Die Entdeckung des gelebten Lebens
Foto: Rimini Protokoll im HAU: Daniel Wetzel, Stefan Kaegi (hinter der Maske: Stefan Korsinsky) und Helgard Haug (v. l. n. r.). © Annette Hauschild/Ostkreuz Text:Michael Laages, am 1. Juli 2020
Das Performancekollektiv Rimini Protokoll hat mit den „Experten des Alltags“ die Theaterästhetik der letzten 20 Jahre geprägt. Gehört die Gruppe nach 126 Produktionen immer noch zur Avantgarde?
Ob auch der chilenische Regisseur Marco Layera schon Arbeiten von Rimini Protokoll gesehen und sich von ihnen inspirieren lassen hat? Danach sah es jedenfalls aus, als Layeras furiose Arbeit mit dem rätselhaften Titel „Paisajes para no colorear“ („Farblose Landschaften“) nach zahlreichen Gastspielen weltweit auch zur zweiten Ausgabe des Heidelberger Festivals ¡Adelante! kam; das iberoamerikanische Theatertreffen war Anfang Februar auf den Bühnen der Neckarstadt die letzte internationale Begegnung von herausragender Bedeutung für Künstlerinnen und Künstler der darstellenden Künste.
Und Layeras chilenische Produktion war zweifellos eines der Glanzlichter. Sie lässt chilenische Mädchen vom Alltag des eigenen Lebens erzählen; von Vätern, die ihnen nicht zuhören, vom allgegenwärtigen „Machismo“, der speziellen, zur Gewalt bereiten südamerikanischen Ausprägung, von der Unterdrückung der Sehnsüchte und Träume junger Frauen, wie sie sie jeden Tag erfahren, durch den Staat, durch die Familie. Lauter junge Kämpferinnen, deren Alltag schwerer auszuhalten sein mag als der von – sagen wir mal – der ähnlich jungen Greta Thunberg, standen da auf der Bühne und hielten sich im Jubel des Publikums eine Hand vors rechte Auge: als Zeichen des Widerstands in Chile und weltweit. In den Demonstrationen vom vorigen Herbst hatten ungezählte Kämpferinnen und Kämpfer in Chile durch die Gewalt von Polizei und Militär das Augenlicht verloren.
Virtuelle Zukunft
Auch an den Münchner Kammerspielen und am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt war diese mitreißende Produktion gebucht: vergeblich. Beide Bühnen mussten das Team aus Chile unverrichteter Dinge wieder nach Hause schicken – die Herrschaft des Virus hatte begonnen. Über die Nähe zum theatralischen Modell der „Experten des Alltags“, wie es Rimini Protokoll seit mittlerweile über zwei Jahrzehnten erfolgreich vertreten hat, wäre womöglich noch grundsätzlicher zu diskutieren gewesen. Wie nachhaltig mögen die Arbeiten von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel tatsächlich die Möglichkeiten und Optionen des zeitgenössischen und womöglich gar avantgardistischen Performancetheaters weltweit erweitert und stilbildend neu justiert haben?
Mitte Mai ist noch kein Ende für den Shutdown des allgemeinen Theaterlebens abzusehen, nur erste Bemühungen um die Lockerung strenger Regeln zur Kontaktvermeidung im Sinne der Infektionsprävention zeichnen sich ab. Helgard Haug und Daniel Wetzel (Stefan Kaegi war zur Zeit der Grenzschließungen in der heimatlichen Schweiz) sitzen im Berliner Büro von Rimini Protokoll vor einer Graphik, die in vielen Farben die ursprünglichen Pläne für Reisen und Gastspiele markiert; und die Absagen eben auch. Der Verlust ist enorm: Drei Dutzend Gastspiele konnten und werden nicht stattfinden bis Ende Juli, mindestens, und nur für etwa 40 Prozent der Verträge konnten bislang vereinbarte Leistungen erfolgen.
„Generalpause“
Aber speziell Daniel Wetzel will die „Generalpause“ durchaus auch als Chance zur Besinnung begreifen. Er zitiert sinngemäß Heiner Müller, der seinerseits sehr grundsätzlich fragte, ob Theater wirklich notwendig sei, und, so Wetzel, gleich auch die Antwort gab: „Das wissen wir erst, wenn es aufhört für ein Jahr – und wir dann sehen, was fehlt.“ Helgard Haug fordert Mitte Mai eher pragmatisch ein „Signal“: dafür, dass es weitergeht. Für Fragen nach dem „Wie“ würden die Theater und Produktionshäuser selber alle erdenklichen Phantasien entwickeln wollen und müssen, schon im wohlverstandenen eigenen Interesse.

