Entstanden ist ein Liederzyklus aus 26 Nummern, vertont nach einer Auswahl aus Dickinsons rund 1800 Gedichten. Drei rein instrumentale Bienen-Scherzi für das Trio tragen den Namen nach Dickinsons Faszination für Bienen und die lebhafte Natur. Sie schrieb den größten Teil ihres Gesamtwerks in einem Eckzimmer ihres Elternhauses in Amherst, Massachusetts. In der Jahrhunderthalle Bochum bekommt sie nun die gegenteilige Bühne: eine der größten, die die Ruhrtriennale zu bieten hat.

V. l. n. r.: Nick Kendall, Joyce DiDonato, Ranaan Meyer und Charles Yang beim Shooting für „Emily – No Prisoner Be“. Foto: Shervin Lainez
Uraufgeführt wurde die Bühnenfassung am 14. August 2025 auf der Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele, seither sind die Aufnahmen als Studioalbum erschienen und international auf Tournee, mal konzertant, mal inszeniert.
Verzeihlich plakativ
DiDonato singt diesen Zyklus technisch auf einem Niveau, das kaum zu kritisieren ist. Sie hat die großen Bühnen der Welt bereits besungen und bringt diese Sicherheit auch nach Bochum mit. Bemerkenswert ist, wie präzise ihre Stimme mit dem Klang von Time for Three harmoniert, obwohl beide aus verschiedenen Traditionen kommen. Nicolas Kendall und Ranaan Meyer haben am Curtis Institute studiert, Charles Yang an der Juilliard School. Klassische Schulung verbindet das Trio mit einem Sound zwischen Bluegrass und Rock. Auf der Bühne spielen sie nicht nur, sondern singen mit, bewegen sich, suchen immer wieder den Kontakt zu DiDonato. Am Ende des Abends richtet DiDonato noch persönliche Worte ans Publikum: Ihre Vorfreude auf Bochum sei groß gewesen, sagt sie, und sie sei dankbar dafür, dass die Gedichte auf diese Weise reisen dürften.
Was in der Jahrhunderthalle als Musiktheater angekündigt wird, ist im Kern ein Konzert mit Inszenierung: ein Schreibtisch mit Papier und Stiften, dazu schmale Lichtsäulen, die den Bühnenraum abstecken. Mal in warmem Licht getaucht, mal hell und grell aufblitzend, wird nachgezeichnet, was die Gedichte gerade erzählen. Licht und Projektion sind technisch beeindruckend stimmungsvoll gelöst, aber phasenweise zu plakativ und fast zu schick für ein Werk, das in der Intimität entstanden ist und für eine Dichterin steht, deren Leben von Rückzug und innerem Ringen geprägt war.
Genau diese Reibung geht in Bochum streckenweise verloren. Die konzertante Fassung, wie sie unter anderem in der Carnegie Hall zu erleben war, scheint konsequenter. Dort erreichten die Musik und Dickinsons eigene Brüche im Vers – etwa die unregelmäßige Metrik und die abrupten Gedankenstriche – mehr als die Ästhetik der Inszenierung es hier versucht.
Die Musik selbst bleibt tonal und unmittelbar zugänglich. Puts selbst nennt als Einflüsse Schubert, das amerikanische Songbook und Pop, dazu erweiterte Harmonien und Klangfarben, wie sie sonst eher in der zeitgenössischen Konzertmusik vorkommen. In „I felt a Funeral“ etwa imitiert ein treibender Kontrabassrhythmus eine Trauertrommel, darüber liegen Harmonien, die bewusst uneindeutig bleiben. DiDonatos Stimme ist dabei durchgehend leicht verstärkt, nötig für die Balance mit dem Trio, das selbst mitsingt und stellenweise fast chorisch klingt.
Vertraute Erzählung
Dickinson wird streckenweise wie ein Hollywood-Biopic behandelt, mit jener vertrauten Erzählung aus Aufbruch, Zweifel und triumphaler Bestätigung, wie sie zuletzt prominent auch „Bohemian Rhapsody“ bemühte. Dieses Muster verkürzt eine Dichterin auf eine runde Geschichte mit Happy End. Wer sich so lange mit Dickinsons Gedankenwelt beschäftigt wie Puts es hier tut, neigt zwangsläufig zu einer solchen Glättung – ähnliche Vereinfachungen begegnen uns im Musiktheater häufig, wenn ein alter Stoff neu vertont wird. Dass ein Komponist trotz mehrerer Tausend existierender Vertonungen noch einmal neu ansetzt, zeigt aber vor allem, wie viel diese Lyrik bis heute trägt.
Als Production Designer wird Ryan J. O’Gara genannt, die Regie teilt das Programm gar nicht mehr mit. Aus der Inszenierung ist derweil ein wiederholbares Format geworden, zuerst als Studioalbum aufgenommen, samt Fotoshootings, dann auf Tournee geschickt. Diese Reihenfolge verrät die Herkunft des Produkts: weniger Theaterbetrieb, mehr amerikanischer Musikbetrieb. Dazu passt, mit wem hier gearbeitet wird. Puts, DiDonato und Time for Three sind mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer-Preis sowie mit Grammy- und Emmy-Awards. Namen dieses Kalibers lassen sich klug vermarkten.
Zum Schluss wird das Publikum eingeladen, bei „No Prisoner Be“ mitzusingen, zunächst noch zurückhaltend. Die Geste kippt an dieser Stelle ins Kitschige: zu sehr Erlösungsmoment, zu wenig Dickinson. Dass man der Inszenierung ihre Neigung zum Plakativen trotzdem verzeiht, liegt auch am Raumkonzept. Die offene Bühne, nach hinten nur von einem halbdurchsichtigen weißen Vorhang begrenzt, funktioniert in dieser riesigen Halle überraschend gut, gerade weil sie auf Enge verzichtet, die eine Halle wie diese ohnehin nicht hergeben würde.
Passend dazu beginnt während der Vorstellung Regen auf das Hallendach zu trommeln, deutlich hörbar im Saal und für eine Dichterin, deren Naturbilder das ganze Werk grundieren, ein Moment, der sich stimmiger nicht hätte fügen können. So bleibt ein Abend, der musikalisch kaum zu übertreffen ist. Am stärksten wirkt er dennoch dort, wo die Bühne sich zurücknimmt und Musik wie Poetik einfach für sich stehen dürfen.
Miguel Schneider erlebte das Stück bereits konzertant in der Carnegie Hall und freut sich, dass solche Werke auf Tournee gehen können – so wie auch Kevin Puts‘ „The Hours“, angekündigt für die Spielzeit 2027/28 am Theater Koblenz.
