„Extreeem viel zuhören“
Foto: Julia Wissert © China Hopson Text:Sarah Heppekausen, am 2. März 2021
Intendant Kay Voges verstand das Schauspiel Dortmund als Ort der überregionalen digitalen Innovation. Seine Nachfolgerin Julia Wissert will das Stadttheater neu erfinden: mehr Dortmund, mehr Räume für andere Sichtweisen, mehr Partizipation.
Vor fünf Jahren schrieb Julia Wissert eine Mail an die Dramaturgin Sabine Reich – eine vielleicht noch etwas schüchterne Antwort auf einen Text Reichs, in dem diese mit dem Stadttheater als muffigem Auslaufmodell abrechnete und grundlegende Reformen forderte. Julia Wissert hatte damals gerade ihre Arbeit als freie Regisseurin (unter anderem am Hessischen Staatstheater Wiesbaden und am Maxim Gorki Theater) begonnen, nachdem sie Regie in Salzburg und Theater- und Medienproduktion in London studiert hatte. „Ich dachte damals: Boah, endlich sagt’s mal jemand“, erzählt die gebürtige Freiburgerin. Beseelt sei sie gewesen: „Ich dachte immer, es sei nur ein subjektives Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist im Stadttheater. Und dann konnte ich auf nachtkritik.de lesen, dass es ein strukturelles Problem ist.“
Neuausrichtung
Wissert war damals eine der wenigen Kolleg*innen, die überhaupt reagiert haben. Heute leitet die 36-Jährige selbst ein Stadttheater, das Schauspiel Dortmund. Sabine Reich ist Chefdramaturgin und Wisserts Stellvertreterin. Gemeinsam sind sie im Sommer mit dem Ziel angetreten, Stadttheater ästhetisch und strukturell neu auszurichten.
Anders als in der Nachbarstadt Bochum gilt das Schauspiel in Dortmund (noch) nicht als identifikationsbildend. Wisserts Vorgänger Kay Voges hat jedoch mit seinem Theater fürs digitale Zeitalter für reichlich Aufmerksamkeit gesorgt. An diese neue Bedeutsamkeit wollen sie anschließen. Aber Wisserts Team geht einen anderen Weg. Sie wünschen sich das Theater als einen Ort, an dem die Stadt über sich selbst nachdenkt. Ihre Thesen fürs Stadttheater formulieren sie so: „Unser Publikum ist kein Konsument, sondern Partner und Akteur. Unser Ensemble ist nicht Spielmasse von Regisseuren, sondern auch künstlerisch wichtig. Und wir senden als Theater nicht in die Stadt, sondern sind bestenfalls Resonanzraum.“
Fragen des Umgangs miteinander
Julia Wisserts Vorstellung von einer neuen Ästhetik für ein zukünftiges Stadttheater hängt eng mit Fragen der Produktion zusammen, vor allem des Umgangs miteinander. So weit die machtkritische Theorie. Aber wie sieht das in der praktischen Umsetzung aus? „Wir kommunizieren gerade extrem viel“, erzählt Wissert. Das liegt auch an der schwierigen Situation, mitten in der Corona-Pandemie einen Theaterneustart zu gestalten. Kommunikation ist für sie aber auch die Basis für strukturelle Veränderungen. „Es braucht extrem viel Zuhören“ – und das zweite e in „extrem“ zieht Julia Wissert extrem lang. „Und es braucht extreeem viel Machen.“ Denn nur übers Machen merke man, ob man das, was man gehört, auch richtig verstanden hat.
Wissert bezeichnet ihre aktuelle Arbeit als „Annäherung an eine Utopie“. Dafür müssten Gewohnheiten durchbrochen, Ansichten hinterfragt, Perspektiven gewechselt und Fehler eingestanden werden. „Extreeem schmerzvoll“ sei dieser Prozess. Und er bedeute „extreeem“ viel Arbeit für alle. Und was das wird, was sie hier versuchen, das wird man dann vielleicht in einem Jahr sehen, ergänzt Reich.
