Feiertage des Dramas
Foto: Blumen für den Autor Wolfram Lotz und das Burgtheater-Ensemble 2015 nach der Mülheimer Vorstellung von „Die lächerliche Finsternis“. © Michael Kneffel Text:Michael Laages, am 15. Mai 2025
Im Mai 2025 findet die 50. Ausgabe der Mülheimer Theatertage statt. Für uns Anlass, über Gegenwart und Geschichte des Dramatikpreises zu berichten.
Der vielleicht schönste Feiertag des Theaterjahres, wenn sich die Saison schon dem Ende zuneigt, sind die Mülheimer Theatertage. In der Regel werden dort sieben Theatertexte in Gastspielen vorgestellt, die nach sorgfältiger Vorarbeit einer Jury um den Mülheimer Dramatikpreis konkurrieren. Der ist 15000 Euro Preisgeld wert und bringt Autorin oder Autor die Ehre ein, das sozusagen „beste“ Theaterstück geschrieben zu haben, das im Jahr zuvor auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum uraufgeführt worden ist. 1976 wurde der Preis in Mülheim zum ersten Mal vergeben, an Franz Xaver Kroetz. Die Mülheimer Theatertage und der Dramatikpreis feiern in diesem Jahr die 50. Ausgabe.

Mülheim-Gewinner im 1. Jahr: Franz Xaver Kroetz. 1976 gewann der Autor mit „Das Nest“ den ersten Stücke-Preis. Foto: picture alliance/dpa | Felix Hörhager (2024)
Am lautesten war der Jubel nach Bekanntgabe der aktuellen Nominierungen diesmal vermutlich in Zittau und Görlitz – vom Gerhart-Hauptmann-Theater dort wird „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ nach Mülheim reisen. Im Stück des jungen Dramatikers Lukas Rietzschel, dessen Texte stets im Strudel speziell ostdeutscher Befindlichkeiten spielen, politisch wie gesellschaftlich, steht ein lokaler Wahlkampf im Mittelpunkt. Vom westlichen Gegenstück, einer Kommunalwahl auf der Insel Sylt, erzählt derweil Nora Abdel-Maksoud. „Doping“ heißt ihr Text, der in der Uraufführungsinszenierung der Münchner Kammerspiele zu sehen ist.
Die 50. Ausgabe
Die Ausgabe 50 der Stücke präsentiert viele neue Namen und Profile. Erstmals konkurriert ein Text des fleißigen Schreibers Bonn Park („They Them Okocha“, vom Autor selbst in Frankfurt uraufgeführt); „Staubfrau“ heißt ein Text von Maria Milisavljević, dessen Uraufführung vom Schauspielhaus Zürich kommt. Und vom „Altbau in zentraler Lage“ berichtet Raphaela Bardutzky in der Uraufführungsinszenierung des Schauspiels Leipzig.

Mülheim-Gewinnerin im 2. Jahr: Gerlind Reinshagen. 1977 gewann sie mit „Sonntagskinder“ als einzige Frau innerhalb der ersten 22 Jahre. Foto: akg-images/Anna Weise (2012)
Überdies sind zwei sehr vertraute Namen im Wettbewerb: Elfriede Jelinek, die meistnominierte Autorin jüngerer Zeit, steuert „Asche“ in der Inszenierung vom Hamburger Thalia Theater bei; und Dea Loher ist (nach langer Schweigezeit im Theater) mit dem Comeback-Text „Frau Yamamoto ist noch da“ im Wettbewerb, allerdings nicht in der Uraufführung, die zeitgleich in Zürich und Tokio stattfand, sondern in der deutschen Erstaufführung aus Stuttgart.
Vor allem mit Jelinek und Loher öffnen sich Erinnerungsräume im 50. Jahr. Mit Jelinek-Texten hatte sich das Mülheimer Treffen lange recht schwergetan. Erstmals war die Dramatikerin 1986 beim Wettbewerb dabei, doch erst 2002 siegte ein Stück von ihr. In jüngerer Zeit dann erhielt sie den Dramatikpreis so regelmäßig wie niemand sonst. Dea Loher erhielt die erste Auszeichnung des Festivals vor 27 Jahren, für die Geschichte um „Adam Geist“.

