Screenshot von der Oberfläche des neuen Streamingportals der Jungen Ulmer Bühne.

Faust, Werther und der böse Wolf

Screen-Capture-Abenteuer, Zoom-Performances, Interaktion per App – es gibt erstaunlich viele gute Versuche, Kinder und Jugendliche in Corona-Zeiten fürs Theater zu begeistern. Streamings sind da noch die schlichtere Variante.

Einfach Theater zu sich nach Hause holen können Kinder und Jugendliche mit der Plattform theater-stream.de, die die Junge Ulmer Bühne (JUB) kürzlich gründete. Dort stellen 13 Jugendtheater aus Baden-Württemberg abgefilmte Bühnenstücke zum Abruf bereit. Das Angebot richtet sich primär an Schulklassen, auch virtuelle Nachgespräche im Klassenzimmer sind möglich. Das Land förderte die Plattform mit 125000 Euro. „Kluge digitale Programme können ein Publikum ansprechen, an das man sonst nicht rankommt“, sagte Staatssekretärin Petra Olschowski. Aber können abgefilmte Stücke wirklich Jugendliche anziehen, die sonst nicht ins Theater gehen würden?

Aktuell abrufbar sind sieben Produktionen von sechs Theatern. Für Kindergartenkinder ist etwas dabei, so zum Beispiel „Ox und Esel“ vom Jungen Theater Heidelberg, aber auch Oberstufenschüler*innen werden angesprochen, etwa durch die JUBEigenproduktion des Klassikers „Faust“. Den konnte das Theater dank der Finanzierung umschreiben, um ihn dann mit fünf Kameras abzufilmen. Entstanden ist ein sogenannter Theaterfilm, ein Hybrid aus beidem, in dem Mephisto gerne mal die Handkamera kapert und durch ihre Linse um die Aufmerksamkeit des Publikums ringt, bevor er am Ende wehmütig die leeren Ränge des Theatersaals abfilmt.

Streaming und Theaterfilme

Ist Streaming also die Lösung angesichts der leeren Ränge? Nur bedingt, denn die Gefahr ist groß, dass aus einem guten Stück ein schlechter Film wird. Heißt: Auch wenn eine Inszenierung auf der Bühne super ankommt, kann sie in abgefilmter Version ihren Effekt einbüßen. Während das Publikum beim Theaterbesuch selbst entscheiden kann, wo es wann hinschaut, übernehmen beim Stream Regie und Schnitt diese Entscheidung. Mehrere Kameras sorgen für perspektivische Abwechslung. Solch eine aufwendige Verfilmung ist nicht bei allen Streams gegeben: Die Plattform hat keine klaren Qualitätsstandards, auch um die künstlerische Freiheit nicht einzuschränken.

Aufführungsfoto „Faust“ an der Jungen Ulmer Bühne. Ein Mann im dunklen Anzug und Sonnenbrille springt tanzend in die Höhe.

Aufführungsfoto „Faust“ (mit Ferdinand Reitenspies) an der Jungen Ulmer Bühne. Foto: Markus Hummel

Hinter der Wirkung der Theaterfilme steht also noch ein großes Fragezeichen. Die Plattform sei auf keinen Fall ein Ersatz für den Theaterbesuch, meint auch Staatssekretärin Olschowski. Vielmehr sieht sie sie als Übergangslösung und auf lange Sicht als Ergänzung. Besonders für Kinder und Jugendliche, für die ein normaler Theaterbesuch aus infrastrukturellen, finanziellen oder sonstigen Gründen nicht möglich ist. Ein wichtiger Schritt also. Jedoch darf Streaming nicht das Ende der digitalen Bemühungen sein.

Interaktive App

Innovativere Ideen gibt es schon, etwa in der freien Szene. Hier entwickelten die Regiestudierenden Cosmea Spelleken und Lotta Schweikert das Onlinestück „werther.live“. Den Roman „Die Leiden des jungen Werther“ haben sie zum Screen-Capture-Abenteuer umgeschrieben. Dabei verfolgt das Publikum live die Onlineaktivitäten der Charaktere, indem es deren Chats mitliest und ihren Videotelefonaten beiwohnt. Zusätzlich kann es direkt mit den Figuren in Kontakt treten, denn Werther, Lotte und Co. haben eigene Facebook- und Instagram-Profile. Das ist ein Ansatz, der aus der Not eine Tugend macht und den digitalen Raum bestmöglich nutzt.

Aber nicht nur in der freien Szene tut sich was: Auch die Kulturstiftung des Bundes hat mittlerweile eingesehen: „Der digitale Raum bietet innovative Möglichkeiten, die bislang nicht ausgeschöpft werden.“ Mit ihrem Programm dive in förderte sie deshalb unter anderem das Theater Erlangen und sein Projekt DDP – Digital Dialog Plakat. Das soll Theater per App zu den Menschen bringen und fordert sie zur digitalen Interaktion heraus. So kann das Publikum zum Beispiel seine Kamera auf ein Plakat des Stücks „Protest4“ richten und wird dann in der App des Theaters dazu aufgefordert, selbst für oder gegen etwas zu protestieren. Videos oder Tonaufnahmen vom eigenen Protest können anschließend in die App hochgeladen werden und bilden eine Collage mit den Protesten anderer Nutzer*innen. So soll das Publikum einen persönlichen Bezug zum Thema des Stücks herstellen können. Denn „die Aufführung beginnt, bevor ich im Saal bin“, meint Projektkoordinator Stefan Prochnow.

