Keine Brandmauer
Foto: Das neue theater der Bühnen Halle © Mark Finster Text:Erik Zielke, am 21. September 2026
Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt: An den Bühnen Halle reflektieren drei Mitarbeiter:innen über politische Drohkulissen, die Stimmung im Publikum und die Frage, wie Theater im ländlichen Raum Haltung zeigen kann.
Fährt man dieser Tage nach Halle an der Saale und geht zu Fuß den kurzen Weg vom Hauptbahnhof zum neuen theater, dem Schauspielhaus der Stadt, sieht man noch die bunten Plakate zur sachsen-anhaltinischen Landtagswahl an den Straßenlaternen. Optimistisch dreinblickende Gesichter von Vertretern aller Parteien. Aber der zwanghafte Optimismus der Wahlkampfzeit ist Geschichte. Neue Realitäten haben das Land mitsamt seinen Kulturinstitutionen ereilt, auch wenn weiterhin unklar ist, wie Sachsen-Anhalt in Zukunft regiert werden soll.
Knapp nur hat die AfD die absolute Mehrheit im Landtag verpasst. Jene Partei also, die vom Verfassungsschutz als in Teilen „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wurde und in ihrem Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt von einer „neuen, patriotischen Kulturpolitik“ und der „patriotischen Wende auf allen Gebieten“ träumt. Wie eine Drohung liest sich darin manche Stelle: „Da Kultur in der Bundesrepublik Deutschland Ländersache ist, verfügen wir nach einem Sieg bei der Landtagswahl 2026 über vielfältige Möglichkeiten, unsere kulturpolitischen Vorstellungen umzusetzen. Wir werden Sachsen-Anhalt zum Musterland der Kulturpolitik machen, das eine Strahlwirkung auf andere Bundesländer entfaltet und so den notwendigen Wandel in ganz Deutschland anstoßen kann.“
Fünf Sorge-Phasen
Während die AfD nun im Siegestaumel feiert, macht sich an den Bühnen Halle, einem traditionsreichen Fünf-Sparten-Haus, Sorge breit. Nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse durchlebe sie verschiedene Phasen: Zunächst habe es eine kurze innere Kapitulation gegeben, eine Art Betäubung; dann kamen Empörung und Aktionismus dazu; und jetzt gerade werde sie erneut wütend und habe Lust, laut zu werden. So erklärt es Katharina Brankatschk, Oberspielleiterin des Thalia Theaters, der Kinder- und Jugendtheatersparte in Halle, und dem Haus schon lange als Regisseurin und Schauspielerin verbunden.
Gemeinsam mit Brankatschk, der Schauspieldramaturgin Sandra Bringer und dem Beleuchtungstechniker Jens Pietzonka spreche ich über die jüngsten parlamentarischen Eruptionen und ihre möglichen Auswirkungen auf die Theaterarbeit in Halle. Die beschriebenen Phasen – Momente der Kapitulation, der Wut und auch die Lust am Dagegenhalten – prägen auch dieses Gespräch.
„Ich möchte nicht in einem Theater arbeiten, wo politisch vorgeschrieben wird, was gemacht werden darf und was nicht. Ich verstehe Theater als ein Ort des Austausches und ich bekomme richtige Bauchschmerzen damit, dass die AfD im Wahlprogramm stehen hat, dass nur gefördert werden soll, was ein Bekenntnis zur deutschen Kultur darstellt“, macht Pietzonka seine Position deutlich.
Parteipolitisch manifestierte Überzeugungen
Tatsächlich findet sich im AfD-Regierungsprogramm ein Passus, der abermals nicht ohne Drohgebärde auskommt: „Die Kunstfreiheit ist kein Anspruch, alles Mögliche gefördert zu bekommen. Deshalb werden wir mit Staats- und Steuergeld vorwiegend solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet.“
Ziemlich routiniert lassen die drei Theatermitarbeiter Namen von Persönlichkeiten und Institutionen der rechten Szene fallen. Hier, so scheint es, wird man ganz zwangsweise zum Experten für Rechtsextremismus. Knapp vierzig Kilometer von Halle entfernt befindet sich Schnellroda, wo der rechtsextreme Verleger Götz Kubitschek bis 2024 das Institut für Staatspolitik unterhielt, eine Kaderschmiede der neuen Rechten.
„Man darf nicht so tun, als wäre das in Halle eine Entwicklung der letzten fünf Jahre. Wir sprechen ja von 30, 35 Jahren. Die Überzeugungen, die wir erleben, sind nicht neu, sondern sie haben sich nur jetzt erst auch parteipolitisch manifestiert“, stellt Bringer klar.
In vielen Fragen sind die drei sich einig. Etwaige Strategien, auch künstlerischer Art, sind allerdings, neben der laufenden Theaterarbeit, noch in der Diskussion. Die Netzwerkarbeit der letzten Jahre zu Kulturinstitutionen wie zur Zivilgesellschaft soll weiter gestärkt werden. Über Sicherheitskonzepte müsse man nachdenken. Schließlich stelle sich aber auch weiterhin die Frage, wie man die Menschen erreicht. „Wir wollen in dieser Situation nicht weniger, sondern vermehrt mit mobilen Produktionen in den ländlichen Raum fahren“, sagt Brankatschk.