Mülheimer-Gewinnerin im 26. Jahr: Elfriede Jelinek. Nach „Macht nichts“ im Jahr 2002 folgten drei weitere Preise. Foto: picture-alliance/dpa | epa apa Schlager (2014)
Kleines Festivalteam
Stephanie Steinberg leitet das Mülheimer Festival (und das städtische Konzert- und Kulturbüro) seit 2014; zuvor war sie Pressechefin des Stücke-Managers Udo Balzer-Reher, der seit 1992 die Theatertage geprägt hatte. Beim Treffen kurz vor der Veröffentlichung der Nominierungen für die aktuelle Ausgabe erzählt sie von den Plänen, die das kleine Festivalteam zum Fest der runden 50 realisieren kann: zum einen das Gastspiel der „Hundekot-Attacke“, des Projekts, das die niederländische Wunderbaum-Gruppe zum Abschied der Intendanz am Theaterhaus Jena erarbeitet hat.
Zum anderen ein Projekt der Autorin Nele Stuhler, dessen Ursprung eine Begegnung mit dem Regisseur FX Mayr im „Werkstatt“-Projekt war, das Steinbergs Team als „Tandem-Entwicklung“, so die Festivalleiterin, kurz vor der Pandemie in Mülheim initiiert hatte und das erst im vorigen Jahr im Marstall des Münchner Residenztheaters realisiert werden konnte. Der Titel des Münchner Gastspiels will gar nicht enden: „und oder oder oder oder und und beziehungsweise und oder beziehungsweise oder und beziehungsweise einfach und“. Länger war in fünf Jahrzehnten kaum etwas.
Das Festival und die Stadt
Für zwei erfreuliche Neuigkeiten im 50. Stücke-Jahr sorgen die lokale Politik und die Mülheimer Bürgerstiftung: Zum Jubiläum erhält jede für den Wettbewerb nominierte Autorin und jeder Autor 3000 Euro, und auch das per Abstimmung vom Publikum gekürte Lieblingsstück wird mit 5000 Euro belohnt.
Tatsächlich ist in Mülheim kaum etwas so wichtig neben den Texten selbst wie das Publikum. Von Beginn an und schon im Gründungskonzept für den Festivalstart 1976, mitgeprägt von den Chefredakteuren der wichtigen Theatermagazine jener Zeit, für DIE DEUTSCHE BÜHNE Werner Schulze-Reimpell und Henning Rischbieter für Theater heute. Gemeinsam stifteten beide die entscheidende Idee: dass es nämlich um Autorinnen und Autoren gehen soll. Deren Arbeit werde viel zu gering geschätzt von den Stadt- und Staatstheatern, befanden Rischbieter und Schulze-Reimpell, sie bräuchten massive Unterstützung – durch einen auch finanziell ordentlich dotierten Wettbewerb; zunächst bekommt das siegreiche Stück 10000 D-Mark.

Mülheim-Gewinner im 10. Jahr: Herbert Achternbusch. Der zweifache Gewinner, erstmals 1986 mit „Gust“. Foto: picture alliance/Sven Simon (2015)
Und das Publikum, so die Gründer, solle mitentscheiden – die „Publikumsstimme“ ist zu Beginn Teil der finalen Juryentscheidung. Intensiv ist dann über die Jahre hin darüber diskutiert und auch gestritten worden, wie stark denn der Geschmack der Kundschaft tatsächlich einwirken sollte auf die letztendliche Entscheidung zum Mülheimer Preis. In den Jahren nach der Gründung haben sich die Theatertage gerade lokal durchsetzen müssen. Speziell die politische Gegnerschaft blieb lange beträchtlich, etwa gegen Franz Xaver Kroetz, den ersten Preisträger 1976 – weil der sich in jener Zeit der DKP verbunden fühlte.
Internationale Gastspiele im Begleitprogramm
Weit auseinander gingen regelmäßig auch die ästhetischen Vorstellungen davon, was Theater leisten solle und könne, speziell mit neuen, zeitgenössischen Texten. Stephanie Steinberg nennt das amüsanteste Zitat aus den Zeiten des lokalen Streitens um das Festival: „Drall und üppig“ solle Theater für das Mülheimer Publikum sein, polterte die politische Opposition in der Stadt. Und dass so viele Autokennzeichen von auswärts zu sehen waren an den Spielstätten des Festivals, hat einigen auch nicht gepasst. Fels (oder „Felsin“) in der politischen Brandung war und blieb Eleonore Güllenstern, erst als Kulturdezernentin, dann als Oberbürgermeisterin der Stadt. Und auch die strukturelle Unterstützung durch das Kultursekretariat NRW, der unter anderem von Städten wie Mülheim und Wuppertal mitbegründeten Regionalinstitution, war nie zu unterschätzen; lange belegte sie eine Art „Amtssitz“ in der finalen Preisjury.
In finanziell besseren Zeiten konnten die Theatertage fürs Begleitprogramm auch internationale Gastspiele buchen. Unvergessen ist der Besuch der Gruppe Os Satyros aus São Paulo im Jahr 2006. Das Ensemble spielte Dea Lohers vor Ort in São Paulo entstandenes Stück „Das Leben auf der Praça Roosevelt“ nach; die deutsche Fassung vom Hamburger Thalia Theater hatte im Jahr zuvor den Mülheimer Publikumspreis erhalten. Vor Kurzem hat das Festival eine neue Art von Gastspielreihe außerhalb der Theatertage entwickelt. Unter dem Titel Zwischenstücke werden Aufführungen präsentiert, deren Texte die Nominierung im aktuellen Jahrgang nur knapp verpasst haben.
Genial einfache Idee und logistische Probleme
Im 50. Jahr rühmt Stephanie Steinberg die „genial einfachen Ideen“, die das Festival von Beginn an strukturiert haben: Das uraufgeführte deutschsprachige Stück einer Autorin oder eines Autors ist gefragt, dezidiert für die Bühne entstanden und nicht als Roman- oder Filmbearbeitung; die aktuell so modischen „Überschreibungen“ allerdings und auch Rechercheprojekte wie die von Rimini Protokoll waren schon zugelassen. Die Mitglieder der ersten Jury, zuständig für die Auswahl, lesen die Texte (tatsächlich 250 im 50. Jahr!) und wählen sieben davon aus. Dann erkundet die Festivalleitung, in welcher Fassung die Stücke in Mülheim gezeigt werden können – in der Uraufführung oder einer Nachspielversion.

