Kollektiver Schwindel

Christopher Rüping: Deutscher Herbst

Theater:Ruhrtriennale, Premiere:17.09.2026 (UA)Regie:Christopher Rüping

„Deutscher Herbst“ ist Christopher Rüpings neuste Uraufführung über ein kollektives Schwindelgefühl in einer unsicheren Zeit. Die Koproduktion von der Ruhrtriennale und dem Deutschen Theater Berlin nutzt die Tiefe der Bochumer Jahrhunderhalle und macht deutsche Geschichte und Emotion zur Familienangelegenheit – eine sehens- und erlebenswerte Inszenierung.

Zwischen Ohrhärchen, Hohlräumen im Innenohr (Vorhofsäckchen) und Gehirn entsteht irgendwo in unserem Kopf das Schwindel-Gefühl. Dieses Gefühl verbindet Regisseur Christopher Rüping zugleich mit einem kollektiven Schwindeln im politischen Klima vergangener deutscher Herbste wie während der Terror-Anschläge der RAF oder in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs – oder auch gerade jetzt.

Bis in diese Nachkriegszeit zurück reicht sein „Deutscher Herbst“, angelehnt an Stig Dagermanns gleichnamige Bericht-Sammlung für die schwedische Tageszeitung Express. Darin beschreibt der Autor und Journalist nasse Keller des Ruhrgebiets oder ein zur Unkenntlichkeit zerstörtes Hamburg. 1946 reiste er durch ein kaputtes Land und beschäftigte sich im Bewusstsein seiner privilegierten Position mit der Frage, ob die Menschen im Nachkriegsdeutschland eigentlich für Freiheit bereit sind. Ausgehend von dieser Sammlung erweitert Rüping die von Dagermann eingefangene Stimmung zu einem kollektiven Gefühl aus deutscher Erinnerungs- und auch Schweigekultur.

Erinnerungs- und Schweigekultur

Die Bühne von Jonathan Mertz befindet sich zwischen Ohrhärchen aus rosa Schwimmnudeln, die von rechts, links und oben aus der Bühne ragen, den Vorhofsäckchen aus gigantischen, aufgeblähten Luftsäcken und einem Gehirn aus einer großen Leuchtschnecke ganz hinten. Mit wenigen Requisiten und doch sehr klaren Assoziationen füllt das Ensemble im Weiteren mit Schwere und Leichtigkeit zugleich den bis in die Tiefe genutzen Raum der Jahrhunderthalle in Bochum.

„Deutscher Herbst“ in der Jahrhunderthalle in Bochum. Foto: Caroline Seidel

Wiebke Mollenhauer tritt zögerlich von ganz hinten auf. Es dauert, bis sie den vorderen Teil der Bühne erreicht. So wie überhaupt alles in dieser Inszenierung seine Weile braucht, was entschleunigt, in seinen Sog zieht und auch in der Anstrengung der 3 h 40 Minuten inklusive Pause genau getimed ist. Mollenhauer beginnt mit einem „na?“. Sie besucht einen Patienten, ihren dementen Vater, das hier das im Du angesprochene Publikum darstellt.

Ein Gefühl wird zur Familienangelegenheit

Rüping gelingt es, deutsche Geschichte und Emotion zu einer Familienangelegenheit zu verbinden. Und Mollenhauer leitet auf der Bühne in ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung über die Beziehung zu ihrem über die Vergangenheit schweigenden Vater die Zuschauer:innen. Nach und nach tauchen Figuren aus der Vergangenheit in dem hier inszenierten Gedankenraum auf: Von Steven Adjei Sowah als Dagermann, der aus seinem Buch zitiert und mit namenlosen, grün maskierten Darsteller:innen Szenen daraus nachspielt – „Weil es wichtig ist“, sagt er, „hörst du zu? Gut.“ –, über den lebendig gewordene Caspar David Friedrich, Komi Mizrajim Togbonou, der sich auf Mollenhauers Kindheits-Sofa setzt und über das Bild „Abtei im Eichenwald“ (auf Leinwand projiziert) einen Exkurs über sein Werk zwischen tiefer Schönheit, einsamer Düsternis und deutsche Kultur beginnt.

Svenja Liesau, Wiebke Mollenhauer, Komi Mizrajim Togbonou. Foto: Caroline Seidel

Zusätzlich taucht Mollenhauers Teenie-Ikone des Happy-Hardcore der 90er Jahre, Blümchen alias Jasmin Wagner, auf. Sie ist knallbunt gekleidet (Kostüme: Lene Schwind) und sorgt energetisch für Schwung – „Wie ein Bum-, Bum-, Bum-, Bum-, Bumerang komm‘ ich immer wieder bei dir an“. Was Mollenhauer also in der Inszenierung begegnet, ist einerseits Überforderung und andererseits schafft Rüping so etwas wie therapeutisches Theater: Alle Figuren sind für Mollenhauer da, fordern sie mit ihrer Vergangenheit, liefern aber auch emotionale Ankerpunkten. Alles zusammen bringt Trost durch gemeinsames Teilen und Durchleben auf der Bühne und im Publikum.

Präsentes Ensemble

Für großartigen Live-Sound auf der Bühne sorgen an Flügelhorn, Posaune und Euphonium Christoph Hart, Rike Huy und Shih-Che Lee. Das Ensemble, auch mit Benjamin Lillie und Almut Zilcher, trägt Rüpings assoziative Erzählweise mit ungebrochener Präsenz, führt für auf Leinwand projizierte Detailaufnahmen selbst eine Handkamera. Mehr und mehr steigert sich die Inszenierung auf mehrere Sinnebenen, bis schließlich Mollenhauer und selbst den Zuschauer:innen von den Darsteller:innen mit dem riesigen Bühnenventilator und mobilen Laubbläsern um die Ohren geblasen wird – eine Methode, um den Schwindel loszuwerden. Was bleibt, ist, dass Schwere, Überforderung und Trost doch nahe beeinander liegen. Eine sehens- und erlebenswerte Inszenierung.