Foto: Sarah Grahneis am Grammophon in „Europeras 5" © Björn Klein
Text:Andreas Falentin, am 4. Oktober 2026
Operndirektorin Sarah Grahneis eröffnet mit John Cages „Europera 5“ die neue Intendanz am Theater Heidelberg. Sie bündelt alle Kräfte zu einem feinen, kleinen Starterfolg und lässt die Musik über den Zufall triumphieren.
Das Prinzip von John Cages „Europeras“ ist eigentlich sehr einfach: Die Bühne ist in 64 Felder unterteilt, die Aufführungsdauer ist exakt vorherbestimmt. Mithilfe des chinesischen Orakelbuchs I Ging werden Zeiteinheiten festgelegt, in denen die Beteiligten ihre Beiträge äußern. Bei diesen handelt es sich um Opernarien aus dem Repertoire der beteiligten Sänger. „Europera 5“ ist die letzte und reduzierte Form der fünf „Europeras“. Das Stück dauert exakt eine Stunde; es gibt zwei Sänger:innen, eine Pianistin und ein Grammophon, das alte Aufnahmen abspielt. Wie kann so spannendes Musiktheater entstehen?
Im Alten Saal des Theaters Heidelberg hat die Operndirektorin und Regisseurin Sarah Grahneis, die in der Vorstellung auch das Grammophon bedient, die Bühnenfläche zwischen zwei Zuschauergruppen platziert. Die eine sitzt auf der Bühne, die andere im hinteren Teil des Parketts. Fünf Zuschauer:innen – für diesen „Job“ mussten sie sich „bewerben“ – sitzen auf der Spielfläche. Und sie müssen ihre Position, ihr Planquadrat, ständig ändern und geben dem Raum so immer wieder eine veränderte Struktur. Ihre „Cues“ bekommen sie, wie die anderen Beteiligten, von einer Digitaluhr, die für alle zu sehen ist.
„Bajazzo“ trifft „Carmen“
Wir hören leise Tanzmusik vom Band. Dann erhebt sich die Mezzosopranistin Rahel Brede und singt die Arie des Cherubino „Non so più cosa son“ aus „Le nozze di Figaro“ – a cappella. Man sonnt sich in ihrem Gesang, schwerelos wirkt es ohne Orchester, ohne Handlung, ohne Event, einfach: Gesang. Das Grammophon meldet sich mit einer sehr alten Habanera aus „Carmen“, der Tenor Winfrid Mikus setzt den „Bajazzo“ dagegen – und es entsteht tatsächlich Musik, kein Theater, nur ein Raum, eine Struktur, viel Aufmerksamkeit und Musik. Dann versucht sich Rahel Brede mit viel Verve und Charme am Erda-Monolog aus „Das Rheingold“, und die Pianistin Manon Parmentier lässt den „Rosenkavalier“ darüber perlen. Sogar das geht. Irgendwann singen die beiden Sänger:innen zusammen, er „Tosca“, sie „Samson et Dalila“, und Klavier und Grammophon spielen auch. Das ist dann Krach mit wenigen beseelten Momenten, wenn sich eine Stimme heraushebt.
Winfrid Mikus als Radamès. Foto: Björn Klein
Dazu gibt es viele Lichteffekte, viele Kostümteile, viele Requisiten und das immer wiederkehrende Umsetzen der fünf Statist:innen. Das ist alles sehr schön anzusehen, aber eigentlich geht es um Kämpfe um die Musik und an der Musik. Wenn Winfrid Mikus etwa Radamès’ Auftrittsarie aus „Aida“ singt, tut er das mit einem Vogelkopf und bläst zwischendurch Seifenblasen. Aber es ist alles da: das Herzeleid, die Jugend, die Arienform. Man ist glücklich – bis das Grammophon in die Arie hineinfährt. Wenn Mikus aber Max’ Arie aus dem „Freischütz“ singt, zunächst unsichtbar, ist man froh, wenn das Klavier darüber klimpert. Weil er hier nicht jung und leidenschaftlich klingt. Aber am Ende – er steht wieder auf der Bühne – hört man die Klaviermusik nicht mehr, weil seine Musik, die er durchaus mit guter Übertreibung darbietet, jetzt echt ist, weil man ihm die Wut der Figur, der Musik, glaubt: „Mich fasst Verzweiflung, foltert Spott.“
Die menschliche Essenz einer Oper
Dann liegt er einfach da, auf einem ausgebreiteten Schal, der Kammersänger Winfrid Mikus, und singt das Preislied von Walter von Stolzing aus den „Meistersingern“ – klar, leise, flüssig. Was für eine schöne Musik ist hier zu hören! Als ob wir hören, was Wagner gehört hat, als er komponierte: die menschliche Essenz einer Oper. Dann wird es wieder lauter und endet exakt nach 60 Minuten.
Diese Heidelberger „Europera 5“ ist ein kleiner Edelstein im deutschen Opernrepertoire, aber er funkelt hell. Weil gerade der Zufall die Sänger:innen hochhebt, weil wir erleben, was sie alles können. Weil hier Lust an der Oper praktiziert wird, absolut authentisch. Alle geben fühlbar alles, sogar das Grammophon ist gut ausgewählt und klingt fantastisch. Die Opernmusik macht großen Spaß, trotz Alter und Form und Zufall, weil man selbst die Entscheidungen trifft: Was man hört, wohin man sieht, die eigenen Konflikte hört, die eigenen Anspielungen sieht. Weil jede Aufführung zufällig geplant wird, wird jede Vorstellung anders sein. Man kann also auch öfter hingehen. Noch ein Vorteil!
„Europera 5“ im Alten Saal des Theaters Heidelberg. Foto: Björn Klein