein „interpandemisches Theater“, das flexibel bleiben muss, aber konzentriert, und das im Schutz des Provisoriums alte Strukturen überprüft.
In diesen Tagen laufen am Theater Baden-Baden zwei Umfragen, beide mit sehr konkreten Fragen an die dem Theater nahestehenden Gruppen. Eine an unsere Abonnent*innen, wie viele Produktionen sie in einer Saison sehen möchten, an welchen Spielorten, in welchem Rhythmus und so weiter. Die andere an alle Mitarbeitenden mit Fragen, die Disposition, die Aufteilung der Saison, die Gewichtung zwischen Abendspielplan und Jungem Theater und Ähnliches betreffend, aber auch mit der nach neuen Ideen für das Theater Baden-Baden „danach“. Ein open space mit dem ganzen Betrieb, in dem wir gemeinsam das postpandemische Theater Baden-Baden entwerfen, wäre mir noch lieber gewesen – was für ein traumhaftes Thema dafür! –, aber so muss es der gute alte Fragebogen tun.
Wir sind aus dem Tritt gekommen und damit aus dem Alltagstrott. Jetzt bauen wir uns ein neues Haus. Das wird nicht einfach, aber es kann Spaß machen. Zum Schluss noch ein anderes Zitat, was sehr gut in unsere Situation passt, von dem Staatsmann Winston Churchill: „Never waste a good crisis.“
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2021.
Nicola May, geboren 1963 in Bonn, ist seit 2004 Intendantin am Theater Baden-Baden und seit Herbst 2020 Stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für künstlerische Fragen im Deutschen Bühnenverein. In der Spielzeit 2020/21 hat sie ein Sabbatjahr genommen, um neue Kraft zu tanken und mit Abstand und wieder neu auf ihr Theater blicken zu können.