Aufführungsfoto von „Stereophonic“ von David Adjmi an der Schaubühne Berlin. Ein Mann und eine Frau liegen auf einer Couch. Er raucht eine Zigarette, die bedeckt ihre Augen mit ihrer rechten Hand.

Alles für die Kunst

David Adjmi: Stereophonic

Theater:Schaubühne, Premiere:07.10.2026 (DSE)Regie:Thomas OstermeierKomponist(in):Will Butler

Thomas Ostermeier bringt David Adjmis Broadway-Hit „Stereophonic“ mit der Musik von Will Butler an die Berliner Schaubühne. Eine recht schmale Musik-Komödie mit 1970er Jahre Flair – wenig erkenntnisreich, aber vom Ensemble schön gespielt.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, das Tonstudio auf der Bühne sei voll funktionsfähig. Zwei Techniker sitzen an den Reglern eines großen Mischpults, hinter der Glasscheibe vor ihrer Nase sind die Instrumente aufgebaut: Flügel, Schlagzeug, Gitarren, Bässe, Mikrofone. Mit einem Schalter können die Stimmen hinter Glas hörbar gemacht werden. Nur die Plattenteller und Kassettenrekorder weisen darauf hin, dass wir uns in einem nachgebildeten Aufnahmestudio der 1970er Jahre befinden.

„Stereophonic“ heißt das Broadway-Stück von David Adjmi, das hier spielt. Vor zwei Jahren hat es alle Rekorde gebrochen: Für 13 Tonys war es nominiert, fünf hat es abgeräumt. Am Londoner Westend war es ebenso erfolgreich. Jetzt bringt der Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier das Stück mit der Musik von Will Butler („Arcade Fire“) nach Berlin. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Eine fünfköpfige Band steht in den 1970er Jahren in einem Tonstudio in Kalifornien und nimmt über mindestens ein Jahr ein neues Album auf – wir sehen ihnen dreieinhalb Stunden dabei zu. Beziehungsdramen und Drogenexzesse inklusive.

Beziehungsdramen und Drogenexzesse

Angelehnt ist die Handlung an die Entstehung des legendären Albums „Rumours“ von Fleetwood Mac 1976. Dort haben sich bei der Entstehung ähnliche Dramen zugetragen. Hier nun steht die Band nach einem ersten Hit-Album unter immensem Performance-Druck. Man sieht die Zerwürfnisse schnell kommen, denn es sind gleich zwei Paare Teil der Band. Holly hat die Schnauze voll von den Drogeneskapaden ihres Partners Reg und verlässt ihn – was das Klima beim Musikmachen nicht gerade verbessert. Der schluffige Reg wandelt sich im Laufe des Stücks vom langhaarigen Säufer zum cleanen Esoteriker, der ständig einen weisen Kalenderspruch auf den Lippen hat: „Man kann sich von einem Menschen trennen aber von der Liebe kann man sich nie, nie trennen.“

Im Zentrum aber streiten sich Peter und Diana: Der narzisstische Musiker, wie er im Buche steht, und der es nicht ertragen kann, dass seine schüchterne Freundin die besseren Songs schreibt. „Ich freue mich so für dich!“ presst Peter hervor, als Manager und Schlagzeuger Simon bekannt gibt, dass Dianas Song gerade die Top Ten geknackt hat. Und verabschiedet sich erstmal auf die Toilette. Wie ihn Neid, Geltungsdrang und Minderwertigkeitskomplex förmlich zerfressen, ist Moritz Gottwald in alle Glieder und Gesichtszüge geschrieben. Ein Junge, der, das erfahren wir später, in Konkurrenz mit seinem Bruder stets um die Liebe des Vaters buhlen musste.

Narzisstische Künstler und andere Klischees

Weshalb das Stück so viele Preise gewonnen hat, ist wohl nur mit Blick auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie zu verstehen. Inhaltlich und sprachlich bleibt der Stoff von ausgesuchter Schlichtheit – einzig zusammengehalten von Will Butlers nostalgisch anmutenden Musikstücken im Stil der 1970er Jahre.

Darüber hinaus begegnet man Klischee-Figuren, die sich genau so verhalten, wie man sich das von narzisstischen Künstlern der 70er vorstellt: Koks, Alkohol, Macho-Gehabe, Größenwahn. Natürlich muss auch eine Emanzipationsgeschichte erzählt werden: Diana, die tolle Songschreiberin, lässt sich von Peter irgendwann nicht mehr sagen, wie sie zu singen hat. Und natürlich braucht es auch einen komischen Sidekick: die beflissenen Tontechniker-Nerds, die mal als Genies gefeiert, mal als Volltrottel beschimpft werden – je nachdem, wie die Stimmung in der Band gerade ist.

Aufführungsfoto von „Stereophonic“ an der Schaubühne. Ein Tonstudio auf zwei Ebenen. Unten sitzen zwei Männer am Mischpult.

Gemeinsame Arbeit am Exzess: „Stereophonic“ von David Adjmi an der Schaubühne mit Stefan Stern und David Ruland. Foto: Gianmarco Bresadola

Der Tontechniker als trauriger Clown

Solange man nicht den Fehler begeht, das Stück als psychologisch-realistisches Drama misszuverstehen, sondern es als überzeichnete Künstler-Komödie nimmt, mitsamt seinen unsympathischen Charakteren, kann man sich zeitweise gut damit unterhalten. Das Publikum versteht das: Selbst in den tragischsten Momenten, etwa, wenn Diana Peter verlässt, wird hier gelacht. Zu Recht. Es ist schließlich wirklich komisch, wie Stefan Stern als Tontechniker das kurze, dramatische Trennungsgespräch belauscht – und seine Gesichtszüge dabei nicht unter Kontrolle halten kann. Ohnehin entwickelt sich Stefan Stern zum Star des Abends. Die Rolle des Tontechnikers legt er als große, traurige Komödienfigur an.

Gut, dass sich das musikaffine Ensemble immer wieder an den schönen, aber nicht zwingend hitverdächtigen Songs von Will Butler festhalten kann: Eva Meckbach an Gesang und Keyboard, Marcel Kohler am Bass, Moritz Gottwald an der Gitarre, Magdalena Lermer als Singer-Songwriterin und der echte Schlagzeuger Thomas Witte in seiner ersten Doppelrolle als Musiker und Schauspieler.

Was ist man für die Kunst zu opfern bereit?

Zwischendurch zieht auch mal ein kleiner magischer Musikmoment hindurch. Als die Band morgens um 2 Uhr völlig ausgepowert im Aufnahmeraum steht und nur noch schlafen will, wird Peter plötzlich von der Muse geküsst. Er arrangiert nochmal neu, verändert das Tempo des gerade aufgenommenen Songs – und plötzlich ist er da, der perfekte Song. Alle spüren es und alle wissen wieder, warum sie sich hier für die Musik kaputtmachen. Es ist am Rande auch ein Abend über das kollektive Entstehen von Kunst, über die Frage, wie besessen man ist und wie viel zu opfern bereit.

An seine politischen Theaterabende knüpft Thomas Ostermeier damit natürlich nicht an. Und große Erkenntnisse sind hier nicht zu gewinnen. Es dauert, bis die Inszenierung in Fahrt kommt. „Stereophonic“ bleibt ein etwas schmaler Komödienabend – allerdings ausgezeichnet gespielt, sowohl schauspielerisch als auch musikalisch. Sein Publikum, das merkt man an den Reaktionen im Zuschauerraum, wird er in jedem Fall finden.