Lucia Lucas 2018 als Wotan in der „Walküre“ von Richard Wagner, inszeniert von Jakob Peters-Messer in Magdeburg.

Wotan, Rigoletto, Lucia

Die Baritonistin Lucia Lucas über den Selbstbehauptungskampf im Opernbusiness, monströse Männerfiguren, die Offenheit des Publikums und die Existenz als freischaffende Künstlerin in Corona-Zeiten.

Ein voluminöser, ausladender Bariton, der im Forte-Ausbruch auch mal wirken kann wie mit Metallsplittern gespickt. Aber auch zum Legato fähig ist und immer mehr bietet als die reine Gesangslinie. Ausdruck. Dringlichkeit. Und in leisen Momenten große Verwundbarkeit und einen Blick in die Seele der Figur. Oder des Sängers? Eine robuste Stimme, die sich seit Jahren ganz organisch auf die großen Baritonpartien von Wagner und Verdi zubewegt, die allerorts gefragt und bekanntermaßen schwer zu besetzen sind. Dazu eine außergewöhnlich intensive Bühnenpräsenz und große Lust, mit Regisseuren zu arbeiten, die einem heutigen Publikum die großen Stücke aus einer heutigen Sicht erzählen wollen. „Wenn wir kein richtiges Schauspiel, keine ambitionierte Inszenierung in der Oper haben, haben wir Konzert“, sagt Lucia Lucas, die Inhaberin der beschriebenen Bühnenpersönlichkeit.

Keine Vorbilder

Seit fünf Jahren ist sie eine Frau, was vielleicht ein Grund dafür ist, dass sie zwar beschäftigt ist, etwa in Magdeburg, Wuppertal und Darmstadt singt, aber bisher nicht in Hamburg oder München. Darauf angesprochen, lässt Lucia Lucas eine Pause entstehen. „Es gab sehr viele komische Kommentare über meine Situation, und es bleibt ein schweres Thema. Ich möchte keine falschen Dinge sagen, weil es für mich ungeheuer wichtig ist, eine Karriere zu haben.“

Gender Dysphoria, zu deutsch etwa Geschlechtsidentitätsstörung, ist das Fachwort für den Zustand, der lange das Leben von Lucia Lucas bestimmte. Schon mit sechs Jahren ahnte sie, dass sie eigentlich kein Junge ist. „Ich hatte schon eine Idee, was mit mir los ist. Aber Mitte der 80er konnte ich nicht darüber sprechen, auch nicht mit meinen Eltern. Zumal Transsexualität generell ein schwieriges Thema war. Gerade in den USA. Und es gab kein Instagram, kein Facebook, keine Möglichkeit, Menschen zu finden, denen es ähnlich ging. Keine Vorbilder. So war es ein sehr langer Weg.“

Sprung ins Ungewisse

Das Singen wurde zur Leidenschaft und zum Ventil. Und half vielleicht, zu verdrängen. Auf das Gesangsstudium an der University of California – unter dem Geburtsnamen Lucas Harbour – folgten Engagements an den Opernstudios der Santa Fe Opera und der Deutschen Oper Berlin. Erste erfolgreiche Gastspiele schlossen sich an, etwa in Turin. Und ein Festengagement in Heidelberg. Nach nur einem Jahr ging es weiter ans Staatstheater Karlsruhe. Ein erstes unbefristetes Engagement. Trotz vieler Vorstellungen war endlich Zeit, anzukommen und nachzudenken, die eigene Persönlichkeit endgültig zu akzeptieren und entsprechend zu handeln. Mit seiner Frau Ariana Lucas, damals im Karlsruher Opernchor, heute im Ensemble des Hauses, ging Lucas Harbour zum Opernball, Ariana im Smoking, Lucas im Kleid. Die Reaktion war, wie zu erwarten, geteilt. Und machte dennoch Mut.

