Zurück im unbekannten Berlin
Foto: Matthias Lilienthal © Thomas Aurin Text:Anne Fritsch, am 17. August 2026
Der neue Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, Matthias Lilienthal, über seine Rückkehr in ein verändertes Berlin, die politisch aufgeheizten Diskussionen um sein „Volksbad“ und seine Vision für dieses Theater.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Als Sie in München als Intendant der Kammerspiele aufgehört haben, haben Sie gesagt, es sei Zeit, nach Berlin zurückzukehren. Wie schauen Sie heute auf Berlin?
Matthias Lilienthal Ich bin zurückgekommen in eine unbekannte Stadt. Die Bevölkerung hat sich komplett verändert und erneuert.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Was ist so anders?
Matthias Lilienthal Auf einmal ist es so ähnlich wie in München. Alle Leute haben keine Zeit mehr. Sie haben alle den totalen Druck, anständig Geld zu verdienen, um ihre Wohnungen bezahlen zu können. Der Grad der Privilegierung in der Stadt basiert auf dem Mietvertrag, nicht auf dem Gehalt. Und mir war nicht klar, dass es so eine extrem starke rechte Szene in der Stadt gibt. Ich wusste, dass es Frau von Storch gibt, das war mir schon peinlich genug. Aber die intellektuelle Diskussion in der Stadt ist insgesamt viel diffuser geworden. Von 2000 bis 2020 war klar, das Berghain ist der Olymp, die Clubs sind wichtig und viele Menschen kommen hierher. Jetzt ist Berlin von der interessantesten Stadt der Welt zur langweiligsten Stadt der Welt geworden. Man kann sie vollständig neu erfinden. Der Tisch ist erstmal leer und wartet darauf, wieder gedeckt zu werden.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie waren bis 1998 als Chefdramaturg unter Frank Castorf an der Volksbühne. Wie hat sich die Theaterlandschaft seitdem verändert? Wieviel offener ist sie?
Matthias Lilienthal In der Berliner Theaterlandschaft ist eigentlich alles genauso wie 2000. Die Zeit ist hier ein bisschen stehengeblieben.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Also kehren Sie gefühlt zurück an dieselbe Volksbühne, die Sie damals verlassen haben?
Matthias Lilienthal Nein, das nicht. Aber Thomas Ostermeier an der Schaubühne, Oliver Reese am Berliner Ensemble, bis vor kurzem Shermin Langhoff am Gorki Theater… Von den Politiker:innen der Stadt kannte ich nach der langen Zeit niemanden mehr, von den Theaterleuten alle.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Wie sieht es an der Volksbühne aus?
Matthias Lilienthal Die Leute, die ich von damals kenne, gehen jetzt gerade nach und nach alle in Pension. Aber die Volksbühne ist nach wie vor ein lustiger offener Betrieb, der zu Hochform aufläuft, wenn es unkonventionelle Projekte wie zum Beispiel das Volksbad gibt.
DIE DEUTSCHE BÜHNE War es ein Traum von Ihnen, irgendwann hierher zurückzukehren?
Matthias Lilienthal Nein, damals habe ich mir gedacht, nie wieder im Leben.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Wann kam der Sinneswandel?
Matthias Lilienthal Ich liebe die Volksbühne. Und mit meiner Nominierung wurde abgewendet, dass dieses Theater geschlossen wird. Dieser Plan lag tatsächlich auf dem Tisch. Es wurde sehr ernsthaft diskutiert, die Volksbühne zu schließen. Der damalige Kultursenator Joe Chialo hatte eigentlich keine Lust, mich zu nominieren, aber er hat gedacht: „Lieber nehme ich den Trottel als dass der Laden zu ist.“ Und ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er damit die Schließung abgewendet hat.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Macht das Ihre Verantwortung quasi als Retter der Volksbühne nicht noch größer?
Matthias Lilienthal Nee, das ist doch für mich total super. Besser als ein geschlossenes Theater zu sein, das kann man ja immer.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Was ist Ihre Vision für die Volksbühne?
Matthias Lilienthal Wir versuchen, mit Künstler:innen wie Marlene Monteiro Freitas, Toshiki Okada, Wallace Ferreira und Davi Pontes ein internationales Line-Up als Widerstand gegen die AfD und die Springerpresse aufzustellen.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Das heißt, Sie glauben daran, dass Theater politische und gesellschaftliche Relevanz hat?
Matthias Lilienthal Oh ja. Wir haben hier vor vier Tagen ein harmloses Schwimmbad eröffnet, das man auch als Hipsterbad beschimpfen könnte. Und selbst das ist in der öffentlichen Wahrnehmung – nachdem es von rechten Stimmen instrumentalisiert wurde – zum linksradikalen Event geworden. Nach den Diskussionen, die es in den letzten vier Tagen und im Vorfeld des Volksbads gab, würde ich sagen: Man muss nur anständig seine Arbeit machen, dann ist man in einem harten politischen Widerstand.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Was Ihnen auf jeden Fall schon mal gelungen ist: Die Volksbühne ist omnipräsent, die Bilder vom Volksbad sind allgegenwärtig in den sozialen Medien und auch der Presse. Die einen feiern es, die anderen kritisieren es, aber alle reden und diskutieren darüber. Ist das Konzept aufgegangen?
Matthias Lilienthal Was die Münchner:innen und Hamburger:innen nicht wissen: Wenn man in Berlin baden gehen will, sind die Hälfte aller Freibäder geschlossen. Wenn man versucht, eine U-Bahn zu nehmen, dauert das ewig. Wenn man in der Notaufnahme eines Krankenhauses landet, wartet man acht Stunden. Wir haben hier eine total runtergerockte Infrastruktur in einer schlecht gemanagten Stadt. Das Volksbad hat eine Diskussion darüber ausgelöst, welche Infrastruktur wichtig ist. Insofern: ja.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Die kostenlosen Tickets für das Volksbad gibt es immer drei Tage im Voraus, ab 14 Uhr. Wie groß die Nachfrage ist, zeigt sich daran, dass sie eigentlich immer um circa 14.03 Uhr ausgebucht sind. Ich habe es gerade so geschafft, direkt um 14 Uhr ein Ticket zu ergattern. Meinen Sie, der Andrang bleibt, wenn Sie mit Ihrem Theaterprogramm starten?
Matthias Lilienthal Das weiß ich nicht. Wir freuen uns natürlich, so viele Berliner:innen wie möglich zu begrüßen – nicht nur im Wasser.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Ihr Vertrag als Intendant geht erstmal fünf Jahre. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Wie würde die Volksbühne in fünf Jahren dastehen?
Matthias Lilienthal Ich würde mich total freuen, wenn alle Mitarbeiter:innen und alle Zuschauer:innen gerne in den Laden reingehen würden.