Das Ensemble steht in einer Gruppe vor dunklem Hintergrund. Alle tragen bunte Kleidung und blicken zur Mitte auf Evamaria (Kristin Göpfert).

Zieh doch mal die Nazi-Jacke an!

Marius von Mayenburg: Nachtland

Theater:Württembergische Landesbühne Esslingen, Premiere:08.10.2026Regie:Tobias Rott

Eine deutsche Fernsehfamilie bekehrt sich zum Antisemitismus, hat aber eine Jüdin mit an Bord: Die Württembergische Landesbühne Esslingen erweckt Marius von Mayenburgs Provokation „Nachtland“ zum Leben.

Der Vater ist gestorben. Die Kinder kommen zusammen, bringen ihre Partner mit, wollen den Nachlass klären: Eine Situation, die Spannungen, Konflikte und Drama verspricht auf geradezu klassische Weise. Marius von Mayenburg bemüht sich in seinem Stück „Nachtland“ gar nicht darum, originell zu sein – im Gegenteil: Um die Gemeinplätzte geht es ihm. Dem potentiell ohnehin schon brodelnden Topf der Erbengemeinschaft gibt er eine Zutat bei, die die Mischung explodieren lässt.

Das geht schnell und bald schon wird die Bühne zu einem Ort, an dem selbst der dümmste Satz ausgesprochen werden kann, den je ein Deutscher von sich gab zum Holocaust. „Nachtland“, uraufgeführt 2022 an der Schaubühne Berlin, ist ein Stück, das dieses Spiel auf die Spitze treibt, dreist alle Klischees einsammelt und wirkungsvoll zur Farce montiert: Bei seiner Premiere an der Württembergischen Landesbühne Esslingen holt es verblüfftes Gelächter ab, im Minutentakt.

Familiendrama

Nicola und Philipp heißen die Geschwister, Judith und Fabian ihre Partner. Gemeinsam räumen sie auf. Ort der Handlung ist der Dachboden des Hauses des Vaters, von Kerstin Jacobssen (auch Kostüme) eingerichtet als quadratische Fläche, dem Publikum leicht zugeneigt, übersät mit Schmutz und Reinigungsutensilien. Ein Eimer steht herum, dort zwei Gummistiefel, der Boden ist mit Planen bedeckt. Da sitzen sie und versuchen, den einen oder anderen Flecken fortzureiben. Und in der Ecke lehnt ein Bild, nicht groß, im Rahmen.

An diesem Bild entzündet sich die Handlung, denn auf ihm findet sich eine Signatur: A. Hiller. Oder etwa: A. Hitler? Schon beginnt der Konflikt zu schwelen. Denn Judith, Frau von Philipp, ist Jüdin und einigermaßen entsetzt, als alle anderen sich plötzlich relativen Reichtum durch den Verkauf eines Werkes erträumen, das künstlerischer Qualität ermangelt, dessen Urheber ein Massenmörder ist. Erst aber will man sich Klarheit verschaffen. Eine Expertin wird gerufen.

Philipp (Niklas Schmidt-Kosik) zeigt anklagend hinter sich auf Evamaria (Kristin Göpfert), Fabian (Moritz Brendel) und Nicola (Eva Dorlaß).

v. l.: Lily Frank (Judith), Niklas Schmidt-Kosik (Philipp), Kristin Göpfert (Evamaria), Moritz Brendel (Fabian) und Eva Dorlaß (Nicola). Foto: Björn Klein

Enkelin mit Auftrag

Gleich ist sie da, in türkisem Hosenanzug, mit himmelblauem T-Shirt. „Das ist ein schönes Aquarell, das dem Stil Adolf Hitlers entspricht“, sagt sie. Das Bild zeigt eine ländliche Kirche, ausgeführt in etlichen Brauntönen. „Sehen Sie, mit wie viel Liebe jeder Sprung im Putz und jede Unebenheit des Mauerwerks gezeichnet ist!“ Liebe zum Detail, sagt die Expertin, sei typisch für Adolf Hitler. „Sind Sie Eva Braun?“, ruft einer aus der Erbengemeinschaft. Mitnichten: Evamaria Günther heißt sie, promovierte Enkelin von Dr. Alfred Günther, der ab 1935 im Archiv der NSDAP für das Sammeln und Katalogisieren von Adolf Hitlers Gemälden zuständig war. „Hitler war das Steckenpferd meines Vaters!“

