Ensembleszene aus „Orlando“ am Theater Heidelberg

Stummer Schrei nach Ausdruck

Tim Plegge: Orlando

Theater:Theater und Orchester Heidelberg, Premiere:03.10.2026 (UA)Autor(in) der Vorlage:Virginia WoolfRegie:Tim PleggeMusikalische Leitung:Dietger HolmKomponist(in):Lera Auerbach, Ezio Bossi, Anna Clyne, Ganriel Jenks, Henry Purcell, Georgij Sviridov, Dobrinka Tabakova, Tobias Vethake, Antonio Vivaldi, Dick Dale

Tim Plegge gelingt mit ganz neuem Ensemble am Theater Heidelberg eine berauschende Uraufführung. „Orlando“ sucht Freiheit auf allen Ebenen – und findet sie.

Aus dem Bühnennebel dringen Körpersprachen. Wir sehen schwarze Gestalten mit sehr individuellen Bewegungen, die eindeutig nach Befreiung, nach Ausdruck suchen. Alle zwölf Tänzer:innen werden in der Folge Orlando verkörpern, nicht gleichzeitig, sondern in einer Art Staffel. Jeder hat eine senfgelbe Jacke, jeweils individuell geformt von der Kostümbildnerin Judith Adam. Wer sie auf der Bühne trägt, durch einen dunklen Wald von Tafeln und Gerüsten (Bühne: Andreas Auerbach), ist Orlando.

Der Roman von Virginia Woolf, der die Grundlage für die Choreografie von Tim Plegge bildet, beschreibt ein fantastisches Leben. Orlando lebt über mehrere hundert Jahre, will sich ausdrücken, will schreiben, sucht Identität über die Zeiten und historischen Gegebenheiten hinweg und wechselt in der Mitte des Werks sein Geschlecht.

Schlaf als Mittelpunkt

Wenn der männliche Orlando einschläft und das Ensemble mit schwarz verhüllten Gesichtern auf die Bühne kommt, ihn umkreist, ihn umtanzt, sich zusammenballt und wieder auseinanderstiebt, als beschreibe es ein geheimnisvolles Ritual zu Grigorij Sviridovs Musik, ist das Publikum gebannt und weiß nicht, warum. Hier gelingt tatsächlich große Kunst. Am Ende dieser Szene steht Orlando nackt da, als Frau, ohne senfgelbe Jacke, und wundert sich nicht. Ein Moment des Unterlassens, der stark wirkt.

Ensembleszene aus „Orlando“ am Theater Heidelberg

Keine senfgelben Jacken mehr: Der Schluss von Tim Plegges „Orlando”. Foto: De-Da-Productions.

Immer wieder sehen wir an diesem Abend Gruppenchoreografien in hohem Tempo, die durch Orlando gesprengt werden, weil er sich nicht einfügen will, weil er sein Selbst sucht. Die Choreografien sind bemerkenswert, weil sie sich nicht wiederholen, sondern auf Vertrautem aufsetzen und dennoch immer neu wirken, immer wieder einen neuen Anfang bilden und ein Ende ersehnen.

Vier Pas de deux geben dem Abend dazu Struktur: Orlando tanzt mit der Königin Elisabeth I., hier geht es um Führung (Wer ist der Mann?). Bei der Liebe zur Prinzessin Sasha geht es um den Zusammenhalt, den sie will und den er, trotz Liebesverstrickung, nicht aufbringt. Der Dichter Alexander Pope lehnt Orlando ab – mit der surfigen Musik von Dick Dale, die der Inszenierung eine ganz neue Farbe gibt. Jetzt versucht Orlando erfolglos zu kommunizieren. Mit Shelmerdine kommt er am Ende leicht zusammen, ein echter Liebestanz, der schmerzlich in der Dunkelheit ausläuft.

Musik als Spiegel der Choreografie

Das Philharmonische Orchester Heidelberg unter Dietger Holm gestaltet den elisabethanischen Anfang mit Purcell und Vivaldi und begibt sich dann in die Welt der Neuen Musik, wo sich die Musiker:innen offenbar hervorragend auskennen. Sowohl die Kompositionen von Anna Clyne, Lera Auerbach und Dobrinka Tabakova, alle mit einem Solo-Cello als Mittelpunkt, als auch Skurriles wie „Music for Loss“ von Gabriel Jenks, ein ruhiges, zugleich sehr dynamisches und abgerundetes Klirren für Schlaginstrumente, gelingen grandios. So findet die Choreografie von Tim Plegge eine Entsprechung in seiner Musikauswahl und der Interpretation des Orchesters.

Am Ende tanzen alle zwölf Orlandos, Männer wie Frauen, in ihren senfgelben Jacken. Sie sind jetzt frei, haben ihr Buch geschrieben, können die Jacken ausziehen und individuelle Kostüme aussuchen. „I’m not alone and simple but complex and many“, schreibt einer an die Tafel. Eine queere Botschaft, der es hier vielleicht nicht bedurft hätte. Der Tanz drückt es aus.