Der Dortmunder „Faust“
Zur Spielzeiteröffnung präsentierte sich das Ensemble in „17 x 1“ in selbst inszenierten Soli, die Intendantin ließ sie machen. Ihre Aufgabe sieht Julia Wissert nämlich nicht in einer Kontrollfunktion, sondern darin, Räume zu öffnen, Ideen zu ermöglichen und sie zu kontextualisieren: die Theaterleitung als eine Gruppe unter mehreren gleichwertigen Gruppen. Das klingt ideal. In Dortmund wollen sie weg vom Leistungsgedanken. Weg von „beste Schauspielerin“ oder „herausragendste Regiearbeit“. Dass das nicht ganz so einfach ist, weiß Julia Wissert allerdings auch. „Was wäre denn, wenn jetzt jede unserer Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen würde? Würden wir dann versuchen, darüber zu reden?“

„17 x 1“ mit Publikum, Fotograf und Raphael Westermeier. Foto: Florian Dürkopp
Versuch, Annäherung, Prozess, Lernen – diese Begriffe fallen immer wieder im Gespräch. Wir sitzen im bescheiden schmalen Chefdramaturginnenbüro (ihres sei so unaufgeräumt, flüstert Wissert), reden noch über die Sehnsucht des Dortmunder Publikums nach Austausch und die Eigenarten der Ruhrgebietsstädte, da muss die Intendantin schnell weiter (obwohl es doch gerade endlich mal nicht ums Theater gehe). Warum Julia Wissert nicht viel Zeit hat, wird ein paar Tage später klar, kurz vor dem zweiten Lockdown, bei der Premiere von „Faust“. Wissert ist eingesprungen für die erkrankte Regisseurin. Später wird sich Mizgin Bilmen im Kommentarforum auf nachtkritik.de von der Inszenierung distanzieren. Wisserts Reaktion bleibt angenehm reduziert und unaufgeregt: „Wir bedauern das natürlich sehr, dass Frau Bilmen diesen Weg für sich entschieden hat.“ Das Haus stehe hinter der Produktion, dem Ensemble, dem ganzen Team.
Mephisto als teuflisch-toughe Frau
Der „Faust“ zollt im Dortmunder Spielplan dem klassischen Erzähltheater Tribut. Wobei in der Inszenierung von Bilmen/Wissert der habe-nun-ach-frustrierte Faust gehörig an Bedeutung einbüßt. Linus Ebners Faust mimt den rauschhaften Künstler. Er ist ein Abziehbild des strebenden Akademikers, eine Anspielung auf wenig zeitgemäße Interpretationen. Irgendwie jämmerlich, dieser Mann. Mephisto hingegen präsentiert sich als teuflisch-toughe Frau (Antje Prust), ihr nackter Körper schimmert durch den hautengen Netzanzug. Und Margarethe darf bei Marlena Keil in einem herzerwärmenden Ausbruch von Verliebtheit Schenkel klopfen, „Scheiße“ rufen, eben so gar nicht mehr anmutig sein und Faust endlich mal für längere Zeit sprachlos machen.
Sie ist es auch, die statt des gescheiterten Faust mit Mephisto und den stimmungstragenden Geister-Zwillingen in die Traum- und Zaubersphäre auf dem Blocksberg eingeht. Wobei die in dieser Inszenierung ein ziemlich geerdetes Unterfangen ist. Das Hexische wird ausgenüchtert und ins grell-leuchtende Diesseits integriert. Eine durchaus spannende Lesart des Klassikers, die sich allerdings mehr in Zeichen und Form als durch die Figuren transportiert. Die pendeln vielmehr unentschieden zwischen fast pathetischer Haltung und ironischer Brechung. Atmosphärisch bleibt dieser „Faust“ auf Distanz.

