Cosmea Spelleken in ihrer Wiener Wohnung. Sie sitzt auf enem Stuhl, die Beine auf der Sitzfläche, die Hand greifen in die Haare. Im Hintergrund ein kleiner Holztisch mit zwei weiteren Stühlen. AUf dem Tisch eine Tischlampe mit Schirm und eine Porzellanteekanne.

Die Frau der Stunde

Cosmea Spelleken hat mit ihrer Erfolgsinszenierung „werther.live“ die Theaterlandschaft umgekrempelt. Nun kam mit „möwe.live“ am Staatstheater Nürnberg ihre zweite Klassikerüberschreibung fürs Digitale heraus. Porträt einer Regisseurin, die viele Pläne für Theater, Film und alles dazwischen hat.

Frau der Stunde zu sein ist ganz schön anstrengend. Das bekommt Cosmea Spelleken gerade zu spüren. Als wir im Dezember 2021 sprechen, ist sie zehn Stunden am Tag für ihr Regiestudium an der Wiener Filmakademie am Set. Gleichzeitig stehen Endproben fürs neue Theaterstück „möwe.live“ an. „Wenn am Freitagabend die Klasse nach dem Dreh noch Bier trinken gegangen ist, musste ich nach Hause, Probe vorbereiten“, erzählt sie. Dass ihr 26. Lebensjahr mal so aussieht, hätte sie nicht gedacht. Aber Spelleken genießt den Erfolg. Nimmt ihn mit, solange er da ist. Sie hat lange darauf gewartet, das zu tun, was sie liebt.

Dass sie in den künstlerischen Bereich will, weiß sie schon immer. Sie wächst in Freiburg auf und denkt sich bereits im Kindergarten kurze Theaterstücke aus. An ihr erstes Theatererlebnis erinnert ein Plakat in ihrer Küche: „Tranquilla Trampeltreu“, besucht an einem fünften Kindergeburtstag. Sie liebt es, Geschichten zu hören und zu erzählen. Sich in Figuren wiederzufinden hilft dem träumerischen Mädchen über Einsamkeiten hinweg. Statt in der Schule, wo sie Außenseiterin ist, findet sie am Freiburger Cargo-Theater Anschluss. Ihr gefällt, dass bei den Recherchestücken, an denen sie mitwirkt, die Bühne der Geschichte dient. Mit fünfzehn beschließt Spelleken, die Welt der Literatur kennenzulernen.

Plakat von „möwe.live“ am Staatstheater Nürnberg von Cosmea Spelleken.

Plakat von „möwe.live“ am Staatstheater Nürnberg von Cosmea Spelleken. Foto: punktlive

Onlinetheater

In der Buchhandlung drückt man ihr „Die Leiden des jungen Werther“ in die Hand. Dann findet sie zum Film, inszeniert mit sechzehn erste Kurzfilme. Während ihres Medienkunststudiums in Karlsruhe jobbt sie an Sets, probiert von Kostümbild bis Regie alles aus. Sie ist neugierig, versucht sich mit verschiedenen Mitteln auszudrücken. „Ich habe total Lust, in andere Lebensrealitäten einzutauchen. Deshalb trampe ich zum Beispiel auch gern“, erzählt sie. Mit Theater tat sich Spelleken in ihrer Jugend zunehmend schwer. „Ich hatte das Gefühl, alles, was da gemacht wird, betrifft mich nicht“, erklärt sie ihre Frustration. Acht Jahre nach der Buchhandlung zoomt sie dann mit einer Freundin, es ist der erste oder zweite Lockdown. Sie trinken Weinschorle und lassen sich über die Einfallslosigkeit des Coronatheaters aus. Spelleken beschließt kurzerhand, es besser zu machen. „Man braucht kein Riesenbudget, um gutes Onlinetheater zu machen“, so ihre Überzeugung.

Die Idee: Werther ins Heute holen. Was früher Briefe waren, seien heute Chatnachrichten, meint sie. Auch Werthers Verliebtheit und Einsamkeit könnten viele junge Leute nachvollziehen. Am nächsten Morgen telefoniert sie mit Leonard Wölfl und Lotta Schweikert, Freunde vom gemeinsamen Filmemachen, die sofort als Techniker und Regieassistentin an Bord sind. Die Konzeption beginnt. Beim Casting sucht sie nach Kamerapräsenz und Lust auf aktives Mitgestalten: „Das war wirklich ein Glückstreffer, dass wir Jonny und Klara so schnell gefunden haben“, berichtet Cosmea Spelleken. Sie startet mit einem groben Szenenkonstrukt, lässt das Ensemble improvisieren und entwickelt davon ausgehend den Stücktext. So schafft sie es, die Echtheit und Nähe herzustellen, die ihre Werke ausmachen. In „werther.live“ rückt sie Werthers Welt ins Heute, indem sie per Screen-Capture live Einblick in die Onlineaktivitäten der Titelfigur gewährt. Werther chattet mit seinem besten Freund, lernt bei eBay Kleinanzeigen Lotte kennen, trifft sich mit ihr zum romantischen Date auf Zoom.

