Eine Veranstaltung des Atelier Diagonale im Meta Theater. Zwei Pärchen sitzen auf der unteren Ebene. Auf der mittleren Ebene stehen zwei Stuhlreihen, dahinter stehen Menschen in Gruppen zusammen und unterhalten sich.

Es lebe der Prozess

Vor den Toren Münchens leitet Axel Tangerding seit 40 Jahren ein Theaterbiotop. Das kleine Meta Theater bietet dem Publikum die Chance auf das Erlebnis neuer Theaterwelten und den jeweiligen Gastkünstlerinnen und -künstlern aus aller Welt ideale Kunstforschungsbedingungen.

Ein Mann schleppt ein Schiff durch den Dschungel. Dort will er ein Opernhaus bauen. Das ist der sofort wiedererkennbare Prototyp des genialisch Wahnsinnigen, der sich einen Traum erfüllen will oder der vielleicht – wie im Fall von Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ – eher die eigene Besessenheit zum Lebenszweck macht. Man muss nicht in den Urwald fahren, um schrägen Vögeln, Eigenbrötlern und Phantasten zu begegnen. Die oberbayerische Endmoränenlandschaft östlich von München hat diese Figuren seit jeher angezogen und hervorgebracht. Axel Tangerding rollt nicht mit den Augen und schäumt nicht wie Klaus Kinski, und ein Christoph Schlingensief ist er auch nicht, aber Parallelen gibt es doch.

Wie ein großes Schiff

Ende der 1960er-Jahre landete der Architekturstudent Axel Tangerding hier, weil er in München kein Zimmer fand, in dem er wohnen konnte. Im ehemaligen Pfarrhaus lebte eine Gruppe von Leuten, die alle irgendetwas mit Kunst zu tun hatten, Maler, Schriftsteller, bildende Künstler. Peter Schumann vom Bread and Puppet Theater war einer der Ersten, die sich in Moosach niederließen, dann folgte die Gruppe SPUR um Asger Jorn, dazu gesellten sich Heimrad Prem, Rainer Langhans und viele andere Figuren aus der freien Münchner Künstler- und Individualistenszene. Die Moosacher sahen mit gelassener Neugierde zu, was die neuen Nachbarn anstellten. Weil hier dieses bemerkenswerte geistige Klima herrschte, beschloss Tangerding 1975, genau dort ein Theater zu bauen.

Der Bau am Dorfrand fällt von außen nicht besonders auf. Ins Staunen kommt man jedoch, sobald man das Haus betritt: Es ist konzipiert wie ein großes Schiff. Offene Treppen führen auf großzügige, lichtdurchflutete Galerien, von denen viele kleine Zimmer zur Außenwand abgehen. Hier wohnen der Hausherr und seine Lebensgefährtin, und hier werden auch die Künstlerinnen und Künstler untergebracht, die regelmäßig im Meta Theater zu Gast sind.

Als das Haus 1977 fertig war, suchte Axel Tangerding jedoch erst einmal das Weite. Im Umfeld von Ellen Stewarts LaMaMa-Bewegung in Rotterdam machte er erste Kollektiverfahrungen, bei Jerzy Grotowski lernte er den Purismus des „Armen Theaters“ kennen. Die Reduzierung auf das Wesentliche wiederum führte ihn nach Japan, wo er sich eingehend mit dem Nō-Theater auseinandersetzte.

Ort größtmöglicher Freiheit

Er wollte mit dem Werkhaus Moosach, wie es zunächst hieß, nicht nur neue künstlerische Wege gehen, sondern den Rahmen für ein neues Lebensmodell schaffen. 1980 wurde im Erdgeschoss das Meta Theater mit einem weißen, variablen Bühnenraum und Platz für 99 Zuschauer eröffnet, als Ort der größtmöglichen Freiheit. Arbeit und Freizeit, Denken und Machen, Gestalten und Scheitern, alles sollte unter einem Dach stattfinden. Versuchsanordnungen, hierarchiefreie Diskurse, interdisziplinäres und internationales Zusammenarbeiten werden hier seitdem gepflegt. Was im Meta Theater öffentlich aufgeführt wird, sind keine „Gastspiele“, sondern Ergebnisse von Projektentwicklungen im Rahmen der Residenzen. Auf diese Weise kommen pro Jahr etwa 60 Veranstaltungen zustande, die zwischen die drei Meta-Theater-Säulen Eigen- und Koproduktionen, Cultural Exchange und Labor & Research gespannt sind.

Porträt von Axel Tangerding

Leiter des Meta Theater: Axel Tangerding. Foto: Peter Hinz-Rosin

Mit Yoshi Oida brachte Tangerding 1984 erstmals fernöstliches Theater nach Moosach. Das Publikum kam und staunte ob der exotischen Ästhetik, die plötzlich so nah war. Das Stück hieß treffend „Über den Berg kommen“. Der Spielplan ist bis heute eine Melange aus außereuropäischen Gastspielen und Auftritten regionaler Künstler. „Das Meta Theater bietet Raum, Zeit und Ruhe, um Kunst zu entwickeln“, sagt Tangerding über sein Haus. „Die Künstler aus Indien und China, aus Japan und den USA und aus vielen anderen Ländern begegnen sich in Moosach zunächst ganz absichtslos. Der Zweck ergibt sich dann von selbst. Es ist gut, wenn man Dinge macht, ohne sofort nach dem Nutzen zu fragen.“

Artists in Residence

Von Dezember 2020 bis April 2021 beherbergte er die zwölf Künstler*innen Judith Rautenberg, Kollektiv I.L.Y.A. (Sahra AlYassin, Theresa Eirich, Franziska Glatt, Gladys Mwachiti), Gaston Florin, Marja Burchard und Anna Orkolainen, Andrea Kilian, Chantal Maquet, Steffen Wick und Nicole Kleine, die sich im Rahmen der #TakeCareResidenzen (Bundesnetzwerk Flausen+ und Fonds Darstellende Künste im Rahmen von Neustart Kultur 2020) mit sechs theatralen Recherchen beschäftigten. Dabei ging es nicht darum, ein fertiges, präsentables Kunstprodukt zu entwickeln und herzustellen, sondern um freies Recherchieren im Rahmen einer Fragestellung, ohne vorgestecktes Ziel, ohne zu wissen, wohin der künstlerische Forschungsprozess führt. „Ein Vorgehen, das für die Weiterentwicklung künstlerischer Ideen, Prozesse und Ästhetiken von größter Bedeutung ist, aber leider in der regulären Förderlandschaft mit ihrem hohem Produktionsdruck zu wenig berücksichtigt wird“, findet Tangerding.

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler konnten im Rahmen ihrer gemeinsamen Residenz Erfahrungen Raum geben, die im normalen Produktionsprozess meist nur kurz aufflackern dürfen: das Erlebnis, Pläne über Bord zu werfen, Unsicherheit und Irritation auszuhalten, gewohnte Sehweisen aufzugeben und blinde Flecken aufzuspüren, der Spannung zwischen Distanz und Nähe, zwischen Virtualität und Realität, zwischen Klang, Körper und Raum mit Bildern zu begegnen. Man mag das von außen für eine Art naiver Workshop-Idylle halten, aber wenn man die glücklichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebt, die in den Genuss einer Residency am biotopischen Meta Theater kommen, glaubt man Tangerding sofort: „Kunst ist ein Prozess, kein Produkt.“

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.6/2021.