Ein Leben im Versuchslabor
Foto: Karina Plachetka als „Die Laborantin“ am Staatsschauspiel Dresden. © Sebastian Hoppe Text:Michael Laages, am 10. Dezember 2021
Die Schauspielerin Karina Plachetka fand vor zwanzig Jahren ihre Theaterheimat am Staatsschauspiel Dresden. Dort ist sie jetzt endlich wieder auf der Bühne zu sehen – in der Titelrolle des Erfolgsstücks „Die Laborantin“.
Plötzlich ist sie zum Greifen nah: die Macht. Und zwar für jemanden, der sie nie in den Händen hielt, ja nicht mal ahnen durfte, wie sie sich anfühlt. Das hat der „Systemwechsel“ zu einer Gesundheitsdiktatur mit sich gebracht, durch den „Die Laborantin“ Karriere zu machen beginnt (mehr zum Stück auf Seite 50). Karina Plachetka, seit genau zwanzig Jahren Mitglied im Ensemble des Dresdner Staatsschauspiels, hat in der Titelrolle diese Kernfabel des Stücks von Ella Road als Erste hierzulande erkundet. Die Inszenierung firmiert in der Streamversion vom Mai als deutschsprachige Erstaufführung und hatte nun Anfang November Bühnenpremiere vor greifbarem Publikum.
Tanzausbildung
„Ich bin ja etwas älter besetzt“ – das war Karina Plachetka von Beginn an und schon beim Lesen klar; und das hat die Arbeit am Stück verändert. „Wenn Bea älter besetzt ist, verstärkt sich die Verantwortung für ihr Handeln.“ Die Sprache der Autorin ist ziemlich jung; die Protagonistin fühlte sich an ihre Schuljahre in Köln erinnert. Kein Jahr war sie alt, als die Eltern 1976 mit ihr aus Strzelce Opolskie (das bis 1945 in Schlesien „Groß Strehlitz“ hieß) Richtung Westen ausreisten. Auf dem Schulhof lernte sie dort das multikulturelle sprachliche Miteinander kennen, gemischt aus Kölsch und verschiedensten Sprachen: Junge-Leute-Sprech zu Beginn der 1990er-Jahre. „Allerdings ist diese Erinnerung heute in einer Stadt wie Dresden unbrauchbar. Die psychologische Dimension, das Minderwertigkeitsgefühl Beas aber schafft Identifikation!“
Zur Tänzerin ausgebildet wurde das Mädchen Karina an der Kölner Odenthal-Schule bis 1992; sie tanzte im freien Padilla-Ensemble, mit dem sie auch nach Japan und Südkorea auf Tournee ging. Noch immer ist es ihr extrem wichtig, dem Körper zu vertrauen, dem eigenen wie dem fremden: „Emotional ist der Körper immer wichtiger als die Sprache. Er kann viel eher wahrhaftig sein, während Sprache immer auch lügt.“ In Dresden hat sich die Schauspielerin Plachetka intensiv darum bemüht, mit dem bekennenden Tangotänzer Andreas Kriegenburg arbeiten zu können, in dessen Regiearbeit Choreografie eine wichtige Rolle spielt. Aber schon früh war ihr auch bewusst geworden: „Tanz reicht nicht.“ Sie vermisste „die Auseinandersetzung darüber, warum wir tun, was wir tun“. Und so begann sie 1997 an der Berliner Theaterhochschule „Ernst Busch“ Schauspiel zu studieren. Sie war Teil vom Studierendenquartett, dessen Lebens-, Arbeits- und Bewusstseinswege Andres Veiel nachzeichnete im Schauspielschulenfilm „Die Spielwütigen“.

Karina Plachetka beim Covershooting. Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz
Sprache der Heimat
In Berlin kam eine Art Erinnerung zurück an das Polen, das sie als Baby ja nie wirklich kennengelernt hatte; nur später ein wenig, als die Familie 1983 zur Beerdigung ihres Großvaters reisen durfte, der in Strzelce Opolskie geblieben war. Da war sie acht: „Es war das erste Mal, dass ich das Land sah, in dem meine Eltern aufwuchsen und sozialisiert waren, dessen Sprache sie sprachen. Ich habe sie dort das erste Mal souverän eine Sprache sprechen hören, die ich aber nicht verstand. Ich habe die große dort verbliebene Familie meiner Mutter kennengelernt. Ich habe meine Eltern sehr entspannt und sicher erlebt. Hier waren sie zu Hause. Aber ich war heimatlos, ohne Muttersprache.“
„Ich habe in einer Zwischenwelt gelebt“, sagt Karina Plachetka – jetzt, im Ostberlin der späten 1990er-Jahre, noch immer (und im Grunde bis heute) durchsetzt mit der atmosphärischen DNA des alten europäischen Ostens, erschien auch Polen für sie in anderem Licht: „Frei und wild.“ Der Überfluss, den sie aus Köln kannte, wirkte demgegenüber armselig und oberflächlich.
Guter Geist des Hauses
Darum wurde Berlin für sie so wichtig; auch wegen der Kunst-Köpfe dieser Epoche im Daueraufbruch – speziell an der Volksbühne mit Frank Castorf und Christoph Marthaler: „Auch ihretwegen bin ich Schauspielerin geworden.“ Mit ihnen (und vielen anderen) blieb das Interesse an den Echos aus dem alten Osten immer präsent – und die Entscheidung für das Schauspiel in Dresden war nur konsequent. Und sie ist geblieben – bei Holk Freytag, der sie engagiert hatte, im Übergang von Freytag zu Wilfried Schulz und dann auch bei Joachim Klement. Immer war und blieb Karina Plachetka da, hat mit einer ganzen Galerie von Regisseurinnen und Regisseuren gearbeitet; so war sie die Sabine-Christiansen-Parodie in Volker Löschs gerichtsnotorischem Spektakel um „Die Weber“.