„Das Theater ist ein offener Raum“
„Es gab sehr viele Bestrebungen in den letzten Jahren, etwas gesellschaftlich Relevantes zu tun: Zunächst ging es oft darum, sich ‚gegen‘ etwas zu positionieren, im nächsten Schritt um ein ‚Für etwas‘“, meint Bringer. „Jetzt wird es vielleicht darum gehen, ganz andere Wege einzuschlagen, mit Inhalten und Stoffen anders umzugehen, und zwar mit einer gewissen Selbstverständlichkeit.“
Klar ist aber auch, dass nicht alle Beschäftigten der Bühne Halle die bedrückende Sorge der drei teilen. „Das ist eine GmbH mit über 450 Angestellten“, erklärt Brankatschk und Pietzonka ergänzt: „Natürlich hast du hier auch mit Kollegen und Kolleginnen zu tun, die völlig anderer Meinung sind.“ Keine Brandmauer umgibt das Theater, so viel ist klar. Umso wichtiger sei es, so Pietzonka, miteinander im Gespräch zu bleiben, aber auch No-Gos zu formulieren.
2017 konnte Berndt Schmidt, Intendant des Berliner Friedrichstadtpalastes, noch hart mit AfD-Wählern ins Gericht gehen, was in einem Boykottaufruf durch die Partei mündete. Und auch in diesem Jahr machte Steffen Mensching, Intendant am Rudolstädter Schiller-Theater, noch risikofreudig klar, wenn ein AfD-Landrat gewählt würde, nähme er seinen Hut. Solche Strategien scheinen deutlich zu spät für Sachsen-Anhalt.
Im Aufsichtsrat der Bühnen Halle ist auch ein AfD-Mitglied vertreten. Das Publikum bildet die politische Stimmung der Stadtgesellschaft ab. Damit wird das Theater weiter umgehen müssen. „Das Theater ist ein offener Raum“, macht Brankatschk klar, schränkt aber ein: „Was wir natürlich nicht dulden werden, ist, wenn es zu Störungen kommt, wenn es zu Gewaltanwendungen kommt oder zur Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole.“
Gesprächsangebot im Programm
In der nt-Kammer, der kleinen Spielstätte des Hallenser Schauspiels, sehe ich nach dem Gespräch „Kalter weißer Mann“. Die Inszenierung ist ein veritabler Publikumserfolg: Im Juni 2025 hatte sie Premiere und wurde nun abermals, frühzeitig ausverkauft, wiederaufgenommen. Das ziemlich boulevardeske Konversationsstück ist gewiss keine erschöpfende Auseinandersetzung mit Sprachpolitik, Machtungleichgewicht und Generationenkonflikten um politische Korrektheit. Und auch ästhetisch wird an diesem Abend nicht das Rad neu erfunden. Man muss diese Arbeit wohl vorrangig als Gesprächsangebot verstehen, das schnörkellos und ohne theoretischen Ballast auskommt.
Nach dem Tod des Firmengründers gibt der stellvertretende Geschäftsführer einen Trauerkranz in Auftrag. Auf der Schleife wurde mit „Die Mitarbeiter“ gezeichnet. Aber was ist mit den weiblichen und queeren Beschäftigten? Um diesen Fauxpas entspinnt sich ein humoreskes Kammerspiel, in dem sich progressive Digital Natives Wortgefechte mit einem gestandenen Geschäftsmann liefern.
Manche schlagfertige Entgegnung der Schauspielerinnen auf den „alten weißen Mann“ auf der Bühne wird vom Publikum fast schon demonstrativ mit Szenenapplaus bedacht. Aber auch die markigen Sprüche, die gegen ein Übermaß an Achtsamkeit polemisieren, werden mit Gelächter goutiert. Dass sämtliche Figuren durchaus Ambivalenzen aufweisen und das Stück ohne pädagogischen Impetus auskommt, macht es offenbar anschlussfähig für ein breites Publikum.
Hand- und Kopfarbeit
Die aufgeworfenen Fragen der Inszenierung finden ihre Fortsetzung in engagierten Pausengesprächen. Da höre ich, wie sich mehrere Personen recht ungezwungen über die Feinheiten diskriminierungsfreier Sprache austauschen. An anderer Stelle vernehme ich das verheißungsvolle Schlagwort „Genderwahnsinn“. Von mir auf die veränderte politische Situation angesprochen, reagieren die meisten Menschen mit sichtlichem Unbehagen. „Was soll man denn dazu sagen?“, erwidert jemand schulterzuckend, nach den Wahlergebnissen von Anfang September befragt. Eine junge Frau weist hingegen mit der Hand auf einen Anstecker an ihrem Basecap mit der Aufschrift „Antifa ist Handarbeit“.
Viel Hand- und Kopfarbeit wird auch an den Bühnen Halle nötig sein. „Schon jetzt ist zu spüren, dass wir alle ein bisschen stiller geworden sind, vielleicht aus Erschöpfung, aber vielleicht auch bereits aus Vorsicht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einen vorauseilenden Gehorsam verfallen“, beschreibt Sandra Bringer ihre Befürchtungen. Ideen, so wirkt es, gibt es zur Genüge. Bleibt zu hoffen, dass man in Halle Zeitgeist wie politischen Machtdemonstrationen wird trotzen können.