Kirstin Göpfert spielt die kenntnisreiche Enkelin und fügt sich erstaunlich gut ins Familienbild ein: Auch Eva Dorlaß als Nicola und Niklas Schmidt-Kosik wirken in der Inszenierung von Tobias Rott wie Protagonisten einer biederen deutschen Fernsehfamilienserie. Moritz Brendel als Fabian, Partner von Nicola, ist die komische Randfigur: Er trägt ein unablässig begeistertes Grinsen im Gesicht, kippt urplötzlich von der Plattform, um viel später wieder aufzutauchen, mit Pflaumenmus beschmiert und einem Stapel Briefe in der Hand, der eben noch in der Mülltonne lag, sämtlich mit nationalsozialistischem Gruß unterzeichnet und voll von Hitler-Schwärmerei.

Fabian schneidet sich leider am rostigen Rahmen des Hitler-Bildes, stirbt fast an einer Blutvergiftung und darf späterhin vorgestellt werden im Krankenbett mit ausgestecktem rechten Arm in Gips. Moritz Brendel derweil schlüpft in die Rolle von Kahl, einer weiteren Karikatur, dem potentiellen Käufer des Hitlerbildes: Dunkelblauer Sportanzug und Fischermütze, unter der grellrotes Haar hervorquillt – und doch ein unverschämt selbstgewisser Profiteur, der glaubt, mit Geld auch gleich die Jüdin Judith ins Bett zu bekommen.

Schaufensterpuppen-Theater

Lily Frank spielt diese Judith und steht mit ihrem sehr ernsten, körperlichen Spiel gegen die Nazi-Clownerei der Familie und im Mittelpunkt des Stückes. Während die Geschwister sich mit immer größerem Entzücken über ihre Erbschaft freuen, kauert sie verschlossen auf der Bühne und strahlt Widerständigkeit aus. Später läuft sie mit all ihrer Wut gegen die nazifizierte Kleinfamilie an, wird mit ihrer Emotionalität sehr überzeugend zum Gegengewicht, wodurch aus dem Stück erst mehr als eine provokante Klamotte wird.

Die Schauspieler tauschen früh schon Kleidungsstücke aus. Nicola zieht die Jacke der Hitler-Expertin an, später werden auch Hosen gewechselt, man steht albern im Putzeiner, hockt gesellig am Boden, Richard Strauss‘ Zarathustra donnert pathetisch über die Szene hinweg. Marius von Mayenburgs Text lässt keine Wendung zum Schlimmen aus. Er präsentiert Abgrenzungs- und Diskriminierungsmechanismen der Umgangssprache, lässt Hechelei und Antisemitismus ins Denken sickern, bringt die Diskussion um Werk und Autor ein, lässt Autoren, Komponisten mit antisemitischem Hintergrund aufzählen, ein Loblied auf den Diktator singen: „Hitler ist eingeschrieben in Deutschlands DNS. Ohne seinen Weitblick wäre unser Land heute eine Wiese mit grasenden Schafen.“ Und schließlich blicken sie alle auch zu Judith hin: „Sie ist eine Jüdin. Es ist offensichtlich falsch, dass sie hier ist.“ Zum Schluss hin, noch vor der letzten Wendung, dürfen Nicola und Philipp, von ihren Partnern verlassen, die deutsche Geschwisterliebe entdecken und sich stöhnend auf verstreuten Geldscheinen wälzen.

All dies, auch die Diskussion des Palästina-Konflikts, wirkt gedrängt und oft auch äußerst plakativ. Die Tiefe, die Yasmina Reza ihren Figuren gibt, gelingt Marius von Mayenburg bei Weitem nicht. Die Charaktere in „Nachtland“ wirken wie Schaufensterpuppen, die vom Autor mehr und mehr in die Sprache, die verdrängte Ideologie des Nationalsozialismus, gekleidet werden. Erst das überzeugende Ensemble erweckt sie in Esslingen zum Leben. Als Provokation ist „Nachtland“ derweil ganz gewiss sehr zeitgemäß.