Mülheim-Gewinner im 13. Jahr: Rainald Goetz. Nach 1988 für „Krieg“ folgen noch Preise in den Jahren 1993 und 2000. Foto: picture alliance/dpa | Boris Roessler (2015)
Ein Problem blieb immer, dass nicht jede Inszenierung, nicht jedes Bühnenbild in den Raum der Mülheimer Stadthalle passt, die ja kein richtiges Theater ist. Sie hat keinen Bühnenturm, also keinen Schnürboden. In früheren Zeiten konnten etwa Inszenierungen aus Wien oder Bochum nicht gezeigt werden; im aktuellen Jahr gilt das für die Loher-Uraufführung aus Zürich. Eine kleine Bühne im Hause kommt dazu, und seit vielen Jahren ist auch das Theater an der Ruhr, gegründet von Roberto Ciulli, zur regelmäßigen Spielstätte geworden. Das schöne Haus am Raffelbergpark beherbergt mittlerweile obendrein die Büros vom Konzert- und Kulturbüro der Stadt, also den Ausrichter der Mülheimer Theatertage.
Weitreichende Öffentlichkeit
Stephanie Steinberg und ihre seit fünf Jahren in Mülheim tätige Stellvertreterin und Dramaturgin Philine Kleeberg freuen sich, dass mittlerweile die Zusammenarbeit mit Hochschulen und anderen Institutionen deutlich leichter möglich ist. Das erhöht die öffentliche Wahrnehmung. Und für das Festival selber gilt ja: „Wir kuratieren nicht, wir organisieren.“ Und, darauf legen sie Wert: „Die Auswahl ist keinen Zwängen unterworfen.“ Das und die komplette Auswahlstruktur gilt natürlich auch für den seit 2010 verliehenen Preis für KinderStücke; die Vorstellungen der fünf nominierten Texte werden stets kurz vor dem eigentlichen Festival gezeigt.

Mülheim-Gewinner im 38. Jahr: Wolfram Höll. 2014 mit „Und dann“ und dann zwei Jahre später mit „Drei sind wir“. Foto: Max Zerrahn (2024)
Auch hier geht es um möglichst weitreichende Öffentlichkeit – mit vielen Aktivitäten im Netz, vor allem aber mit den Publikumsgesprächen, denen sich die Ensembles und Produktionsteams nach jeder einzelnen Vorstellung stellen; auch mit der stets öffentlich geführten Schlussdebatte, die live im Netz übertragen wird. Dort bewertet – im Finale der genial einfachen Struktur – die vom Festival möglichst divers zusammengerufene Fachjury die nominierten Stücke.
Finale der Theatertage
Und ist Siegerin oder Sieger gefunden, fügt Stephanie Steinberg stets noch das beim Publikum erfolgreichste Stück hinzu – erstmals gehört auch hier ein Scheck der Bürgerstiftung dazu. Speziell das Finale der Theatertage ist durch die offene, oft auch kämpferische Debatte um das beste Stück zum echten Ritual geworden. Und gerade daran hat sich nicht viel geändert in nunmehr fünf Jahrzehnten – vielleicht ist das das wichtigste Stück vom Mülheimer Glück.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2025.