Experten des Alltags in „Deutschland 2“. Foto: David Becher
Wetzel greift den Faden auf und spricht von „performativer Tele-Präsenz“: nicht mehr in mimetischer Darstellung, sondern in einer Art gedanklich-konzeptueller „Vertretung“ könnten Produktionen unter dem vor zwanzig Jahren kreierten Label Rimini Protokoll in Zukunft stattfinden. Reisen fielen dann auch weiterhin öfter mal aus, „aber die Arbeit geht weiter – im Moment arbeiten wir an der Produktion ‚Konferenz der Abwesenden‘; dafür wird man dann nicht mehr – wie für ‚Situation Rooms‘ – mit zwei Containern um die Welt reisen“, sagt Haug. Jetzt, so ergänzt Wetzel, könnten sie die Frage verfolgen: „Wie präsent kann man sein, wenn man nicht da ist?“
Hörtheater
Schon immer habe das Team ja auch im Internet gearbeitet, resümiert Helgard Haug – „nur eben nie so lange am Stück“. Ihre erste allein verantwortete Bühnen- Produktion „Chinchilla Arschloch, waswas“ war gerade zum virusbedingt virtuellen Theatertreffen eingeladen, derzeit arbeitet sie für den WDR an einem Hörspiel in vier Teilen. Die rein akustische Arbeit mit „Klangkunst“ (wie die Hörspielarbeit neuerdings von den ARD-Rundfunkanstalten ressortiert wird) gehörte stets zu den existenziellen Bausteinen in den Stilstrategien von Rimini Protokoll, auch schon bevor das Label erfunden war.
Als Stefan Kaegi zu den Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität in Gießen stieß, war Wetzel gerade Tutor für akustische Künste – „und wir haben einander Tonbänder vorgespielt“. Mit Marcus Droß, heute Dramaturg im Frankfurter Mousonturm-Team, entstanden schon zu Studienzeiten ganze Serien von klangbasierten Performances. Überhaupt war die Arbeit mit Sprachaufnahmen und Sounds bei allen dreien schon eine eigenständige Ebene, bevor die Zusammenarbeit begann.
Vorläufer für die „akustischen Spaziergänge“ erarbeiteten die Rimini-Bastler mit Unterstützung durch das Berliner Funkhaus vom Deutschlandradio: Da wurden etwa anhand historischer Radiodokumente, aus ganz viel „Bandsalat“ zusammenmontiert, die ersten Passierscheinregelungen zwischen Ost- und Westberlin 1963 thematisiert oder auch die akustische Innenwelt des Radios selber – mit dem kreativen Vergnügen, „die Poesie der Panne“ zu erforschen.
Absichtslos und ungeplant
Spätere spektakuläre Arbeiten (wie etwa 2002 das Nachspielen einer realen Bundestagssitzung durch Bonner Bürgerinnen und Bürger im Rahmen von Theater der Welt) wurden zum Material für Radioversionen. Und gelegentlich war es so, dass (wie gerade bei „Chinchilla Arschloch, waswas“) erst das Radiostück da war und sich daraus die Produktion fürs Theater entwickelte. Im Hörspiel, so Haug und Wetzel, ist so etwas wie „totale Kontrolle“ möglich über die Gestaltung des Projekts; im Theater, so Haug, könnten und sollten sie dagegen „modularer denken, offener – das ist im Vergleich zum Hörspiel eher Punk“.

Experten des Alltags in „Chinchilla Arschloch, waswas“. Foto: Robert Schittko
Gerade werden die zwei Jahrzehnte von und mit Rimini Protokoll in Bilder- und Buchform aufgearbeitet; mit der Möglichkeit, sich an frühe Arbeiten zu erinnern: wie an „Kreuzworträtsel Boxenstopp“ mit den alten Damen, an „Deadline“ mit Experten des Alltags von Sterben und Tod, an „Apparat Berlin“ als Teil der „Prater-Saga“ von René Pollesch oder „Breaking News“, eine Forschungsarbeit im Umgang mit den aktuellen Tagesnachrichten, die das Fernsehen täglich ausschüttet über der Kundschaft. Speziell in dieser Arbeit sollte „jeder Abend anders“ sein – und damit ein Prinzip eingelöst werden, das, so Wetzel, „zur DNA von Rimini Protokoll gehört: die Möglichkeit des Ungeplanten“. Absichtslosigkeit, Kontrollverlust über das Geschehen auf der Bühne – essenziell für dieses Bemühen war für Haug und Wetzel unter anderem die Begegnung mit den Arbeiten des norwegischen Baktruppen-Kollektivs.