„Faust“ mit Marlena Keil, Antje Prust, Mervan Ürkmez, Lola Fuchs (v. l.) und im Hintergrund Linus Ebner. Foto: Birgit Hupfeld
Erste eigene Premiere in Dortmund
Mehr Nähe – soweit die in Corona-Zeiten möglich ist – bringen die anderen Abende mit sich. Die Abende, die nicht auf der großen Bühne stattfinden, sondern zum Beispiel auf dem Weg durch die Innenstadt wie Wisserts erste eigene Premiere „2170 – Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden?“. Die gewählte Theaterform der Begehung und Begegnung ist hier durchaus programmatisch zu verstehen: Wir imaginieren eine utopische Zukunft in der und durch eine konkrete Berührung mit der Stadtgesellschaft. Wissert hat fünf Autor*innen beauftragt, die sich mit der Geschichte und einer möglichen Zukunft der Stadt beschäftigt haben.
An fünf Stationen werden die überwiegend poetischen, assoziativen, auch mal dokumentarischen Texte in lebensechter Kulisse in Szene gesetzt. Auch wenn der Einbruch des Realen naturgemäß immer wieder die Oberhand bei derartigen Stadterkundungen gewinnt und manch einer der Texte konzentriertere Aufmerksamkeit verdient hätte, so ist die Begegnung mit dem Draußen hier doch mehr als nur eine Phrase.
Theater als Labor
Ihr Theater will Labor sein für eine offene, vielstimmige demokratische Stadtgesellschaft. Dafür sind zum Beispiel zwei Stadtdramaturginnen engagiert, deren Arbeit coronabedingt nur langsam anlaufen kann, die aber dabei sind, Gespräche in der Stadtgesellschaft zu führen und spezielle Formate zu entwickeln. Partizipation und Mitbestimmung sind zentrale Begriffe für die Intendantin, die 2017 zusammen mit der Anwältin und Dramaturgin Sonja Laaser eine Anti-Rassismus-Klausel entwarf, um auf strukturelle Missstände reagieren zu können.
Das diverse Dortmunder Ensemble wird in den kommenden Spielzeiten bewusst kein Stück über Rassismus zeigen. Aber das Thema sei Teil ihrer täglichen Arbeit, erklärt Sabine Reich, nämlich die Aufmerksamkeit dafür, wie wir uns verhalten, die Umsicht miteinander, das Zulassen anderer Sichtweisen. Für die respektvolle Atmosphäre gibt es während einer Veranstaltung ein „Awareness-Team“. Bei der Ballroom-Lecture „Garagen Xtravaganza“ begegneten sich kreative LGBTQAI*, Vogueing-Expert*innen und „das coolste, queerste Publikum der Welt“ (Julia Wissert), das sich bereitwillig auf dem umjubelten Laufsteg präsentierte. Solche Räume will Wissert in ihrem Theater öffnen. Sichere Orte für freiere Kunst.
Julia Wissert ist seit der Spielzeit 2020/21 Intendantin des Schauspiels Dortmund. Sie wurde 1984 in Freiburg im Breisgau geboren. Nach ihrem Bachelorstudium der Media Arts und Drama an der University of Surrey in London assistierte sie am Theater Freiburg, Theater Basel und Staatstheater Oldenburg. Es folgte ein Regiestudium am Mozarteum Salzburg. In dieser Zeit inszenierte sie „Nora“ von Henrik Ibsen und gewann den Publikumspreis des Körber Studios Junge Regie in Hamburg. Seit 2015 arbeitet Wissert als freie Regisseurin, u. a. am Maxim Gorki Theater, am Theater Oberhausen und am Schauspielhaus Bochum. Für ihre Arbeit „2069“ am Schauspielhaus Bochum wurde sie für den Jungendtheaterpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert. 2017 entwickelten die Anwältin Sonja Laaser und Julia Wissert die Anti-Rassismus-Klausel.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2021.