Theater ist Gegenwart
Foto: Porträt von Herbert Fritsch. © Annette Hauschild/Ostkreuz Text:Herbert Fritsch, am 15. Juli 2021
Der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch kann es gar nicht erwarten, wieder so richtig loszulegen. Er fordert professionelle Filmteams am Theater, kann sich Partnerschaften mit kleinen Lichtspielhäusern vorstellen und träumt von einer Art fliegendem Ensemble.
Das Theater hat keine Zukunft, das Theater ist Gegenwart. Und Gegenwart muss sich niemand aufzwingen lassen, niemand muss „zeitgemäß“ sein oder Zeitgenossenschaft beweisen – ohnehin ist Theater der Augenblick. Diesen Augenblick kann niemand vorhersehen. Und das Schöne am Theater ist, dass wir nie wissen, ob das, was wir machen, funktioniert oder nicht. Dieser Vorgang ist im Lockdown fundamental behindert worden. Außerdem muss das Theater viel zu viele Themen strukturell verhandeln, bei denen die Politik seit Langem versagt. Hier soll immer alles verändert werden, was die Gesellschaft sonst nicht verändert… Und gerade jetzt macht sich neuer Jakobinismus breit; ausgerechnet im Theater.
Pures Theater
Praktisch hat mir das Streaming von Aufführungen genauso viel Probleme bereitet wie die irgendwann mal wie zwanghaft wirkende Anwesenheit von Videokameras auf der Bühne. Ich bin für pures Theater, also für das ganz altmodische Prinzip – um damit dann (und das ist kein Widerspruch!) gegen die Zeit zu halten, gegen das, was gerade als „modern“ angenommen und vorausgesetzt wird; um dagegen aktuellen Widerstand zu leisten, auch gegen die Macht des Films. Die basiert auf industrieller Produktion; und wir müssen massiv darauf achten, dass die Industrie nicht auch die Theater übernimmt. Anzeichen gibt’s schon: etwa in der wachsenden Bedeutung von Quoten, also Auslastung. Das ist zwar verständlich, aber auch fatal.
Wir haben das unschätzbare Glück, in Deutschland ein Theatersystem zu haben, in dem ganz viel möglich ist und das uns Freiheit bietet wie kaum irgendwo sonst. Hier ist der Ort für künstlerische Dinge, die sich nirgends sonst entwickeln könnten: Bühnenästhetik etwa, die sich nicht an irgendeinem Realismus orientieren muss und mit immensem Aufwand verbunden sein kann, genauso wie spezielle Schauspiel- und Regiestile. Das ist anders als im Film, wo alles deutlich gedrosselt wird durch die unterschiedlichsten Vorgaben – und Künstlerinnen und Künstler manchmal fünf Jahre brauchen, um das zu realisieren, was sie sich vorgenommen hatten – oder das, was von ihren Plänen übrig geblieben ist.
Film ist auch nur Theater
Dem gegenüber steht die Freiheit, die wir im Theater nutzen können, zumindest als Regisseur oder Regisseurin. Diese Freiheit sollte natürlich für alle am Theater gelten, vor allem für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Das ist ja auch im Film heute möglich – weil sich die Produktionsbedingungen verändert haben und heute jeder und jede Filme auch mit fast gar keinem Geld machen kann. Aber dann sehe ich eben Fellini oder David Lynch – und merke, dass die alles in Kulissen gedreht haben, also wie im Theater; wie schon beim Kinopionier Georges Méliès, dem ja auch vorgeworfen wurde, nur Theater abzufilmen. Aber all diese Grenzüberschreitungen sind inzwischen möglich in der Freiheit des Theaters und jenseits aller langweiligen „Tatort“-Vorgaben.

Herbert Fritsch spielt auf den Proben auch gern mit. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz
Ich habe mich selber mal versucht an der Filmfassung einer Inszenierung, bei Ibsens „Nora“ in Oberhausen – bin zwar in den Kulissen geblieben, habe aber andere Spiel- und Bildprinzipien angewandt. Für mich ist Film – dafür werden mich jetzt viele steinigen wollen – letztlich auch Theater. Selbst Dokumentarfilme sind ja inszeniert; und der Zug, der in der Gründerzeit des Films aufs Publikum zufuhr, das dann schreiend aus dem Theater flüchtete, war vor allem großes Theater.
