Foto: „Zur fröhlichen Zwietracht!“ am Hans Otto Theater Potsdam mit Bettina Riebesel. © Thomas M. Jauk
Text:Anna Opel, am 10. Oktober 2026
Die Uraufführung „Zur fröhlichen Zwietracht!“ von Jan Neumann zeigt am Hans Otto Theater Potsdam das Geschichtenkarussell in einer Kleingartenkolonie. Ein kluger Kommentar zu unserer Gesellschaft – mit absurdem Humor.
Wenn sich in der Kleingartenkolonie alle nur noch hassen, muss man doch was tun. Mit einem neuen Stromnetz und einem Stimmungswechsel im Verein will sich Rainer Kalusche als Vereinsvorsitzender der Datschensiedlung ein Denkmal setzen, bevor er das Amt verlässt. Aber so einfach ist das eben nicht. Regisseur Jan Neumann verfolgt mit seiner komödiantischen Recherche zum Thema Versöhnung einen zutiefst humanistischen Weg.
Nachbarschaftstrampolin
Wann hat das angefangen, die Lust an der Empörungslust, die destruktive Freude am Ätzen? Und – noch wichtiger – wie kriegen wir das wieder eingefangen? Wie kommen wir zusammen? Der gutmütige Rainer Kalusche (Jörg Dathe) bewohnt mit seiner robusten Elke (Bettina Riebesel) die Parzelle neben einem lesbischen Paar aus der Stadt: die woke Claudi (Franziska Melzer) und ihre harmoniedürftige Partnerin Miri (Juliane Böttger) haben zwei Kinder im Teenageralter. „Westfälischer Frieden, Tilsiter Frieden, Kapitulation,“ bimst Sohn Oskar auf dem Trampolin die Namen aller bekannten Friedensschlüsse für den Geschichtsunterricht.
Erbsenzähler Günther (Philipp Mauritz) wacht über das Vorhandensein der Kampfmittelfreiheitsbescheinigung, sollte es zur Grabung für die neue Stromleitung kommen. Der fatalistische Blume (Guido Lambrecht) inszeniert sich als düsterer Außenseiter, „Wehe, die Kiefer auf dem Nachbargrundstück wird gefällt!“ Noch steht sie auf dem Grundstück des Besserwessis Dr. med. Thomas Wollschläger, der sich – rotes Tuch aus dem Bilderbuch – gleich zwei Parzellen zugelegt hat, dieser E-Autofahrer! Außerdem quält er die Nachbarn mit nächtlicher Vorgartenbeleuchtung.
Hohes Identifikationspotenzial
Die Figuren sind nur leicht überzeichnet, insgesamt bestechen sie durch Liebe zum Detail, das Identifikationspotential ist beträchtlich. Irgendwie kennt man das alles. Oder besser: die alle. Der Produktion gelingt es zudem, genügend Abstand einzubauen für die bessere Sichtbarkeit. Ach, das sind also wir! Wenn die gendernden Veganerinnen neben den Kotelettenbergen auf dem Grill der Kalusches auf der ungemähten Blumenwiese chillen und das Trampolin quietscht, ist der Zoff vorprogrammiert. „Es tut so gut, Dampf abzulassen, und ich hab ja wirklich Recht.“ Für die Gemeinschaft ist die Besserwisserei allerdings Gift.

„Zur fröhlichen Zwietracht!“ am Hans Otto Theater Potsdam mit Jörg Dathe, Guido Lambrecht, Franziska Melzer, Juliane Böttger (v.l.). Foto: Thomas M. Jauk
Neumann und Ensemble falten das Große im Kleinen auf. Alles ist da, was heute Sprengkraft hat: Ost-West-Konflikt, Klassenfragen, Stadt-Land-Gegensatz, Bürokratieterror und toxische Wokeness. Über den kasperletheaterhaften Hausattrappen und den Gartenzaunfragmenten (Bühne: Dorothee Curio) steht ewig und geduldig der Mond.
Feldforschung und Figurenpanorama
Regisseur und Autor Jan Neumann hat mit seinem Ensemble Feldforschung in einem echten Kleingarten betrieben und Experten für Konfliktlösung zu Rate gezogen. Leicht hätte das Figurenpanorama im Klischee untergehen können. Dass dies nicht oder höchst selten geschieht, liegt an der Qualität des gesammelten Materials, am spielfreudigen Ensemble und einer Riesenportion absurdem Humor. Die Live-Musik von Johannes Winde schafft heitere bis mystische Stimmungen und manchmal auch ironische Distanz. Singende Hecken, zeternde Fledermäuse, tanzende Stechmücken und ein Waschbär (tolle Kostüme von Cary Gayler) bevölkern die Bühne. Die Zwerge Hedwig und Rübe „erscheinen“ den Menschen. Traum und Wirklichkeit fallen ineinander und in einer somnambulen Vereinigungsaktion haben sich für einen utopischen Moment alle Kleingärtner ganz doll lieb.
Es gibt hier nichts, was es nicht gibt. Die bereits erwähnten putzigen Tierperformances, Lieder voller Sprachwitz und Street Credibility, eine angedeutete Amour fou zwischen der sauertöpfischen Elke und dem Call of Duty Fan Quentin (Franziska Melzer). Immer, wenn es gar zu ernst zu werden droht, kippt die Szenerie ins Komödiantische. Weiter dreht sich die Bühne und das Geschichtenkarussell. Und aus ebenso lustvollem wie virtuosem Quatschmachen – Theater! – wird ein kluger Kommentar zum Zustand unserer Gesellschaft. Die Spieler und Spielerinnen glänzen mit Solonummern, es werden keine einfachen Lösungen angeboten und dankenswerterweise auch nichts erklärt. Regisseur Neumann kann Timing. Die take-home-message: Im Alltagszwist fängt die Spaltung an – oder die Versöhnung. Versuchs zur Abwechslung mal mit Zuhören und Liebhaben!