Karina Plachetka auf der Bühne in „Die Laborantin“. Foto: Sebastian Hoppe
Ist sie ein guter Geist des Hauses? Sie wehrt ab: „Ach, hier gibt’s doch so viele gute Geister!“ Gerade die, die schon lange zum Haus gehören, viel länger als sie selber, fest oder frei: „Alle dem Beruf so zugewandt, alle so uneitel, die vertrauten Geister neben den ganz jungen, alle gemeinsam mit so großer Lust begabt, sich den Dingen im Theater zu widmen – das ist eine große Qualität in Dresden. Gerade in dieser Mischung von Spielern, die 20, 40 Jahre die Wandlung dieses Ortes erlebt haben, neben denen, die einen neuen und anderen Blick von außen dazubringen. Das ist fruchtbar. Und ich liebe es, wenn ich sehe, dass ein Ensemble auf der Bühne auch tatsächlich miteinander spielt.“ Das ist Karina Plachetkas Dresdner Plädoyer: „Wir wollen ein Ensemble sein.“
Widersprüche
Und sie selber? Immer gab es gute Gründe, in Dresden zu bleiben: beruflich, familiär – und in dieser Stadt voller eklatanter, schmerzhafter Widersprüche natürlich auch politisch. Sie lebt und arbeitet somit in einer Art deutschem Politiklabor, wo in drei Jahrzehnten neudeutscher Einheit die Geistwerte ständig wechselten. Tschechien ist nah, Polen auch: „Gerade wurde ich zur Schulanmeldung meines Sohnes nach meinem ‚Migrationshintergrund‘ gefragt… Ja, den hab ich, irgendwie. Und mein Sohn könnte darum Polnisch lernen, was ich nie gesprochen habe. Vielleicht ja zu spät, um sich mit Opa zu unterhalten, aber diese Sprache ist Teil unserer Familiengeschichte.“
Zustand und Ziel
Über Dresden sagt Karina Plachetka: „Die Menschen beschäftigen sich hier gern mit dem Theater.“ Arbeit auf der Bühne ist nicht nur für sie lebenswichtig: „Theater hilft mir, die Welt zu verstehen, das, was mich umgibt. Und hier umgibt mich sehr viel. Ich war oft glücklich im Theater, aber nie war ich fertig mit dem Verstehen.“ Dieses „Nicht-fertig-Werden“ ist Zustand und Ziel zugleich für Karina Plachetka. Aber sie weiß auch: „Ich habe Glück gehabt.“ Keine Übergriffe, in zwanzig Jahren keine toxischen, machtgestylten Männermonster auf Regiestühlen und so viel „Unabhängigkeit“ wie möglich: „Ein Gerüst muss man sich bauen, sich unabhängig denken. Vielleicht auch als Selbstüberlistung.“ Denn natürlich wachsen die Zwänge und Notwendigkeiten, gerade mit zwei Kindern. Lange war sie Alleinverdienerin der Familie, und sie kennt obendrein die Arbeit in der freien Tanzszene; so war sie sich der Luxusbedingungen im Staatstheater immer bewusst.

Karina Plachetka beim Titelshooting am Ufer der Elbe. Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz
Im Umgang damit vermisst sie manchmal „Demut.“ Wie bitte, Demut? „Ja. Es ist nicht modern, so zu denken; da bin ich wohl ein bisschen altmodisch.“ Auch in den Diskursen, die aktuell den Theateralltag prägen? „Kampfansagen sind wichtig – aber kann und sollte diese Auseinandersetzung nicht auch auf der Bühne stattfinden?“ Mehr, sagt Karina Plachetka, wollte sie nie: „Immer nur diese Arbeit machen.“
Zwischen den Welten
Ende 2020 begannen für Karina Plachetka die Proben für die deutschsprachige Erstaufführung in der Inszenierung von Adrian Figueroa, mitten in der nicht nur für die Mutter von zwei Kindern dramatischsten Phase des pandemiebedingten Lockdowns. Der Kopf war da immer voll von ganz anderen Dingen, familiären und organisatorischen Problemen vor allem; Vater und Mutter teilten sich die Betreuung von Tochter und Sohn nach genauem Alltagsfahrplan. Nur selten blieb Platz für das andere Leben: im und mit dem Theater.
So sehr hat sie sich wieder nach der Bühne gesehnt: „Mein Lebenssinn steckt im Theater.“ Zugleich schwelt derzeit, mal untergründig, mal offensichtlich, mal in Albträumen und mal in den Parlamenten, die Debatte um Sinn und Zweck und Zukunft der Bühnenkünste: „Viele Gedanken fühlen sich gerade so existenziell an – und ich stehe wieder zwischen den Welten. Ich bin unglaublich ratlos darüber, was das alles gerade mit uns macht.“ Ein Leben im Versuchslabor, wo alte Gewissheiten nicht mehr viel gelten – das ist nicht angenehm, es ist aber auch Antrieb für die „Laborantin“: Für Melancholie und Mut.
Karina Plachetka ist seit 2001 Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Dresden. Geboren 1975 in Polen. Tanzausbildung an der Tanzschule Odenthal in Köln. 1997 Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Im Kino war sie in Andres Veiels Dokumentation „Die Spielwütigen“ zu sehen. Weitere Kinorollen: „Whisky mit Wodka“ (Regie: Andreas Dresen) und „Zwei Mütter“ (Regie: Anne Zohra Berrached).
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 12/2021.