Das punktlive-Team bei der FAUST-Verleihung in der Oper Hannover. Zwei Männer und zwei Frauen lächeln in die Kamera. Im Hintergrund der Zuschauersaal der Oper.

Mit dem punktlive-Team bei der FAUST-Verleihung in der Oper Hannover. Foto: Markus Nass

Dabei zuzuschauen hat etwas Intimes; diese Nähe wird noch dadurch unterstützt, dass das Publikum über die sozialen Medien mit den Charakteren interagieren kann. „Anfangs war ich überrascht, dass es funktioniert, eine Geschichte über den geteilten Bildschirm zu erzählen“, gibt Spelleken zu. Und wie es funktioniert. Im Frühjahr 2021 lobt die New York Times das Stück, plötzlich hat der Stream 1300 Zuschauer:innen auf einmal. Theater heute wählt Spelleken zur Nachwuchsregisseurin des Jahres. Im November war sie mit ihrer Truppe beim Deutschen Theaterpreis DER FAUST in Hannover und am nächsten Abend in Wien als Nominierte bei der Verleihung des österreichischen Theaterpreises. „Es fühlte sich an, als wäre man high“, sagt sie heute. Mit dem Erfolg steigen aber auch die Erwartungen.

Kollektiv punktlive

Was kommt als Nächstes? Gemeinsam mit dem „werther“-Team gründet sie das Kollektiv punktlive. Spelleken wird in dieser Zeit ernster, trägt jetzt mehr Verantwortung. „Der Erfolg hat mir gezeigt, dass ich meiner Intuition vertrauen kann. Dass aus meinen wilden Ideen plötzlich Zukunftsperspektiven wachsen, macht mich extrem stolz“, sagt sie. Nach monatelangen Onlineproben trifft das Kollektiv im Sommer 2021 erstmals persönlich aufeinander, eigentlich für einen gemeinsamen Urlaub. Doch schon bald führen die Kreativen Rollengespräche fürs nächste Projekt. Nichtstun fällt Spelleken schwer. „Ich mag die Arbeit ein bisschen zu gerne“, gibt sie zu.

Mit der „Möwe“ von Tschechow nimmt sie sich erneut einen Stoff vor, in dem jugendliche Liebe fatal endet. Wieder geht es um Einsamkeit und Selbstzweifel. Und wieder gelingt ihr ein berührendes Stück, das sich im modernen digitalen Setting doch im traditionellsten Sinn des Theaters vor allem für seine Figuren und deren Emotionen interessiert. „Ich glaube schon, dass in unserer Gesellschaft viele junge Menschen sehr einsam sind“, sagt Cosmea Spelleken. Sie hofft, dass sich Zuschauer:innen, die diese Gefühle kennen, durch ihre Stücke weniger allein fühlen. „Das Schlimmste für mich ist tagespolitisches Theater“, sagt sie. Sie fragt sich lieber: Wie geht es meinen Figuren? Denn die emotionalen Konflikte der Charaktere seien im Gegensatz zur Politik überzeitlich gültig.

Screenshot von „werther.live“. Mehrere offene Fenster auf einem Macbildschirm. Ein Textfeld, untendrunter eine Nahaufnahme einer jungen Frau.

Screenshot von „werther.live“. Foto: punktlive

Auch wenn ihre Stücke auf Improvisation bauen: Spelleken weiß genau, was sie will. Beim Erschaffen ihrer digitalen Welten achtet sie auf jedes kleinste Detail. Ihr liebevoll eingerichtetes Schlafzimmer, in dem sie beim Interview sitzt, ist Beleg dafür. Hinter ihr steht eine antike Kommode aus dunklem Holz. Sie liebt historische Dinge. Über das Greifbare nähert sie sich auch ihren Figuren an, schafft ihnen eine Welt, in denen sie heimisch sein können. „Dadurch, dass ich superviele Details anhäufe, bekommt meine Welt Dreidimensionalität“, erklärt Spelleken. Das wird auch bei einer Probe für „möwe.live“ deutlich. Die Unterhosen und Strampler, die er in einer Szene zusammenfalten wird, soll Schauspieler Jonny Hoff noch mal in die Waschmaschine stecken. „Die sehen zu zusammengelegt aus.“

Raum zum Ausprobieren

Präzision verlangt auch die Technik hinter dem Stück. Spelleken sitzt auf dem Dielenboden ihres Schlafzimmers, um sie herum sind Zettel mit den einzelnen Szenen ausgebreitet. Sie hält einen nach dem anderen in die Kamera und geht ihn mit dem Team durch. Was wird wann gepostet? Nicht vergessen, den Router vor der Vorstellung neu zu starten! Vor dem Durchlauf bittet Jonny Hoff um eine Pause. „Das ist die Szene mit dem größten Technik-Setup!“, klagt er. „Ja und? Heul doch!“, gibt Spelleken neckend zurück.

