Aufführungsfoto von „Faust. Eine Tragödie“ am Landestheater Schwaben. Zwei sehr ähnlich aussehende Männer, die gleich gekleidet sind, sitzen nebeneinander und schauen sich an.

Mephisto, der große Spielmacher

Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Eine Tragödie

Theater:Landestheater Schwaben, Premiere:25.09.2026Regie:Sarah Kohrs

Am Landestheater Schwaben lassen Regisseurin Sarah Kohrs und das spielstarke Ensemble Goethes Kunstsprache in „Faust. Eine Tragödie“ glänzen.

Das Streben nach unbedingtem Wissen, wie sie Heinrich Faust auszeichnet, wird kaum von Empathie geleitet. Zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält, bedeutet auch, über Leichen zu gehen. Diese Erkenntnis ist Basis für die Bearbeitung von Sarah Kohrs, die „Faust. Eine Tragödie“ am Landestheater Schwaben in Memmingen in Szene setzt. Kein Auerbachs Keller, keine Hexenküche, keine Walpurgisnacht: Kohrs setzt ganz auf die Beziehung von Faust und Mephisto. Mehr noch erscheint Faust als Marionette des Geistes, der stehts verneint und dabei Gutes schafft, auch, wenn die Inszenierung diesen Satz infrage stellen will.

Neuerschaffung statt Verjüngung

Schon beim Einlass des Publikums lauert Josephine Bönsch als Mephisto am rechten Bühnenrand. In der Mitte sitzt Harald Schröpfer als Faust inmitten eines Spiegelkabinetts, mehrfach im Spiegel-Bild gebrochen, Eitelkeit ausstrahlend. Links steht eine nach vorne offene Glaskabine, aus der eine Decke mit Kunstrasenelementen herausragt. Diese entpuppt sich als der Mantel, den Gott trägt. Er erlaubt Mephisto, sich Faust vorzunehmen. Sehr schnell erkennt dieser des „Pudels Kern“. Faust geht auf dessen Angebote ein, wenn der Geist auch nach einem gelungenen Streich hämisch kichert.

Während Gott am Anfang das Geschehen in Gang setzt – und am Ende überraschend auflöst, wird Mephisto zum Spielleiter. Josephine Bönsch hat sichtlich Spaß an dieser Aufgabe. Sie richtet nicht nur die Räume ein, sondern schlüpft auch schnell in andere Rollen, um die Handlung voranzubringen. So verwandelt sie sich blitzschnell in Frau Marthe, Lieschen oder Valentin. Der Clou dieser Inszenierung ist ein spannender Zugriff: Statt der Verjüngung des Faust‘ in der Hexenküche wird hier ein neuer Mensch, ein junger Faust, geschaffen, dem Joscha Schönhaus ungelenke Züge gibt und sofort entflammt, als er das Gretchen sieht, die von Leonie Maraska Menzel gar nicht so naiv dargestellt wird.

Aufführungsfoto von „Faust. Eine Tragödie“ am Landestheater Schwaben. Ein Mann liegt links am Boden, ein anderer Mann steht im Hintergrund vor einem Baum und schaut sich ein langes weißes Papier an.

Joscha Schönhaus und Harald Schröpfer in „Faust. Eine Tragödie“. Foto: David Lindert

Tableau-Regie

Während der Junge um das Mädchen tänzelt, schauen der Alte und Mephisto im Hintergrund zu. Sie mischen sich auch mit „guten“ Ratschlägen ein, die schließlich Gretchen direkt in den Kerker führen – und dann muss man den jungen Faust wieder verschwinden lassen: Der alte tröpfelt ihn von dem Gift ein, das er selbst schon nehmen wollte, bevor Mephisto erschien. Schon bald auch erlischt das Lebenslicht des alten Faust‘. Teile der Schlussszenen aus dem zweiten Teil der Fausttragödie werden in die Handlung einmontiert. Weil Gott, dem Michael Naroditski wunderbar leichte Töne gibt, dessen Streben nach Wissen für existentiell hält, verweigert er Mephisto den Wissenschaftler: Alle Inszenierungskunst war umsonst.

Im abstrakt gehaltenen Bühnenbild von Aylin Kaip, in denen die Spiegelelemente, die sich als durchsichtig erweisen, zumeist vom Spielleiter Mephisto in Positionen geschoben werden, entwickelt Sarah Kohrs eine opernhafte Tableau-Regie. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Absicht, die wundervolle Kunstsprache von Goethe glänzen zu lassen. Sie führt das Ensemble, das haarscharf an der Überforderung vorbeigleitet, dabei zu einer großartigen Gesamtleistung. Am Ende, wenn kahle Baumstämme auf der Bühne stehen, fühlt man sich an „Warten auf Godot“ erinnert. Störend ist nur die unnötige serielle Computermusik mit ihren melodramatischen Elementen. Da ließ sich im Programmheft auch niemand Verantwortliches finden.