„Jedes Mal, wenn ich verurteilen will, muss ich eher eine Frage stellen“
Text:Martina Jacobi, am 13. Mai 2026
Von der Erfolgs-Serie „Schwarze Früchte“ in der ARD bis hin zur aktuellen Inszenierung „Die Zwillinge“ am Maxim Gorki Theater in Berlin bricht Lamin Leroy Gibba mit eindimensionalen Zuschreibungen. Jenseits von Klischees zeigt der Autor, Regisseur und Schauspieler seine Perspektive auf die deutsche Kulturlandschaft.
it „Schwarze Früchte“ hat Lamin Leroy Gibba etwas geschafft, das zurzeit wieder utopisch erscheint: Eine Produktion über die queere, Schwarze Community in Deutschland im Öffentlich-rechtlichen. 2024 wurde die Dramedy-Serie in der ARD ausgestrahlt. Gibba ist leitender Autor und spielt die Hauptrolle: Lalo aus Hamburg, im Mitte-Zwanziger-Chaos, schwul, den der plötzliche Tod seines Vaters aus der Bahn wirft. „Schwarze Früchte“ hatte 2024 beim New Yorker Tribeca Film Festival Premiere. Die Serie wurde mit einem mehrheitlich Schwarzen, queeren Team produziert, auch das war ein Novum in der deutschen Filmlandschaft.
Im Frühjahr 2020 pitchte Gibba die Serie bei Produktionsfirmen. Im folgenden Sommer war Black Lives Matter in Deutschland angekommen. „Ein Moment, in dem über Schwarze Lebensrealitäten anders nachgedacht wurde“, erinnert er sich in einem Café im Berliner Stadtteil Wedding. „Es war eine Zeit, wo das Öffentlich-rechtliche aktiv nach neuem Publikum gesucht hat: jünger, People of Color und so weiter. Es ist schlimm, dass es dafür ein solches Ereignis geben musste, aber zu dem Zeitpunkt gab es dadurch eine leichte Öffnung, es wurde anders zugehört.“ Gerade sei man wieder über den Punkt hinaus, an dem solche Projekte umgesetzt werden würden, der Rücklauf von Diversität sei mehr als deutlich – auch eine Auswirkung verschiedener finanzieller Kürzungen. „Es war kein Trend und hätte nie als Trend verstanden werden sollen. Aber jetzt ist klar geworden, dass Personen in Machtpositionen diese Zeit so verstanden haben, weil sich strukturell nichts verändert hat.“
Es ist ein graues, regnerisches Berlin und das Wochenende, an dem die besten Filme der Berlinale 2026 ausgezeichnet sowie der Teddy Award, der queere Filmpreis des Festivals, verliehen wird. Beim Interview mit dabei ist auch die Künstlerin, Choreografin und Regisseurin Joana Tischkau. Gibbas und ihre erste Zusammenarbeit, die Inszenierung „Die Zwillinge“, bei der Tischkau Regie führt, feierte im Februar Premiere am Maxim Gorki Theater. Auch hier stammt der Text von Gibba und er spielt eine der Hauptrollen: Ricardo, der seinen Zwillingsbruder Timo (Sisi Bo’wale) tötet. Der Titel weist auf die Ambivalenz menschlicher Realitätskonstruktion und -wahrnehmung: von den ungleichen Zwillingen wird einer als Schwarz, der andere als weiß wahrgenommen. Vor dem Mord ist Ricardo nicht nur der Gewalt seines Bruders, sondern auch Rassismus insgesamt ausgesetzt. Gibbas Textinhalt eröffnet eine Menge an Zuschreibungen, doch macht er hier wie auch in „Schwarze Früchte“ eine Welt auf, die eine viel komplexere Wirklichkeit freilegt.
In „Die Zwillinge“ setzt er einen narrativen Fokus, den er bewusst auf die Medien- und Filmbranche ausweitet: Die Art und Weise, wie wir Geschichten, wie wir die Realität erzählen und rezipieren. In der Inszenierung wittert die ehemalige Journalistin und nun Drehbuchautorin Melanie Opoku (Ruby Commey) im Brudermord einen Filmstoff, verheddert sich aber im Anspruch, das „große Ganze“ zu erfassen. Sie erhält einen journalistischen Preis nach dem anderen, bis auffliegt, dass sie die Fakten an manchen Stellen überstrapaziert. Die Figur erinnert an den Fall des SPIEGEL-Betrugs-Journalisten Claas Relotius, zieht eine Parallele zu Realitäts-Manipulation. „Details sind wichtig“, sagt Opoku im Stück, „sie geben Leuten das Gefühl, dass etwas wahr ist.“ Was aber, wenn diese Details nur eine bestimmte Perspektive abbilden?

