Foto: „Orestie“ von Robert Icke nach Aischylos am Theater Vorpommern in der Inszenierung von Torsten Fischer. © Peter van Heesen
Text:Sophie-Margarete Schuster, am 26. September 2026
Torsten Fischer inszeniert die „Orestie“ in einer Neubearbeitung von Robert Icke nach Aischylos am Theater Vorpommern als ein Karussell der Rache, das seinen Anfang im Ende sucht.
„Lebendig ist, wer das Licht erwartet
in den Tagen des schwarzen Sturms
[…]
Sich dem Herbst hinwendet
und nicht aufhört zu lieben“
In Großbuchstaben laufen diese Zeilen über das Bühnenbild im Greifswalder Kaisersaal – weiß auf schwarz, schwarz auf weiß. Es ist ein Zitat aus Luigi Nonos Libretto „Intolleranza 1960“, das hier die Wände schmückt. Noch wissen die Zuschauer:innen, die sich gerade erst auf ihren Plätzen einfinden, nicht, dass diese Zeilen für Torsten Fischers Inszenierung der „Orestie“ so etwas wie eine verborgene Kompassnadel sein werden; dass diese Worte die letzten sein werden, die an die Ohren des Publikums treten. „Am Anfang war das Wort. Und wir befinden uns am Ende“, verkündet der Seher Kalchas zunächst dem Saal. Aber was ist hier eigentlich das Ende? Und was der Anfang?
Da, wo alles anfing, ist das Ende?
Während der vor fast 2.500 Jahren uraufgeführte Stoff damit beginnt, dass der griechische König Agamemnon nach dem Trojanischen Krieg siegreich nach Hause kehrt, springt Robert Ickes Neubearbeitung unmittelbar vor das Ende der Tragödie – an jenen Punkt, an dem die drei Morde bereits passiert sind. Orest hatte den Mord an seiner Mutter Klytämnestra bereits begangen – nachdem Klytämnestra ihren Mann Agamemnon ermordet hatte, weil dieser zuvor die gemeinsame Tochter Iphigenie tötete, um im Zeichen einer Prophezeiung den Krieg zu gewinnen. Das heißt: Blut ist bereits literweise geflossen. Schuld wurde mit Schuld beglichen und das Karussell der Rache hat längst Fahrt aufgenommen. Die Frage müsste also lauten: Wie können wir, die hier am Ende stehen, an den Anfang zurückgehen, um die Wahrheit zu finden?

„Orestie“ von Robert Icke nach Aischylos am Theater Vorpommern in der Inszenierung von Torsten Fischer. Foto: Peter van Heesen
Auf dem Psychotherapie-Tisch
Robert Icke begegnet dieser Frage mit der Figur einer Ärztin (Gabriele Völsch), die Orest (Jakob Schleert) dabei begleitet, die Geschichte seiner Familie zu rekonstruieren. So kauert Schleert, als das Licht im Saal angeht, zunächst wie ein verschrecktes Tier auf einem langen Tisch. „An irgendwas werden Sie sich erinnern. Wir müssen nur anfangen. Gehen Sie den Weg zurück, bis dahin, wo es anfing“, insistiert die Ärztin. Auf einem weißen Tablet macht sie sich hin und wieder Notizen, die nicht nur Orest, sondern auch dem Publikum verborgen bleiben.
Auf diese Weise entfaltet sich die Handlung der berühmten antiken Trilogie entlang eines traumatisierten Erinnerns: Des Muttermordes angeklagt schaut Orest auf sein Leben zurück. Und durch die Augen des Kindes, das er einmal war, begegnen wir den Morden, die ihn schließlich selbst zu einem Mörder haben werden lassen. Fischer nutzt für diese Perspektivierung kein Video- oder Filmmaterial, sondern setzt auf eine Körperlichkeit des szenischen Spiels – eine Entscheidung, die es den Schauspieler:innen erlaubt, die Figuren auch mal über das Rache-Motiv hinaus zu erkunden und sich in dem dramatischen Gerüst auszubreiten.
Der tote Hirsch und die Vereinzelung
In weiß geschminkten Gesichtern und schwarzen Anzügen versammelt sich die Familie an der langen Tafel; in einem Topf gart ein toter Hirsch. „Es ist ein Teil eines Hirsches, aber jetzt ist es Fleisch“, korrigiert Klytämnestra (Judith Rosmair) ihren Sohn. Der Dialog ist darauf angelegt, dass die Figuren einander verpassen; dass sich zwischen den Zeilen Abgründe auftun. Abgründe, die – wenn sie sich uns eröffnen – groß genug erscheinen, dass Giftmorde, Messerstiche und der Schwung einer Axt auf einmal hindurchzupassen beginnen. Aber wo hat es angefangen? Und noch viel entscheidender: Was sind wir bereit zu tun, um den Dingen ein Ende zu setzen? Im Rausch der Blutrache treiben die Figuren – die eigentlich schon während ihres Streits um den toten Hirsch in Vereinzelungen feststeckten – immer weiter in die Isolation: Klytämnestra versinkt in Drogen und Elektra verliert sich am Grab des Vaters im Hass gegen die eigene Mutter.
Als sich dann schließlich die schwarz umschleierten Rachegöttinnen um den getriebenen Orest scharren, von allen Seiten an ihm zerren und ziehen – da ist der Anfang dieser Inszenierung wieder erreicht; die Zeit für ein Urteil ist gekommen. Alle Figuren – tot oder lebendig – liegen auf dem langen Tisch. Sie liegen in einer Reihe, den Blick ins Publikum gerichtet: „Wir waren jetzt Zeuge jeder Aussage und jeder begangenen Tat. […] Wir wollen nun abschließend ein Urteil fällen.“ Der unausweichliche Blick in die Zuschauerreihen trägt eine Botschaft: Es liegt an uns, zu entscheiden, ob Orest freigesprochen wird. Denn auch wenn das Blut an diesem Tisch schon vergossen wurde, wäre ja denkbar, dass dieser Blick in den Saal, dieses Ende, eigentlich ein Anfang ist. Oder anders:
„Lebendig ist, wer das Licht erwartet
in den Tagen des schwarzen Sturms
[…]
Sich dem Herbst hinwendet
und nicht aufhört zu lieben“