Demonstrierende in der Oper „Nkoli: A Fierce & Fabulous Life“

Politisch wie das Leben: Theater der Welt 2026

Mit „Theater der Welt“ hat sich die Kulturhauptstadt Chemnitz ein zweites kulturelles Highlight in die Stadt geholt. Das größte internationale Festival für zeitgenössische Bühnenkunst beeindruckte mit Vielfalt in jeder Hinsicht.

Die Abschlusszahlen sind beeindruckend: Über 17.000 Gäste zählte das Festival Theater der Welt, das vom 18. Juni bis 5. Juli 2026 in Chemnitz ausgetragen wurde. Die Gesamtauslastung für die Vorstellungen der 33 eingeladenen Produktionen lag bei fast 92 Prozent. Viele waren ausverkauft (und einige hätten sich wohl auch noch ein paar Mal öfter ausverkaufen lassen) – und das (fast) ganz ohne Marketingtricks: Nur bei der tschechischen Produktion „Amadoka“ nach Sofia Andruchowytschs Roman-Trilogie gab’s kurz vor den zwei Wochenendvorstellungen noch schnell Tickets zum halben Preis.

Passgenaue Spielstätten

Die großartige Auslastung spricht einerseits für eine passgenaue Auswahl der Spielstätten – vom mondänen Chemnitzer Opernhaus über die Bühnen im Interimsschauspielhaus im ehemaligen Spinnereimaschinenbau bis zum kultigen Atomino und der fürs Kulturhauptstadtjahr 2025 restaurierten Hartmannfabrik. Lediglich bei zwei der gesehenen Produktionen hätte man sich gern einen anderen Ort gewünscht: „Amadoka“, das die große Bühne der Oper zwar wundervoll nutzte, allerdings zum Preis der abgesperrten Ränge und eines maximal halbvollen Parketts. Und für die indische Produktion „JO DOOBA SO PAAR“, dem die Ansiedlung im Open-Air- und auch sonst sehr offenen Festivalzentrum schlecht bekam – eine konzentriertere Atmosphäre hätte der in sehr traditioneller Spielweise aufgeführten Lebensgeschichte des Sufi-Dichters Amir Khusrau wohl noch mehr Schub gegeben.

Neun Programmgestaltende aus aller Welt

Andererseits spricht sie für die Passgenauigkeit von Stückauswahl und Publikum. Ein Drittel, so vermelden es die Veranstalter, sei international gewesen. Heißt im Umkehrschluss: Zwei Drittel waren mehr oder minder Einheimische. Und die hatten große Lust auf das, was die Kuratorinnen und Kuratoren aus aller Welt für sie ausgewählt hatten. Erstmals hatte Theater der Welt neben drei Intendanten auch noch neun Programmgestaltende. Sie kamen aus Argentinien, Australien, China, Griechenland, Indien, Kanada, Saudi-Arabien, Senegal und Südafrika und genauso vielfältig wie ihre mal mehr, mal weniger theatergeprägten Hintergründe und Herkünfte präsentierte sich das ausgewählte Programm:

Es reichte vom Ein-Personen-Stück wie „Kafka‘s Ape“ der Noma Yini PTY LTD bis zur Opern-Großproduktion „Nkoli: A Fierce & Fabulous Life“ (beide aus Südafrika), vom traditionell erzählten „JO DOOBA SO PAAR“ des indischen aRANYA THEATRE bis zum experimentellen „Luftmasse“ des deutsch-chinesischen Paper Tiger Theater Studio, vom darstellerisch zurückhaltenden „Before the Revolution“ aus Ägypten bis zur extrovertierten Workshop-Performance „DI/Strauss technique“ des Bulgaren Ivo Dimchev, vom tief in der Vergangenheit wühlenden „Al-Sirah Al-Hilaliyyah – Das Banu Hilal Epos“ des palästinensischen Khashabi Theatre bis zum hochaktuellen VR-Experiment „BLUR“, einer taiwanesisch-kanadischen Coproduktion zu den Implikationen der Gentechnik auf ihre Nutzer.