Lamin Leroy Gibba in „Die Zwillinge“ am Maxim Gorki Theater. Foto: Etritanë Emini
Einer solchen Realität sehen sich Gibba und Tischkau in der deutschen Theaterlandschaft und Filmbranche gegenüber. Es sei eine Entscheidung von jedem Haus, wie es Gesellschaft imaginieren will. „Ob man ins Theater geht oder den Fernseher einschaltet, in der Masse wird dort ein Deutschland gezeigt, das sehr anders aussieht als unsere vielfältige Gesellschaft wirklich ist“, sagt Gibba, „die Dinge, die man sieht, haben eine krasse Homogenität von Perspektiven: Wie über Sachen gesprochen wird, wer auf der Bühne steht, wer wie vorkommen darf.“ Ins Theater zu gehen, sei oft eine schmerzhafte Erfahrung, obschon es in den letzten Jahren Veränderungen gab. „Es gab viele coole, unterschiedliche Stimmen, die Raum einnehmen konnten. Aber das ist ein krasser Rücklauf gerade.“
„Kein Charity Ding“
Gibba, 1994 in Münster geboren, wuchs in Hamburg auf, wo er erste Theatererfahrungen im Jugendclub des Deutschen SchauSpielHauses sammelte. Dann studierte er mit einem Stipendium Schauspiel und Film an der Universität The New School in New York City. Als Schauspieler trat er am Classical Theatre of Harlem und im Performance Space New York auf. 2019 fing er mit dem Drehbuch für „Schwarze Früchte“ an. Das Schreiben brachte ihn schließlich zurück nach Deutschland. Obwohl in New York grundlegend andere Perspektiven Raum einnehmen könnten als in Deutschland, habe es sich komisch angefühlt, nur im amerikanischen Kontext zu schreiben, er habe den deutschen Kontext ins Zentrum stellen wollen.
„Das ist kein Charity Ding“, findet Gibba, „People of Color, queere Personen, behinderte Personen und so weiter – wir brauchen diese Perspektiven. Man macht sich als Institution irrelevant, wenn man immer wieder eine homogene Masse von Perspektiven zeigt.“ Gerade würden sich Theater und Fernsehen selbst Türen verschließen und der Anschluss an die Gesellschaft gehe verloren. Tischkau geht es dabei nicht bloß um Repräsentation, sondern den eigentlichen Kern von Theater als Empathiemaschine: „Es geht nicht nur um mich, dass ich mich in irgendwas sehe, sondern dass man überhaupt eine andere Perspektive einnehmen kann, dass man schafft, Empathie zu entwickeln, nicht nur von sich auszugehen.“

Lamin Leroy Gibba als Lalo in der ARD-Serie „Schwarze Früchte“. Foto: ARD Degeto/Jünglinge Film/Repro
Gibbas erstes Stück am Gorki, „blues in schwarz weiss“ wurde 2024 uraufgeführt und ist nach einem Gedichtband von May Ayim (1960-1996), Dichterin und Identifikationsfigur der afrodeutschen Bewegung, benannt, in dem sie Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung verarbeitet. „am anfang war das wort“, schreibt Ayim darin, und später, „es fehlt mir das wort / für das was ich sagen will / die intuition für das / was ich empfinden möchte / die empfindung für das / was ich spüren müsste.“ Ayim schrieb den Text als Reaktion auf den explodierenden Rechtsextremismus in Deutschland nach 1989. Auf der Bühne betrachten sich die Schauspielerinnen Benita Bailey und Ruby Commey mit dem Rücken zum Publikum im an der Rückwand angebrachten Spiegel, sprechen die Worte, die bedächtig ihre Kraft entfalten. Dazu schallt über Lautsprecher ein dumpfes, pulsierendes Pochen in den Raum.
Lieber cringe als pädagogisch
Die Szenen, die Gibba für Bühne und Kamera entwirft, gehen einem nah. Bei Ayim dadurch, dass er den Worten Raum lässt, die ein sensibles Biopic der Dichterin zeichnen. Bei „Schwarze Früchte“ und „Die Zwillinge“ durch Momente, die witzig sind, auch Fremdscham auslösen. „Dieser verurteilende Blick als schreibende und spielende Person muss raus. Jedes Mal, wenn ich verurteilen will, muss ich eher eine Frage stellen“, sagt er. Der Cringe-Faktor bewirke, Eigenschaften an sich selbst zu entdecken, die man sich vielleicht nicht eingestehen wolle. Er und Tischkau wollen alles andere als pädagogisches Theater machen: „Ich will die Komplexität des Themas noch weiter verkomplizieren, dass man am Ende vielleicht mit noch mehr Fragen rausgeht. Gerade in Bezug auf Race will ich Uneindeutigkeit herstellen“, so die Regisseurin. Für Tischkau ist gerade in Hinblick auf White Supremacy – Konstrukte, die Rassismus rechtfertigen oder begünstigen – wichtig, über ihre eigene Position und Privilegien nachzudenken. Die Politisierung der Begriffe Schwarz und weiß folgt hier der Logik sozialer Strukturen, durch die Menschen Vorteile erfahren, beispielsweise durch einen Job oder die Sprache, die man spricht. Zu Beginn von „Die Zwillinge“ habe es viel Austausch zur Besetzung des Stücks gegeben, der Darstellung von Race. „Brauchen wir wirklich eine weiße Person, um den weiß gelesenen Zwilling darzustellen? Oder können wir das über andere ästhetische Mittel herstellen?“, erinnert sich die Regisseurin.
Anstatt Identitäten voneinander abzugrenzen, zeichnen Text und Inszenierung hier viel mehr ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten. Wie in „Schwarze Früchte“ entwirft Gibba eine Ambivalenz von Grenzziehungen und -überschreitungen, Identitätsverhandlungen, die immer persönlich sind. Die Geschichten, die er im Theater vermisst, schreibt er einfach selbst: „Es gibt viele komplexe Arten, über Strukturen nachzudenken wie Rassismus, Sexismus und Klassismus. All diese Dinge sind immer Teil von meinen Arbeiten, aber nicht das Thema, sondern ein Blick, mit dem ich schreibe.“