Tiere und Werkstatt
Aber auch andere „Bögen“ entdeckt das Rimini-Team heute in der eigenen Werkgeschichte: Tiere zum Beispiel. Daniel Wetzel erinnert sich an „eine Dogge, Meerschweinchen, Ameisen, Heuschrecken, Aurelia-Quallen, Speckkäfer“… und demnächst komme auch ein veritabler Krake zum Einsatz. Nicht artspezifisch sei der tierische Anteil zu verstehen, eher spiegelbildlich für die Kreatur – zentral für die Rimini-Forschungen sei aber, so Haug, in allen Werkgruppen „die Relevanz des Materials vor Ort“. Beispielhaft dafür steht das vermutlich erfolgreichste Spielprinzip aus der Rimini-Werkstatt: das „100 Prozent Stadt“-Modell, anwendbar auf jede größere Stadt und mit Sicherheit der Spitzenreiter unter den Exporten unter dem Rimini-Label. Auch solche Produktionen waren geplant für dieses Jahr.
Wie das gedankliche Spiel mit den „Experten des Alltags“ (und den Expertinnen natürlich auch!) findet sich die strukturelle Erkundung von Mehr- und Minderheiten im kollektiven Spiel mittlerweile in zahlreichen zeitgenössischen Performanceprojekten; Inspiration jedenfalls, vielleicht eben auch Stil, hat Rimini Protokoll in jedem Fall reichlich gestiftet. Dass über zwanzig Jahre hin derart viele Rimini-Arbeiten in den Spielplänen unterschiedlichster Theaterhäuser zu finden waren, hängt natürlich auch mit der Labelstruktur zusammen: „Unter diesem Dach sollen alle Konstellationen möglich sein.“ Oft agieren alle drei gemeinsam, mal aber auch nur zwei oder jeder und jede für sich allein. So wächst die Menge der Produktionen, pro Jahr füllen so zeitweilig bis zu zehn Arbeiten die Werkstatistiken – unter dem Label Rimini Protokoll.
Jenseits der Bühne
Im Workshop wie in der Lecture-Performance, in Gastprofessuren, Seminaren und Lehrtätigkeiten reichen Haug, Kaegi und Wetzel seit mittlerweile zwanzig Jahren das eigene Handwerk weiter, immer interdisziplinär mit Blick auf verschiedenste Kunstformen: „Auch dadurch haben wir die internationale Fläche erreicht“, meint Daniel Wetzel. Und natürlich sei auf diese Weise die Inspiration nach außen hin nicht immer wirklich zu unterscheiden vom „Epi-Phänomen“, dem schlichteren Epigonentum also; aber was soll’s? „Seit die Sache mit den Sologenies durch ist“, sagt Wetzel, „gibt’s halt Inspiration weltweit“ – und das sei doch gut so.
Jenseits anderer „Gießener Strategien“ hätte sich die Rimini-Struktur im Übrigen nie an der eigenen Rolle orientiert: „Wir selber sind nicht gern auf der Bühne“, konstatieren Haug und Wetzel gemeinsam, anders als She She Pop oder die Teams von Gob Squad oder Showcase Beat Le Mot. „Wir haben auch nicht den Anspruch, Geschichten und Material aus uns selber zu schöpfen; da sind uns andere Leute wichtiger.“ Und sei es der echte Feuerwehrmann, der auf der Bühne zum Beispiel die Kerzen bewacht. Wichtig ist und bleibt „die Entdeckung gelebten Lebens“, sagt Wetzel. Und das sei überall – wer sucht, der findet.
Rimini Protokoll Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel haben im Jahr 2000 das Theaterlabel Rimini Protokoll gegründet und arbeiten seither in verschiedenen Konstellationen unter diesem Namen. Die drei studierten am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Einige Inszenierungen wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen, zuletzt „Chinchilla Arschloch, waswas“ in diesem Jahr. Die Gruppe erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Deutschen Theaterpreis DER FAUST, den Mülheimer Dramatikerpreis und den Europäischen Theaterpreis.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.7/2020.