Eine Puppe wird am Kopf geführt und sitzt in einem Sessel.

Szene aus „Antuco” von Silencio Blanco. Foto: Alyssee Thomé

Theater kann sensibilisieren!

Das kam an. Und hatte auch Festival-Intendant Stefan Schmidtke vorab gegenüber der lokalen Presse das politische Theater für gescheitert erklärt – hier lebte es auf. Natürlich mag es so sein, dass in demokratisch verfassten Gesellschaften Politik vor allem über den mühevollen Weg der Parteien und Parlamente gestaltet werden muss und weniger von der Theaterbühne aus. Doch einerseits, so zeigte das Festival, kann das Bühnenspiel eben auch in Demokratien noch sensibilisieren – für Polizeigewalt und Sexismus beispielsweise wie im französischen „La Grande Ourse“, für das Ausgestoßensein und die Vereinsamung Erkrankter wie im koreanischen „Except That You Cannot See Me“, für die angebliche Freiwilligkeit eines Wehrdiensts wie im chilenischen „Antuco“ oder die Schwierigkeiten gleichgeschlechtlicher Paare in Taiwan, Nachwuchs zu bekommen, wie in „Family Triangle“. Im besten Fall berührt es, stößt Denkprozesse an und führt zu demokratischer Teilhabe.

Theater als Stimme der Marginalisierten

Und andererseits, und dafür lieferten die Kuratoren mit ihrer Auswahl mindestens ebenso viele Beweise, ist Theater auch weiterhin die Chance der Marginalisierten, eine Stimme zu erhalten – eine Chance für iranische Frauen, politische Botschaften hinter antiken Stoffen zu verstecken wie in „The Shadows“ der Shieveh Theater Company. Eine Chance für eine junge ägyptische Generation, von ihren Bedrohungen ebenso wie von ihren Hoffnungen im Umfeld des Arabischen Frühlings zu erzählen. Die Chance, die Ausbeutung des Amazonas -Gebietes und die damit einhergehende Vertreibung indigener Völker zu thematisieren, wie es das kolumbianische Mapa Teatro in „Vortex Nukak“ tut. Die Gelegenheit, die Kultur der Inuk kennenzulernen wie beim Festivalauftakt mit „Split Tooth: Saputjiji“. Politik steht über keinem der Stücke – und doch ist die Botschaft mindestens so politisch, wie es eben das Leben ist. Wir müssen nur hinsehen und verstehen wollen.

Menschen in Papier verkleidet in „Paper Planet"

„Paper Planet“ vom Polyglot Theatre. Foto: Nasser Hashemi

Was bleibt also von „Deutschlands größtem Festival für internationale Bühnenkünste“? Mindestens dies: Eine der beeindruckendsten schauspielerischen Leistungen, die man in den vergangenen Jahren gesehen hat, von Tony Bonani Miyambo als Einzelkämpfer in „Kafka’s Ape“. Die kindliche Begeisterung, in den „Paper Planet“ einzutauchen. Ein poetischer Moment im chilenischen Puppenspiel „Antuco“: Eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, fegt ihre Wohnung zum Klang alter Schlager. All die Dinge, die man allein mit einem Tisch anstellen kann aus der indischen Produktion „Mezok“. Die Klarheit, mit der sich 1600-Seiten-Romane (wie in „Amadoka“) oder 150-Stunden-Epen (wie in „Al-Sirah Al-Hilaliyyah“) zu dreistündigen Bühnenstücken verdichten lassen. Die technische Brillanz von „BLUR“. Eine glockenklare Gesangsstimme in „The Shadows“, der man vermutlich gedankenlos in jede Revolution folgen würde.

Doch vor allem der Wunsch, dass diese Vielfalt eine Neuauflage erfahren möge. Und dass die Produktionen – elf als Europa-, 18 als Deutschlandpremieren – nicht einfach wieder in ihren Heimatländern verschwinden, sondern noch möglichst viele Wiederaufführungen in Deutschland und Europa erleben werden. Sie haben es verdient.