So führt sie ihr Ensemble nicht ohne Schäkereien, aber sehr bestimmt, und auch mal autoritär, durch die Probe. Hoff schätzt an Spelleken, dass sie sich selbst zurücknimmt, mit den Spielenden in den Dialog tritt. Sie stelle die Sache in den Mittelpunkt, verberge bei der Arbeit auch eigene Unsicherheiten nicht, beobachtet auch Schauspieler Nils Hohenhövel. Damit schaffe Spelleken ein Zuhause für Ideen, die er sich sonst höchstens mal in der Theaterkantine erlaube oder allein zu Hause, schwärmt er. Ihre Regie gebe den Raum, alles wertfrei auszuprobieren.

Ein Porträt von Cosmea Spelleken vor einer blauen Stoffwand.

Cosmea Spelleken. Foto: Annette Hauschild / OSTKREUZ

Raum gibt Spelleken auch ihren Figuren. Sie spricht von ihnen, als wären sie gespenstische Freunde, immer präsent. Zum Verhältnis zweier Charaktere sagt sie ganz bestimmt: „Wenn Trigorin an Weihnachten da ist, kommt Kostja nicht.“ Sie möchte ihre Figuren kennenlernen und ihr Publikum an diesem Prozess teilhaben lassen. Das erleichtert sie dadurch, dass sie die Figuren über ihre Social-Media-Profile erreichbar werden lässt. Denn Spelleken begreift das Internet als Raum für Begegnungen. Wo hört die Bühne auf, und wo fängt meine Lebensrealität an? Diese Grenze will sie immer wieder verwischen.

Zwischen Film und Theater

Am Anfang der mit Spannung erwarteten Premiere von „möwe.live“ am 11. Dezember 2021 kommt die Ansage: „Bitte schalten Sie Ihr Mobiltelefon nicht aus.“ Über das rein Analoge sind wir hinaus, so ist Spelleken überzeugt. „Zoom ist nun mal gerade unsere Lebensrealität“, erklärt sie. Dann solle es auch einen Platz im Theater haben, wenn das Theater der Spiegel der Gesellschaft sein will. „Wir brauchen neue Formen“, das twittert Kostja auch im Stück. Er fühlt sich in seinen Bemühungen um modernes Theater nicht ernst genommen. Da geht es den Masterminds hinter dem Stück besser: Für „möwe.live“ kooperieren sie mit dem Staatstheater Nürnberg. „Das ist natürlich eine schöne Bestätigung, dass große Häuser kommen und sagen, wir nehmen euch ernst mit dem, was ihr tut“, freut sich Spelleken.

Im Vergleich zu „werther.live“ enthält die „Möwe“ mehr filmische Elemente. Damit verwischt Spelleken die Grenzen zwischen Film und Theater und wirft die Frage auf: Ist das noch Theater? Die findet sie reizvoll: „Wenn man in solche Grauschichten hineinkommt, fängt man an, das Medium zu hinterfragen.“ Mit ihrem Kollektiv möchte sie weiterhin Neues probieren. Eine Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk ist schon geplant. Bald wird sie in Nürnberg auch für die Bühne inszenieren. Sie möchte flexibel bleiben, sich nicht auf Theater oder Film festlegen, sondern für jeden Stoff das passende Medium suchen. Und sie hat vor, weiterhin Medien zu überschreiten, Grenzen zu verwischen.

Cosmea Spelleken, geboren 1995, ist Regisseurin. Sie wuchs in Freiburg auf und studierte Medienkunst an der HfG Karlsruhe und seit 2020 Regie an der Filmakademie Wien. Das digitale Theaterstück „werther.live“, das 2020 Premiere hatte, war ihre erste eigene Theaterarbeit; es wurde unter anderem zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und war ausgewählt für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2021 sowie nominiert für den österreichischen NESTROY. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs punktlive und lebt in Wien und Berlin. Im Dezember 2021 hatte in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg das Projekt „möwe.live“ Premiere.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.2/2022.