Die offene Tür
Schon mit dem ersten Schnitt im Film wird doch die behauptete Realität verlassen; anders als in der Realität des Live-Erlebnisses im Theater – wo Menschen sind, wie sie sind: ein schwitzender Schauspieler, der Angst vor denen hat, die ihm zuschauen. Das ist die Realität des Theaters.
Realität im Film ist das Ergebnis von Transformation – wenn etwa Robert De Niro alles Künstliche im Spiel durch die eigene Musikalität in „Realität“ verwandeln kann. Oder wenn Maria Callas und Giuseppe Di Stefano ein Liebesduett in der „Traviata“ singen, bei dem ich den Eindruck bekomme, ich wohne einem Verkehrsunfall bei… Aber zeige ich jemanden, der leidet, zeige ich jemanden, der stirbt? Gerade die vollständige Künstlichkeit schafft die realistischere Wirkung – und berührt oft mehr, als wenn jemand versucht, alles ganz „richtig“ und wahrhaft zu machen. Und selbst der Dokumentarfilmer wird irgendwann vor der entscheidenden Tür stehen, die nicht geöffnet wird. Da dringt nur die Fantasie ein. Im Theater kann ich sie öffnen.
Was uns die Pandemie beschert hat
Was im Film zu sehen ist, ist tot, ist Vergangenheit – im Theater ist alles Gegenwart. Zukunft können wir nicht darstellen, denn die gibt’s halt noch nicht. Sie wird uns immer wieder überraschen, positiv und negativ. Gerade im postpandemischen Theater werden wir sehen, was übrig bleibt, was dann noch möglich ist. Das kann uns Angst machen, und das kann uns in Verzückung versetzen mit Blick auf die veränderten Möglichkeiten, Theater zu zeigen – zum Beispiel auch im Stream.
Das Problem ist, dass die Theater noch nicht wirklich darauf vorbereitet und dass die Produktionsbedingungen noch unklar sind: Hauptsache, es geht immer schnell und zack, zack, und es darf möglichst nichts kosten. Aber denken wir doch mal strukturell weiter und fordern: An einem Theater muss es immer auch ein professionelles Filmteam geben. Und wie sollten Theater in Zukunft gebaut werden? Mit Produktionsabteilungen für die elektronischen, digitalen Formate neben den eigentlichen Bühnen und Spiel-Räumen? Wollen wir Kino und Livetheater gleichzeitig zeigen? Vielleicht ist das auch fürs Kino gut – die kleinen Lichtspielhäuser sterben ja, und die großen sind längst nur noch industrielle Abspielstätten in der Hand der major companies. Echte Filmkultur wird sich meiner Meinung nach bald nur noch innerhalb der Theater entwickeln können.

Hätte gern eine eigene Company: Regisseur Herbert Fritsch. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz
Das ist das, was uns diese Pandemie beschert hat: dass wir über all diese Medien noch mal neu nachdenken können. Und müssen – wollen müssen! Dann kommt der nächste Schritt: Wie sieht’s mit den Stadt- und Staatstheatern aus? Ich will dieses System überhaupt nicht in Frage stellen; es braucht keine massiven politischen Eingriffe in die Bedingungen, unter denen dort produziert wird. Das können die Bühnen selber leisten – Persönlichkeiten und Inhalte sind entscheidend. Wir sind alle Lügenbolde und Kleinkriminelle am Theater, jeder und jede immer auch Don Quichotte. Das Theater ist unser Freiraum – aber keine Komfortzone, kein Streichelzoo für Schauspieler und Schauspielerinnen.
