Das Ensemble von „Frankenstein“ in der Anfangsszene, rechts Hannah Hupfauer als Mary Shelley

„Ich bin voll schuldig!"

Philipp Löhle nach Mary Shelley: Frankenstein oder wieso fehlt dem Dicken Turm ein Stück

Theater:Theater und Orchester Heidelberg, Premiere:14.06.2026Vorlage:FrankensteinAutor(in) der Vorlage:Maey ShelleyRegie:Yvonne Kespohl

Autor Philipp Löhle und Regisseurin Yvonne Kespohl haben am Theater und Orchester Heidelberg den Grusel-Roman „Frankenstein“ aus dem Jahr 1817 in eine tiefgründige und vor allem spritzige Komödie verwandelt. Im Vordergrund steht das junge, sehr engagierte Ensemble.

Der Weg zum Spielort ist Teil der Show bei den Heidelberger Schlossfestspielen: Man begibt sich durch die Ruinen des Schlosses, sucht (und findet) den Dicken Turm, ein Ruinenteil mit kreisrundem Duchmesser, zur Stadtseite offen. Der romantische Abendhimmel ist ein wesentlicher Teil des Bühnenbildes (Ausstattung: Lydia Huller) von „Frankenstein oder Wieso fehlt dem Dicken Turm ein Stück“. Philipp Löhle hat den Roman von Mary Shelley, der 1817 erschienen und durch viele Verfilmungen Teil der Popkultur geworden ist, gestrafft und behutsam modernisiert.

Fünf junge Leute betreten die Bühne wie Touristen. Sie tragen schwarz-weiße, individuelle Kostüme, teils sehr heutig, teils romantisch-vergangen anmutend. Es sind diese jungen Leute, die im Jahr 1816, im „Jahr ohne Sommer“ am Genfer See Urlaub gemacht haben, in einer Villa des britischen Dichters Lord Byron. Er ist einer der fünf, auch dabei sind seine Geliebte Claire, ihre Halbschwester Mary Shelley, ihr Mann Percy und Byrons Leibarzt Polidori. Sie sind offensichtlich gelangweilt und irgendwann beginnt Mary damit, ihre „Frankenstein“-Geschichte, die wohl historisch dort entstanden ist, zu erzählen.

Alte und neue Sicht

Dieser doppelte Anfang hat den Vorteil, das Spiel in zwei Ebenen zu teilen: Wir haben immer die heutige und gleichzeitig die „alte“, die originale Sicht auf das Stück. Auch die Sprache schwankt zwischen sehr modern („Ich bin voll schuldig“) und dem Shelley-Ton. Philipp Löhle hat „Frankenstein“ als Komödie zurecht gemacht. Er persifliert und travestiert die vielen Gräueltaten der Handlung so sehr, dass sie tatsächlich komisch werden. Und er führt mit Frankensteins Bruder Ernst, der im Buch vorkommt, aber in der Handlung keine Rolle spielt, einen Running Gag ein: Ein Schauspieler, der immer da ist, aber nie gewollt wird. Florian Mania erfüllt diese Rolle charmant mit Augenmaß und Timing.

Sehr wichtig für das Gelingen der Aufführung ist die Tatsache, dass Flo Sohn als Frankenstein und Regisseurin Yvonne Kespohl der Hauptfigur viel Zeit einräumen, präsent zu sein und sich zu entwickeln. So ist diese Figur vor allem eines: sympathisch. Man versteht Frankenstein, seine Ambition, selbst seinen Mangel an Verantwortung für das eigene Tun, weil man ihn mag. Das ist im aktuellen „Frankenstein“-Film von 2025 beispielsweise überhaupt nicht gelungen.

Leichter Erzählton

Die Geschichte erzählt Löhle schlicht, undekoriert. Es beginnt mit der Aufstellung der merkwürdigen Frankenstein-Familie: Der Vater und seine drei Söhne, die zweite Frau, die am Anfang der Handlung stirbt, das Ziehkind Elisabeth und ihr Schützling Justine. Frankenstein geht auf die Universität, in diesem Fall nach Heidelberg. Er versucht, einen Menschen zu schaffen, distanziert sich vom Ergebnis und entlässt seine Kreatur in die Welt. Später trifft er diese Kreatur wieder, die aus Wut über ihr „Leben“ mordet. Und sie verlangt von Frankenstein, dass er ihm eine Gefährtin schafft, damit er nicht nur Hass – weil er eben hässlich sei – sondern auch Liebe erfahren kann. Frankenstein stimmt zu, kann den Wunsch aber letztlich nicht erfüllen, sozusagen aus moralischen Gründen. Die Kreatur mordet erst den Freund, dann die inzwischen mit Frankenstein verheiratete Elisabeth.

Das alles läuft in 90 Minuten ab. Die komischen Möglichkeiten des Stoffes werden konsequent herausgearbeitet, verstärkt mit Wiederholungen und übertriebenen, meist ironisch überhöhenden Musik-Einspielungen, die einige Handlungselemente herausheben und die Horror- und Melodramstruktur, die „Frankenstein” eigen ist, betonen. Der Erzählton gelingt den Schauspieler:innen überraschend leicht und am Ende mischt sich die Autorin Mary Shelley immer wiederaus dem Hintergrund ironisch in die eigene Geschichte. Hannah Hupfauer gelingt eine überraschend souveräne Shelley.

Kreatur wird Mensch

Besonders ist auch die Darstellung der Kreatur in Kespohls Inszenierung. Simon Mazouri ist ein Mensch und redet wie ein Mensch. Sein Kostüm und die Schminke im Gesicht deuten seinen aus verschiedenen Körperteilen „zusammengenähten“ Körper an. Zu Frankenstein aber spricht er von Mensch zu Mensch. In der großen Begegnung zeigt die Regisseurin sogar nur ihn präsent, Frankenstein steht mit dem Rücken zum Publikum. Man versteht das Leid der Kreatur, das Ausgestoßen-Sein, die Einsamkeit, auch die Wut.

Flo Sohn als Frankenstein (l.) und Simon Mazouri als Kreatur, r.

Flo Sohn (Frankenstein, l.) und Simon Mazpiri (Die Kreatur, r.) und Hannah Hupfazer als Mary Shelley im m Hintergrund. Foto: Susanne Reichardt

Am Ende, wenn sich Frankenstein und die Kreatur nach Buchtext zum Nordpol jagen und dort versterben, holt die Heidelberger Aufführung noch einmal die fünf Figuren vom Anfang auf die Bühne – und Mary Shelley erzählt eine „Zusatzgeschichte“ über den Dicken Turm, den Spielort. So gibt der Genius Loci der Theatergeschichte ein neues Ende. Nun wird auch von Nele Christoph, der Darstellerin der Elisabeth, erklärt, was das alles mit Fortschritt zu tun hat. Dass Mary Shelley, naja, eine Art Prophetin war. Andere Themen, die im Lauf des Stückes angerissen werden, wie der oberflächliche Blick auf Schönheit, den die Autorin beschreibt oder die sehr patriarchische Gesellschaft überzeugen mehr. In jedem Fall hat das Heidelberger Theater eine leichte, kluge Komödie mit sehr hohem Spielniveau auf die Open-Air-Bühne gestellt.