„Wir wollen Theater als Kommunikation begreifen und schon während der Probenzeit die Perspektiven der Leute einfangen.“ Im besten Fall führt das zu einem Austausch: Theater und Publikum beeinflussen sich gegenseitig. Noch diese Spielzeit soll die neue App veröffentlicht werden. Weitere Features sind dann zum Beispiel die digitale Schulklasse, bei der Schüler*innen sich über die App und mithilfe der Theaterpädagogik mit einer Inszenierung auseinandersetzen.

Mobile Stücke

Andere Theater verlagern sich noch nicht komplett ins Digitale, sondern kämpfen weiter darum, wieder vor Kindern spielen zu dürfen. So zum Beispiel das Theater Mummpitz in Nürnberg, das mobile Stücke in die Schulen bringen will. „Mit ,Wolf gesucht!‘ haben wir schon länger eine kleine mobile Produktion im Programm“, erzählt Pressebeauftragte Cathrin Blöss. Das Einfraustück wurde zuletzt mit Maske in der Schulturnhalle vor einer Klasse gespielt. „Und selbst davon waren nur acht Kinder da, weil die anderen in Quarantäne waren. Das war schon ein trostloses Bild“, erinnert sich Blöss. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Probenfoto aus „Odysseus“ (mit Leonie Hassfeld und Jan-Hendrik Kroll) an der Jungen Ulmer Bühne. Eine junge Frau und ein junger Mann nebeneinander mit einer weißen und einer schwarzen Corona-Maske. Vor ihnen eine Landkarte, sie zeigt mit dem Zeigefinger nach vorne.

Probenfoto aus „Odysseus“ (mit Leonie Hassfeld und Jan-Hendrik Kroll) an der Jungen Ulmer Bühne. Foto: Markus Hummel

„Eigentlich sind Klassenzimmerstücke ein Luxus“, bemerkt sie. Vor so wenigen Kindern zu spielen ist schwer zu finanzieren. Deshalb startete das Theater einen Spendenaufruf und erhielt innerhalb weniger Wochen schon 1000 Euro. Blöss freut sich über diese Freigiebigkeit und meint: „Viele haben dann doch was übrig, weil sie teilweise weiter ihr Gehalt bekommen, aber das Geld nicht für Konzerte oder Theater ausgeben können.“ Auch wegen dieser Unterstützung können sie weiterkämpfen. „Damit die Kinder wenigstens irgendwas haben.“

Als Übergangslösung stellen viele Theater aktuell Streams vergangener Inszenierungen kostenlos auf ihre Websites. Das soll aber lieber nicht zur Norm werden, wenn es nach Sven Wisser geht, dem Leiter der Jungen Ulmer Bühne. Er ist überzeugt: „Kultur soll nicht kostenlos sein“. Deshalb zahlt man auf der Ulmer Streamingplattform für jeden Zugang fünf Euro. Mit der Betreuung der Plattform sowie zusätzlichen Ausgaben für Kameras, Kameraleute, und Videoschnitt stößt die JUB trotz Eintrittsgeld und Förderung an ihre Grenzen. Auch Cathrin Blöss weiß: „Ein Video-on-demand zu produzieren ist viel teurer als ein normales Stück.“ Sie ärgert sich besonders darüber, dass es den Theatern vonseiten der Regierung so schwer gemacht wird. In Berlin zum Beispiel bleiben Stadtbibliotheken und Buchhandlungen geöffnet, und der Kultursenator gab bekannt, dass Kinder- und Jugendtheater so bald wie möglich wieder spielen sollen. Ein wichtiges Signal für die Kultur. „Ich bin enttäuscht, dass Bayern nicht diese Prioritäten hat“, meint Blöss.

An Ideen mangelt es nicht

An Ideen mangelt es deutschlandweit trotzdem nicht. Das Staatstheater Augsburg verleiht VR-Brillen, mit denen Theaterstücke und Ballette ins eigene Wohnzimmer geholt werden können. Das Berliner Theater an der Parkaue kommt per Zoom-Performance virtuell in die Klassenzimmer, und das Anhaltische Theater Dessau bietet einen „Theater-Lieferdienst“ an, mit dem es, ähnlich wie das Theater Mummpitz, mit Einpersonenstücken an die Schulen kommt.

Was diese Formate aufregender macht als jederzeit abrufbare Streams? Wohl das Live-Element. Dass das Bühnengeschehen in diesem Moment stattfindet und nicht wiederholbar ist, macht einen großen Teil des Theaterzaubers aus. Wenn das wegfällt, ist es dann noch Theater? Es ist eine andere Form von Theater. Eine, die nicht leichthin abgelehnt werden sollte, die durchaus ihre Berechtigung hat. Aber die nicht ausreicht. Dass es parallel zu Streams so viele innovative Ideen für digitales Livetheater gibt, weckt Hoffnung. Denn diese Formate sind nicht nur Übergangslösung, sondern werden die Theater hoffentlich auch im Normalzustand, wenn er irgendwann wieder da ist, weiter bereichern.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2021.