Foto: „Don Quixote“ von Jorge Pérez Martínez am Landestheater Eisenach mit Ruxandra Martina und Ensemble. © Admill Kuyler
Text:Torben Ibs, am 26. Oktober 2026
„Don Quixote“ in der Komposition von Léon Minkus und der Choreografie von Jorge Pérez Martínez eröffnet mit einem modernen Ansatz am Landestheater Eisenach eine neue Dimension: Dabei wachsen Traum und Theater über die Realität hinaus.
Das Ballett „Don Quixote“ ist ja immer ein merkwürdiges Ding, hat doch der Titelheld mit der Haupthandlung, dem Liebeswerben zwischen Kitri und Basilio herzlich wenig zu tun, während die eigenen Themen des Ritters der unglücklichen Gestalt in einem Theater auf dem Theater samt Traumsequenz abgehandelt werden. Dafür gibt es schmissige Musik, die Léon Minkus sehr nah an volksnahen Rhythmen angelegt hat und die so mal beschwingt, mal zünftig durch den Abend trägt und außerdem einem mittelgroßen Ensemble viele Optionen liefert.
Jorge Pérez Martínez, der Leiter des Balletts am Landestheater Eisenach hat sich diesen Stoff für das Handlungsballett, das er jede Spielzeit herausbringen will, ausgesucht und lässt nichts anbrennen. Die Musik dazu liefert die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach unter der musikalischen Leitung von Markus Huber, der ein schönes Auge darauf hat, pointierte Übereinstimmungen von Tanz und Instrumenten auf den Punkt zu bringen.
Aufm Dorf
Nach dem kurzen Prolog unter einem Himmel voller weißer Wäsche, in dem der Titelheld, getanzt von Andrea De Marzo als eine an Charlie Chaplin angelehnte Tramp-Figur, geht es gleich aufs Dorf. De Marzo wechselt mühelos zwischen Parodie und eigener Kreation. Er ist als umtriebiger Außenseiter das Salz in der Suppe der ansonsten oft sehr glatten Dorfgemeinschaft.
Für die hat Verena Hemmerlein (auch Bühne) Kleider und Anzüge entworfen, die geradezu universell tanzmäßig einsetzbar sind und in denen auch eine West Side Story möglich wäre. Kein Spanien-Kolorit also, sondern modernes Irgendwo. Schnell wird die Geschichte erzählt: Das Verlieben, die Flucht vor dem Vater und später die Versöhnung und Hochzeit.

„Don Quixote“ von Jorge Pérez Martínez am Landestheater Eisenach mit Andrea de Marzo. Foto: Admill Kuyler
Auffallend über den ganzen Abend ist vor allem, dass Pérez Martínez viel auf dem Boden stattfinden lässt. Es wird gekniet, geschliffen und gesessen. Später wird zur abschließenden Hochzeitsszene die Feiertafel zur Bühne auf der Bühne und auch hier findet vieles auf den Knien oder mit den Händen auf dem Tischen statt. Ansonsten scheint die Bühne oftmals zu klein für all die Tänzerinnen und Tänzer.
Feier der Autonomie
Ruxandra Martina als Kitri und Daran Pereira Fernanda als Basilio geben ein herzallerliebstes Paar ab, das vor allem mit jugendlicher Frische und Keckheit überzeugt. Ihr Pas de Deux auf den Tischen ist damit nicht primär großes emotionales Finale, sondern vielmehr ein frohes Feiern der eigenen Autonomie.
Das führt direkt zu Don Quixote, der im Mittelteil im Fokus steht und nun endlich gegen seine Windmühlen kämpfen darf. Katya Tiniakova (auch Video) verwandelt dafür die Bühne in ein großes Schattentheater mit Figuren, die in einer Art Upcyling aus alten Gegenständen zusammengebaut wurden. Don Quixote selbst nimmt in einer Podestloge Platz und blickt auf seine eigene Geschichte. Ästhetisch sehr geglückt und eine willkommene visuelle Abwechslung. In der Folge kommt auch ein schwarz-weißes Video zum Einsatz und Textfetzen künden von der großen Literatur, die hier verhandelt wird. Quixote rastet wohltemperiert aus und reißt die Bühne nieder, um nun in die Traumsequenz zu schlingern, wo vor allem Cupido seine Spielchen mit ihm spielt.
Das Ensemble tanzt in einer Art Scheibentutus und es ist eine wahre Freude Ramón Ceñera Castaño als Liebesgott in weißem, bauschigem Tutu zuzusehen, wie er den Wahnsinn des Möchtegern-Ritters dirigiert. Das ist in seinem modernen Ansatz weit weg von alldem bunt fluffigen Dorfgeschehen und eröffnet eine ganz neue Dimension. Traum und Theater wachsen über die Realität wie so oft hinaus. So ist der abschließende Tanz auf den Tischen, der Theatertraumwelt und Hochzeit zusammenbringt, auch als Plädoyer für mehr Kunst im Leben zu lesen. Don Quixote sähe das sicher genauso.