Aufführungsfoto von „Peter van Pels“ am Theater Osnabrück. Auf einem Metallkonstrukt sitzen und liegen vier Personen in schummrigen Licht.

Osnabrück - Amsterdam - Auschwitz

Anno Schreier: Peter van Pels

Theater:Theater Osnabrück, Premiere:19.09.2026 (UA)Regie:Ulrich MokruschMusikalische Leitung:Benjamin Huth

Das Theater Osnabrück widmet der Jugendliebe Anne Franks die Uraufführung „Peter van Pels“ von Anno Schreier. Ulrich Mokrusch gelingt dabei eine feinsinnige Inszenierung der Musiktheater-Collage.

Die Friedens- und Wohlfühlstadt Osnabrück bekennt Farbe, wenn es um die kulturpolitische Repräsentation ihrer historischen Leitfiguren im Schatten des Nationalsozialismus geht: Neben Felix Nussbaum und Erich Maria Remarque rückt nun Peter van Pels zu seinem 100. Geburtstag in den Fokus der institutionalisierten Auseinandersetzung.

Dass das Gedenken an den 1926 in der Osnabrücker Martinistraße geborenen van Pels von eminenter Bedeutung ist, steht außer Frage. Die Person ist durch das Tagebuch der Anne Frank im globalen Bewusstsein verankert. In jenen intimen Aufzeichnungen aus dem Amsterdamer Hinterhaus in der Prinsengracht 263 mutiert der schüchterne Peter von Annes anfänglicher Abneigung zur ersten und einzigen großen Jugendliebe. Das historische Menetekel der Judenverfolgung ist erschütternd: Außer Annes Vater Otto Frank überlebte keine der acht Personen in der heimlichen Wohngemeinschaft den Naziterror. Peter van Pels starb im Alter von nur achtzehn Jahren am 10. Mai 1945 im Konzentrationslager Mauthausen – fünf Tage nach der Befreiung durch die US-Truppen.

Perspektivumkehr

Das Tandem der Osnabrücker Auftragsoper – Librettist Joscha Schaback und der hemmungslos produktive Komponist Anno Schreier – unternimmt in 34 kurzen Szenenschnitten die Perspektivumkehrung von Annes Tagebuch, welches sie um eine Exposition in Osnabrück und einen Epilog im Vernichtungslager erweiterten.

Erst wird der Alltag unter dem Hakenkreuz beleuchtet. Es folgt die Emigration in das vermeintlich sichere Amsterdam. Das dortige, unter der deutschen Besatzung illegal werdende Dasein zwängt Schreiers Partitur in eine meist von Unterhaltungsnummern und zeitgenössischem Schlager-Fluidum durchwirkte Klangcollage, bis der unaufhaltsame Weg nach Auschwitz dem Komponisten schließlich einige individuelle, wenn auch flache Einfälle entlockt. Am Ende steht ein lautes „Nie wieder!“ des Solistenquartetts.

Das Fahrrad als sakrales Objekt

Es gereicht der Partitur zum Vorteil, dass Anno Schreier seine Oper auf ökonomische siebzig Minuten begrenzt und das Werk somit vor der strukturellen Zerfaserung seiner linearen Nummernstruktur bewahrt. Gleichwohl generiert die Musik zu selten jene auratische Dichte, die das stumme Hauptrequisit des Abends im Text und auf der Bühne ausstrahlt: Peters schweres, schwarzes Fahrrad, das Geschenk seiner Mutter aus unbeschwerter Jugend, lagert im Amsterdamer Refugium wie ein sakrales Objekt.

Die visuelle Umsetzung durch Okarina Peter und Timo Dentler gibt sich im Theater am Domhof betont spartanischer als Schreiers orchestrales Gewand. Ein quadratisches Mauerrelief hängt im Schwarz der Bühne. Es dient für Projektionen wie die Osnabrücker Stadtansicht und jenes Fensters zur Welt, durch dessen schützende Gardinen die vom öffentlichen Leben separierten Akteure hinausblicken. Abgesehen von einer parodistischen Musical-Einlage um Auguste van Pels’ Nachttopf walten die Ausstatter in Kostüm und Dekor mit kluger Ökonomie, was der Regie von Intendant Ulrich Mokrusch eine sensible Genauigkeit abfordert.

Reifende Teenager statt Opferikonen

Problematisch bleibt, dass die Musik sich weigert, die räumliche und psychologische Enge, die latenten Aggressionen und Dehnungsspannungen der Verfolgten zu spiegeln und in ihrer existenziellen Enge zu beglaubigen. Mokrusch verzichtet auf die Dämonisierung der NS-Schergen und fokussiert die Beklemmung der KZ-Bilder primär aus den klammen Bewegungen des Opern- und Extrachores. Die affektive Herausforderung des Publikums beginnt mit angemessener Kraft erst im Holocaust-Finale. Da streift auch Schreier endlich seine musikalischen Hülsen ab und entschließt sich zu einer atmosphärisch verdüsterten Klangsprache.

Aufführungsfoto von „Peter van Pels“ am Theater Osnabrück. Ein Man und eine Frau tanzen nebeneinander. Ein älterer Mann sitzt rechts neben ihnen und schaut sich ein Heft auf seinem Schoß an.

„Peter van Pels“ von Anno Schreier am Theater Osnabrück mit Florian Wugk, Susanna Edelmann und Jan Friedrich Eggers. Foto: Bettina Stöß

Florian Wugks lyrischer Tenor in der Titelpartie erweist sich als Ereignis. Mit ehrlicher Stimmsensibilität und darstellerischer Wahrhaftigkeit beglaubigt er die Entwicklung des Protagonisten zum jungen Erwachsenen. Sein schlankes, weißes Timbre und die vorbildliche Artikulation verweigern auch im Duett mit Anne Frank jegliche falsche Sentimentalität. Wugk zeigt den Trotz, die Reibung an der Mutter und den Hauch einer altersüblichen Arroganz mit bemerkenswerter Nuancierung. Wenn sich die beiden Jugendlichen nicht als heroisierte Opferikonen, sondern als reifende Teenager begegnen, trägt der mitunter aphoristische Text Schabacks weit mehr als die Musik. Susanna Edelmann gibt eine sopranstarke und bereits erstaunlich gereifte Anne Frank. Mit Susann Vent-Wunderlich und Jan Friedrich Eggers sind die Elternteile mit profilierten Leistungsträgern des Osnabrücker Musiktheater-Ensembles mehr als adäquat besetzt.

Zum 100. Geburtstag

Das Osnabrücker Symphonieorchester sekundierte in den rhythmischen Pointen unter der Leitung von Benjamin Huth aufmerksam und bühnenaffin. Sierd Quarré garantiert eine wirkungsvolle Einstudierung des Chores. Die immer lauteren Akklamationen nach der so gut wie ausverkauften Premiere steigerten sich mit der Anzahl der sich verbeugenden Mitwirkenden. Bis zum 100. Geburtstag von Peter van Pels am 8. November 2026 untermauern Stadt und Theater die Produktion mit mehreren Rahmen- und Gedenkveranstaltungen.

Fazit: Ulrich Mokruschs feinsinnige Inszenierung rettet die Osnabrücker Uraufführung vor den Gefahren geschichtspolitischer Plakativität. Dass Anno Schreiers Musiktheater-Collage streckenweise allzu gefällig im Schlageridiom flaniert, wird durch das exzellente Osnabrücker Ensemble – allen voran ein fulminanter Florian Wugk – bravourös kompensiert.