Foto: Thomas Dannemann und Claude De demo. © Birgit Hupfeld
Text:Martin Krumbholz, am 28. September 2026
Am Schauspiel Köln bringt Lily Sykes Roland Schimmelpfennigs „Tag und Nacht“ zur Uraufführung. Die Inszenierung kann mit Regie und Ensemble überzeugen, das Stück selbst bleibt dahinter zurück.
Irritierend ist der Blick auf die Vorbühne des neueröffneten Kölner Schauspiels, denn statt der angekündigten zwei konträren Schauplätze, Stadtwohnung und Landhaus, erblickt man lediglich eine prosaische (Lese-)Probebühne, also einen langen Tisch mit allerlei Getränken und Manuskripten. Rechts und links Ständer mit Garderoben. Die Erklärung ist so einfach wie kompliziert: Roland Schimmelpfennig strebt mit diesem Setting nicht weniger an als die Dekonstruktion eines Boulevard- oder Konversationsstücks. Nicht nur werden hier die Regieanweisungen konsequent mitgesprochen, der ganze Abend steht sozusagen im Modus des Konjunktivs, die eingeschlagenen Volten sind austauschbar, mal besuchen die Städter die Ländler, mal ist es umgekehrt.
Schreibwerkstatt auf Langzeit
„Der gestiefelte Kater“ heißt das Stück, das Protagonist Erik 1000-mal gespielt haben will, wobei einigermaßen unklar bleibt, ob es sich dabei um die gleichnamige romantische Komödie von Ludwig Tieck oder schlicht um ein Kinderstück handelt; „Die Landmaus und die Stadtmaus“ nennt sich der (nicht weiter definierte) Text, an dem Eriks Bruder Martin schon seit Jahren werkelt. Man könnte sagen: Martin kommt nicht vom Fleck, Erik ist weit über den Fleck hinaus. Seit sieben Jahren haben sich die Brüder auch nicht gesehen, sind ingrimmig „verfeindet“. Warum das so ist, erzählt Schimmelpfennig nicht so genau, es soll etwas mit Politik zu tun haben.

Thomas Dannemann, Claude De Demo und Paul Grill. Foto: Birgit Hupfeld
Die Brüder nehmen nicht gerade für sich ein. Erik (Thomas Dannemann) ist ein selbstverliebter Alkoholiker, Martin (Paul Grill) ein mit sich hadernder Schriftsteller in der Dauerblockade. Wenn sie jetzt beschließen, einander zu besuchen, liegt das vor allem an ihren Frauen, an Lisa (Claude De Demo) beziehungsweise Astrid (Birgit Unterweger), die neugierig aufeinander sind. Selbstredend kann bei dem Rendezvous nichts Gescheites herauskommen, sie werfen einander Nudeln beziehungsweise Bohnen buchstäblich an den Kopf, der Alkohol tut sein Übriges und ruiniert den Versöhnungsversuch vollends.
Fehlender Knackpunkt
Leider betrifft dieses Fazit auch den ganzen Abend. Trotz eines guten Ensembles, aus dem Claude De Demo herausragt, und einer Regie (Lily Sykes), die alles Erdenkliche tut, Schimmelpfennigs extravaganten Wünschen zu entsprechen, wird man den Eindruck nicht los, dass der Autor sich im Geflecht der Metafiktionen sozusagen selbst ausgetrickst hat. Schade ist das vor allem für den doch inständig behaupteten politischen Kern des Dramas.
Man hätte gerne erfahren, wo genau der Knackpunkt liegt, wie und warum die Brüder auseinandergeraten sind, wo sie sich politisch verorten. Schimmelpfennig verliert sich hier in kryptischen Metaphern, lässt die Dinge im Ungefähren, keine der Figuren spricht etwas aus, woran sich ein Disput entzünden könnte. Augenscheinlich war dem Autor die artifizielle Form weit wichtiger als ein flagranter inhaltlicher Dissens. Nicht nur dieser bleibt auf der Strecke, ebenso ergeht es der Komik. Schimmelpfennig und Sykes haben in schöner Konkordanz die Gepflogenheiten eines hassgeliebten Genres gefoltert und stranguliert.