Persönliche Theaterträume
Vollständige Freiheit der Kunst hat es auch im Theater nie und nirgends gegeben. Aber auch eher einfache Dinge sind im Theater, wie es jetzt ist, noch nicht möglich – etwa die Organisation von Produktionsteams. Ich habe Schauspielerinnen und Schauspieler kennengelernt, mit denen ich bevorzugt arbeite und auch gern weiter arbeiten würde. Kann ich aber derzeit nicht – ich habe kein eigenes Haus bekommen, und das ist auch gut so (drei Anläufe habe ich allerdings unternommen!). Ich will Theater machen und „inszenieren“; obwohl ich eigentlich immer Schauspieler bin, auch als Regisseur und Bühnenbildner. Ich spiel halt gern. Und ich spiel auch gerne mit bei den Proben. Das Ensemble muss mich gelegentlich von der Bühne jagen…
Ich hätte gern eine eigene Company, aber integriert ins System. Feste Ensembles müssen bleiben, und mit allen sollen Regisseurinnen und Regisseure arbeiten. Das hab ich auch immer so gehalten: gleich zu Beginn als Regisseur in Luzern und Halle, Magdeburg oder Schwerin. Überall da habe ich aber Leute kennengelernt, mit denen ich sofort ein grandioses Ensemble hätte zusammenstellen können. Da habe ich erst begriffen, wie wichtig all diese Theater sind. Aber ich konnte diese frisch entdeckten Partnerinnen und Partner fast nie mitnehmen. Heute wünsche ich mir eine Art fliegendes Ensemble, und Roberto Ciullis Weg mit dem Theater an der Ruhr in Mülheim ist das herausragende und unbedingt nachahmenswerte Beispiel für so einen Weg. Trotzdem könnte ich immer wieder an neue Häuser gehen – aber ich brauche eine Produktion im Jahr mit Menschen, die mit mir und mit denen ich gewachsen bin. Die haben mich zu dem gemacht, was ich bin.
Der Regisseur als Idiot und Gärtner
Ich möchte regelmäßig mit Menschen arbeiten, die gerade meiner Fantasie folgen möchten und umgekehrt mir Fantasien zurückgeben, die mich und damit alle inspirieren. Schauspielerinnen und Schauspieler, Sängerinnen und Sänger gibt’s, die stecken mich an. Ich lache und weine dann, wenn ich zuschaue. Als Regisseur bin ich ja ein Idiot, und das muss auch so sein. Ich muss jemand sein, der nichts versteht und nichts begreift, der keine Ahnung hat von dem, was da abläuft – das müssen mir die da oben zeigen, dann kann ich reagieren. Ich fühle mich eher als Gärtner und gieße Blumen… Und dann fangen die an zu blühen. Da blüht nicht der Gärtner, sondern die Blume blüht.
Und das gilt nicht nur für die Menschen auf der Bühne, das gilt für alle im Theater: die Gewerke, die Abteilungen unterschiedlichster Art. Alle am Theater sollen alles spielen – das ganze Theater ist ein Spiel; manchmal wird es allerdings zu verbissen, ja fast kriegerisch betrieben. Das liegt aber nicht am System oder am Patriarchat oder was weiß ich. Entscheidend ist, mit welchem Herzen wir spielen, wie wir die Sachen lieben, die wir machen.
Miteinander Sein
Nicht nur Programme abspulen und auch nicht immer alles Alte wegschmeißen wollen für irgendeine Art von Moderne; stattdessen auf die Bereicherung durch das Fremde schauen: frühes russisches und japanisches Kino, Schauspieler wie Alexander Moissi, der Albaner war, eigentlich nur Italienisch sprach und aus diesem Fremdsein den eigenen Theaterton entwickelte. So etwas zählt, auch in Zukunft. Es macht übrigens Spaß, in diesen Zeiten Karl Valentins Zukunftsvision von den „Zwangsvorstellungen“ zu lesen.
Was ich vom Theater will? Vor allem und ganz wichtig: wieder miteinander Sein. Und jeden Tag sich selber fragen: Wie wollen wir spielen? Wozu und warum? Denn – wie gesagt – die Zukunft des Theaters steht in den Sternen. Gegenwart zählt.
Herbert Fritsch ist Schauspieler und Regisseur. Geboren wurde er 1951 in Augsburg. Nach der Schauspielausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule spielte er an zahlreichen Theatern. Bis 2007 gehörte er zum Ensemble der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, zahlreiche Arbeiten mit Frank Castorf. Seitdem arbeitet er als freier Regisseur. Zahlreiche Einladungen zum Berliner Theatertreffen. Herbert Fritsch hat auch zahlreiche multimediale Installationen erarbeitet, darunter „Hamlet_X“.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.7/2021.