„Theater und Politik müssen Raum für Teamarbeit schaffen“
Foto: Ludger Engels © privat Text:Ludger Engels, am 1. April 2021
Mehr Interdisziplinarität wagen, Digitalität aus- und Hierarchien abbauen – Regisseur Ludger Engels ist überzeugt davon, dass die Pandemie systemische Änderungen in der Stadttheaterlandschaft unausweichlich macht.
Wer hätte gedacht, dass wir Künstler und Künstlerinnen so schnell in solch eine Situation geraten können? Alle fühlten wir uns sicher. Es war selbstverständlich in Deutschland, dass in den Hunderten Theatern die Vorhänge immer wieder aufgehen. Es ist nur zu gut nachvollziehbar, dass viele von uns auf den aktuellen Zustand der Ungewissheit mit Angst reagieren. Einige begegnen dieser Angst mit Aggression, andere verkriechen sich. Wir werden die Auswirkungen erst am Tag X sehen, wenn Aufführungen vor Publikum wieder möglich sein werden. Wie viele werden der Kunst den Rücken zugekehrt haben? Oder gibt es einen Hunger nach dem Authentischen? Wir können nicht davon ausgehen, da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben.
Wie ein Brennglas
Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas. Die Gesellschaft ist in rasantem Tempo in eine Phase eingetreten, in der grundsätzlich moralische und historische Positionen überprüft werden. Die letzten Jahre waren Jahre eines großen Wandels. Vor allem durch Social Media gibt es mehr Transparenz. Stimmen von PoC und LGBTQI können nicht mehr überhört werden. Bestehende Hierarchien und Leitungsstrukturen werden in allen gesellschaftlichen Bereichen hinterfragt.
Ohne Übergang und lange Eingewöhnungsphase ist der digitale Raum die einzige Möglichkeit für Kommunikation geworden. Das Theater ist momentan ausschließlich digital erlebbar. Es ist davon überrollt worden und war nicht drauf vorbereitet. Uns allen ist deutlich geworden, wie ephemer, wie flüchtig unsere Kunst ist. Wir können sie nicht an die Wand hängen oder aus dem Regal ziehen und betrachten oder lesen. Für Bühneninszenierungen und Konzerte gibt es nur die Möglichkeit der Dokumentation in Form des Mitschnitts. Streaming ist nicht mehr und nicht weniger als eine Dokumentation. Es kann nicht das Erlebnis der Liveaufführung ersetzen.
Ich glaube nach wie vor fest daran, dass Theater als Ort, an dem jemand vor eine Gruppe von Menschen tritt und etwas erzählt, als Spiegel für das Grundbedürfnis des Menschen nach Versammlung und gemeinsamem Erleben bestehen bleiben wird. Auch bin ich ungebrochen ein Fan des Ensembletheaters. Und ich bin überzeugt, dass die Zukunft der darstellenden Künste nicht nur im Theater liegt, sondern breit gefächert auch in der Literatur, Film, Virtual und Augmented Realities, kurz: im digitalen Raum. Theater und Musik arbeiten jetzt schon immer mehr an der Schnittstelle von Design, Kunst und Technologie und werden es zukünftig noch viel mehr tun.
Neue Wege Kunst zu ermöglichen
Momentan prägen uns die Begriffe „analog“ und „digital“. Aber schon längst gibt es das Wort „neoanalog“, das die Verschmelzung von digitalen und analogen Domänen meint, die Codes als Verbindung verwenden, um sie zu einer sinnlichen Erfahrung zu formen. Dies kann in interaktiven Räumen, Installationen, Objekten, AR- und VR-Erlebnissen sowie generativen Visualisierungen geschehen.
Wenn in der Zukunft Theater wirklich in der Mitte der Gesellschaft eine Rolle spielen will, muss es mit einer erweiterten Gruppe von Forschern, Künstlern, Aktivisten und Mitgliedern der Öffentlichkeit zusammenarbeiten, um Themen zu benennen und Aufführungsexperimente zu erstellen, die sich auf das Verständnis des Anderen und des Selbst beziehen.
Es geht also nicht darum, nur den digitalen Weg oder nur den traditionellen Weg in Theater und Musik einzuschlagen. Es geht um neue Wege, Kunst zu ermöglichen, Kunst zu produzieren und Kunst erlebbar zu machen. „Digitalität“ muss eine neue Abteilung im Theater werden, die jenseits aller Spartendiskussionen für die künstlerischen Bereiche wie auch für die produktionstechnischen, organisatorischen und verwaltungstechnischen Abteilungen zuständig ist. Die Plätze in Theater und Oper werden in Zukunft neben Loge, Parkett, Rang auch Zoom-Meetingraum, Ladenlokal oder Plattform heißen.
Die Oper ist behäbiger
Und es geht darum, unsere klassischen Stücke und Stoffe zu befragen. Welche Lebenserfahrungen und Lebensgefühle werden darin zum Ausdruck gebracht, welche Gesellschaftsbilder vermittelt? Schauspiel und Tanz können schneller reagieren mit neuen Formaten und Besetzungen. Die Oper muss nacharbeiten, was die Fragen nach neuen Lesarten und die Aufführbarkeit von Werken betrifft. Wir müssen lang überholte Geschlechterklischees und Diskriminierungen in den Opern revidieren oder radieren. Schon eine mutige (Um-)Besetzung eröffnet neue Perspektiven. „Crossgender“ zu besetzen ist ja in der Oper an der Tagesordnung, nicht erst seit der Barockoper, wo gelegentlich sogar das Thema „Transgender“ in den Hauptfiguren thematisiert wird, oder später mit den Hosenrollen.