Lucia Lucas wagte den Sprung – ins Ungewisse und zu sich. Sie unterzog sich den notwendigen Operationen, wohl wissend, dass ihre Stimme Schaden nehmen könnte durch die obligatorische Hormonbehandlung. „Ich hatte immer die Hoffnung, weiter eine Sängerkarriere zu haben. Ich habe auf die erste Woche, das erste Jahr danach hingefiebert. Für mich war es so wichtig, klarzuhaben: Diese private Veränderung hat mit meiner künstlerischen Arbeit nichts zu tun.“ Die erste Woche „danach“ am Staatstheater Karlsruhe war extrem voll: Marcello in „La bohème“, Escamillo in „Carmen“, Thoas in „Iphigenie en Tauride“ und Ford in „Falstaff“. Alles keine kleinen Rollen, aber: „In dieser Woche habe ich gelernt: Ich kann auf der Bühne immer noch zu hundert Prozent einen Mann spielen und im Privatleben trotzdem ich sein.“

Expressiver Chanson-Ton

2016 endete das Festengagement in Karlsruhe. Die Stimme wuchs weiter, aber es folgten relativ wenige Rollenangebote. Vorsingen wurde ohne Angabe von Gründen wieder abgesagt. Der Sängermarkt nahm Lucia Lucas nur teilweise auf. Trotz der Größe der Stimme. Obwohl sie hervorragend Deutsch spricht. Auch unser Interview führte sie auf eigenen Wunsch in deutscher Sprache („Es ist respektlos, in ein anderes Land zu gehen und nicht zu lernen“). Sie singt, neben Deutsch und Englisch, in französischer, russischer, italienischer und hebräischer Sprache. Für ein Martinů-Projekt mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin wird demnächst Tschechisch dazukommen. „Es ist cool, wenn man sich in vielen Ländern verständlich machen kann. Wenn man Sprachen lernt, lernt man auch etwas über Kultur, Traditionen und Lebensgewohnheiten anderer Menschen. Und man nimmt immer etwas für sich mit“, sagt Lucia Lucas.

Lucia Lucas auf einer hohen Stufe vor einem Theatergebäude.

Fotoshooting mit Lucia Lucas. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

Ihre Kritiken, etwa als Wotan in der „Walküre“ in Magdeburg oder in Wuppertal, wo sie mehrere Projekte machte, waren immer gut in den letzten Jahren, das Publikum nahm die Künstlerin an. Der Hagen im „Surrogate Cities/Götterdämmerung“-Projekt 2017 an der Wuppertaler Oper prägte sich besonders ein: Ein trauriger, innerlich verwundeter junger Mann wird zum Monster, der schwärzeste Bösewicht der Opernliteratur (neben dem Jago, den Lucia Lucas vielleicht demnächst singen wird) entpuppt sich als – Mensch.

Oder ihre „Antrittsrolle“ am selben Haus, die vier Bösewichter in „Hoffmanns Erzählungen“: Da gab Lucia Lucas den Stadtrat Lindorf als Macht ausstrahlendes Muttchen im Merkel-Stil aus einer Loge, sah sich also scheinbar dabei zu, wie sie ihre Episodenfiguren, beginnend mit dem von Gier zerfressenen Coppelius, auf der Bühne mit aggressiver Erotik auflud. Dazu passte der expressive Chanson-Ton, mit dem ihr dramatischer Bariton der Musik sämtliche pastellene (Pseudo-)Eleganz konsequent versagte. Aber auch diese grandiose Performance traf in der Opernszene auf bemerkenswert wenig Resonanz.

Im Entstehen

Dann öffnete sich doch eine Tür, und zwar in den USA. Der Komponist Tobias Picker suchte einen Transmenschen für die Hauptrolle einer Oper, die noch im Entstehen ist. Die Begegnung führte zu einem Engagement als „Don Giovanni“ an der Opera Tulsa in Oklahoma. Die Produktion war außergewöhnlich erfolgreich. Zudem wurde Lucia Lucas’ Arbeit an der Titelrolle durch den Film „The Sound of Identity“ dokumentiert, der eigentlich 2020 hätte in die Kinos kommen sollen.

Der Giovanni war, neben der Öffentlichen Meinung an der English National Opera, Lucia Lucas’ letztes Engagement vor der Corona-Katastrophe, die sie als Freiberuflerin schwer trifft. Etliche Produktionen wurden abgesagt oder verschoben, teils auf unbestimmte Zeit. „2020 habe ich bereits 75 bis 80 Prozent meiner Einnahmen verloren“, sagt Lucas. „Und man kann nicht planen. Für die nächsten zwei Jahre wird es, wenn wir überhaupt spielen können, viele Produktionen mit Alternativbesetzungen geben oder eben weniger Vorstellungen als geplant.“ Denn die Terminkalender und Vertragssituationen der vielen international und freischaffend agierenden Sänger lassen sich kaum synchronisieren.