Dazu wird immer öfter die Frage gestellt, inwieweit die Theaterbetriebe in ihrer organisatorischen Struktur die Inhalte repräsentieren, die sie auf der Bühne verhandeln. Diese Frage wird Theater bald beantworten müssen, denn die bestehende Kluft muss überwunden werden.
Die Zukunft liegt nicht mehr ausschließlich in den Händen einer einzelnen Person, eines einzelnen Künstlers, sondern wird sich immer weiter aufteilen auf verschiedene Kompetenzen eines Kollektivs. Theater und Politik müssen auf diese Entwicklung entschiedener reagieren und Raum für Teamarbeit schaffen. In fast allen Ausschreibungen für Intendanzen und Direktorenposten werden ausdrücklich Teams angesprochen, eine Bewerbung einzureichen. Meiner Kenntnis nach wurden jedoch in den letzten vier Jahren nur wenige Leitungsteams engagiert, etwa in Basel, Tübingen und Marburg.
Interdisziplinarität anders denken
An den Akademien und Hochschulen finden seit einem Jahr fast alle Veranstaltungen digital statt. In vielen Seminaren und Projekten sind neue Wege und Formen experimentiert und weiterentwickelt worden, u. a. wie Liveperformances digital erlebbar werden, welche verschiedenen Ebenen von künstlerischer Produktion parallel verfügbar gemacht werden können. Aber auch, welche Möglichkeiten der Selbstbestimmung der Perspektive beim Besuch einer Onlinevorstellung angeboten werden können. Junge Künstlerinnen und Künstler machen sich intensiv Gedanken darüber, wo die zukünftigen Räume sind und wie sie aussehen, um ihre Themen in die Gesellschaft tragen zu können. Die Frage, in welcher Sparte sie arbeiten werden, tritt immer weiter in den Hintergrund.
Für viele Theater bedeutet „interdisziplinär“ nach wie vor die Zusammenarbeit von Oper, Ballett und Schauspiel. Unter Interdisziplinarität versteht man die Nutzung von Ansätzen, Denkweisen oder zumindest Methoden verschiedener Fachrichtungen. Die Künstler der digitalen Branche, die Modemacher, die Museen, der Film wie auch die Entwickler von neuen Technologien kollaborieren seit Längerem miteinander und sind uns in der Entwicklung neuer Formate voraus.
Die Räume, in denen Theater und Konzert heute stattfinden, werden den veränderten Anforderungen immer weniger gerecht. Der klassische Theaterraum in seiner Architektur – Zuschauerraum, Proszenium, Bühne – entspricht nicht mehr den Erlebnisräumen vieler Menschen.
Theaterlabore
Öffnen wir die Häuser gerade jetzt, wo viel Raum leer steht, und machen Theaterlabore auf! Laden wir Spezialistinnen und Spezialisten aus der Gameentwicklung, den interaktiven Medien, den Studiengängen für szenisches Schreiben, Komposition, Architektur und so weiter ein und denken über neue Raumlösungen, neue Erzählformen, Mischformen von live und digitalen Aufführungen nach. Der Klangfetischist wird nicht auf seine Kosten kommen, denn die Lautsprecher des Smartphones können einen Konzerthausklang nicht ersetzen. Das sollen sie auch nicht.
Aber hier können neue Räume erschlossen werden, die ein Publikum ansprechen, das mit einer ganz anderen Wahrnehmung und kreativen Energie am Theater teilnehmen und es gestalten kann. Es könnten entsprechende Kopfhörer an das Publikum verliehen werden, damit auch zu Hause ein spezieller Klang ermöglicht wird. Und wie immer ist unser Publikum schlauer als wir. Viele, egal welcher Altersklasse, haben sich in den letzten 12 Monaten mit digitalen Medien vertraut gemacht. Auch die Abonnenten sind in der Situation wie wir alle. Da treffen wir uns auf Augenhöhe. Unser Ego außen vor zu lassen ist das Schwierigste, was wir am Theater lernen müssen.
Was für eine Chance! Wir haben die Gestaltung der Zukunft unserer Theater in der Hand. Lassen wir sie uns nicht aus der Hand nehmen. Vertrauen wir auf die Kraft und Energie von Musik und Theater, und lassen wir los von dem Gewohnten, denn das ist vorbei. Let’s go:
Kurzfristig:
» Theaterräume öffnen für den künstlerischen Nachwuchs und seine Laborforschungen zur Zukunft des Theaters (Themen, Strukturen, Formate)
» Fortbildung von Mitarbeitern im Umgang und der Nutzung neuer Technologien
» Symposien veranstalten, auf denen Spezialisten verschiedener Bereiche Fragen an die Zukunft erörtern
Mittelfristig:
» Neue Formate entwickeln und gemeinsam mit Zuschauern ausprobieren
» Neue Stücke in Auftrag geben
» Schaffung technischer Voraussetzungen für digitale Formate
» Anschaffung von Material, das an das Publikum ausgeliehen werden kann (VR-Brillen, Kopfhörer etc.)
» Hierarchien abbauen, Egos rausnehmen
» Stellen einrichten für Spezialisten aus der digitalen Entwicklung
» Struktur und Besetzung der Ensembles aktualisieren
Langfristig:
» Die Gebäude umrüsten für eine transdisziplinäre und multifunktionale Nutzung
» Leitungsstrukturen erneuern
» Spartentrennung aufheben, Teams neu zusammenstellen
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.4/2021.