Opern-Kurzfilme

Im Moment ist Lucia Lucas froh, dass ihre Frau in Karlsruhe ein Festengagement hat. Sie wohnen zurzeit zusammen in ihrer 28-Quadratmeter-Wohnung. „Ich fliege im Moment nicht, ich muss keine Hotels bezahlen, aber ich habe sehr wenig Geld.“ Den Lockdown vertrieb sich das Paar mit ambitionierten Opernkurzfilmprojekten in Heimarbeit, die im Netz veröffentlicht wurden und bereits das Interesse des einen oder anderen Festivalmachers weckten. Ab Juni folgten dann Proben – in Karlsruhe – für „Die neuen Todsünden“, ein Projekt von Schauspieldirektorin Anna Bergmann mit Texten europäischer Theatermacherinnen in Koproduktion mit Theatern in Luxemburg und Uppsala. Lucia Lucas singt und spielt hier sechs verschiedene Figuren, teilweise ganz ohne Musik.

Im Januar soll dann der ursprünglich geplante „Rigoletto“ in Magdeburg nachgeholt werden, mit Lucia Lucas in der Titelrolle. Fast alle anderen Vorhaben sind aktuell verschoben oder stehen auf der Kippe, wie das für den März geplante Met-Debüt in „Billy Budd“ von Benjamin Britten. „Die nächsten zwei Jahre werden Chaos sein. Was nicht zu ändern ist. Wenn wir aber nicht bald wieder spielen können, ist alles kaputt.“

Souverän und schüchtern

Wäre nicht ein Festengagement die Rettung in dieser Situation der nicht nur für Kunst und Kultur unklaren Perspektiven? „Wenn ich irgendwo ein Engagement annehme, außer vielleicht in Berlin, besteht immer eine gewisse Möglichkeit, dass mich die Stadt – oder das Theater – wegen meiner persönlichen Identität ablehnt. Dann hätte ich ein Problem. Aber wenn ich irgendwohin gehe und singe ein bisschen Wotan in einer Produktion, was soll da passieren? Eigentlich ist das Publikum ja auch immer offener, als man denkt…“

Wotan, Hagen, Don Giovanni, Rigoletto – brutale Kerle. Sieht man die als Frau eigentlich anders? Antwort: ein Lächeln, gleichzeitig souverän und schüchtern. „Es ist nicht so, dass ich ein Mann war und jetzt eine Frau bin und dadurch alles anders ist. Ich habe alles schon vorher erfahren, dieses falsche, oft gewaltsame Verhältnis zwischen Männern und Frauen gespürt. Ich hatte immer Angst um die Frauen. Das hat mir wehgetan.“

Stellung beziehen

Auf die Frage, wie das Leben generell als Transmensch in Deutschland sei, kommt die Antwort sofort: „Es ist immer schwerer, Ausländer zu sein als Transmensch. In den USA zum Beispiel gibt es immer noch weiß und anders. Nur was weiß ist, ändert sich ab und zu. Das Selbstverständnis hier in Deutschland ist, dass dieses Land ein Vorbild darin ist, die Menschenrechte zu achten. Aber ich erlebe hier immer wieder Verhaltensweisen, auch mir gegenüber, die damit nicht im Einklang stehen.“ Nach einer längeren Pause: „Dieses Diskriminierungsthema ist wirklich sehr schwer, auch in der Oper. Da reicht es nicht, zu sagen: ‚Wir sind alle Menschen, wir haben alle dieselben Rechte.‘ Wir müssen Stellung beziehen, in jedem einzelnen Fall.“

Damit sie bunter, freundlicher und vor allem gerechter werden, die Gesellschaft und die Theaterlandschaft. Und ausschließlich nach künstlerischem Potenzial engagiert wird. Das wäre, besonders in diesen extrem schwierigen Zeiten, extrem wichtig, nicht nur für Lucia Lucas.

Lucia Lucas geboren 1980 in Kalifornien/USA unter dem Namen Lucas Harbour, ist freischaffende Opernsängerin. Gesangsstudium an der University of California. Engagements in den Opernstudios der Santa Fé Opera und der Deutschen Oper Berlin. 2010/11 Engagement am Theater Heidelberg. 2011 bis 2016 Festengagement am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Seitdem tätig unter anderem am Theater Magdeburg, Staatstheater Darmstadt, Oper Wuppertal, Tulsa Opera (Oklahoma/USA) und an der English National Opera.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 10/2020.