Angst ist die Pest
Foto: Julischka Eichel 2021 beim Covershooting. © Tobias Kruse/Ostkreuz Text:Michael Laages, am 16. Mai 2021
Julischka Eichel arbeitet als freie Schauspielerin. Damit war sie wie viele Kolleginnen und Kollegen besonders von den Theaterschließungen betroffen. Denn keine Behörde versteht diesen Beruf. Ihr offener Brief an die Kulturstaatsministerin hat einiges in Bewegung gebracht.
Zwei Briefe hatte sie im Januar auf dem Weg nach Düsseldorf dabei; dort standen Proben mit dem Ensemble um Regisseur Armin Petras an, für das neue Stück von dessen „Alter Ego“ Fritz Kater: „come as you are“. Sie kam, wie sie war in diesem Augenblick. Und in der Arbeit wurde sie sich selber zur Gefahr. „Jetzt zieht es mir den Stecker“, dachte Julischka Eichel, wenn sie an die beiden Briefe dachte: In einem forderte die Agentur für Arbeit Geld zurück; im anderen wurde ihr mitgeteilt, dass die zunächst in Berlin ausgezahlte Soforthilfe für Selbstständige nunmehr „nachjustiert“ werde und sie auch dieses Geld zurückzahlen möge: „Da wusste ich, dass ich morgen eigentlich nicht mehr aufstehen muss.“
Hilferuf
Mit diesem Gefühl der Aussichtslosigkeit ging sie in die Proben, auf die sie sich doch so gefreut hatte – endlich wieder arbeiten! „Aber ich war abwesend“, unkonzentriert und ohne Kontrolle über den eigenen Körper. So schmiss sie sich in einem Augenblick, wo sie es für nötig hielt, auf die Bühne – und wachte kurz danach mit einer kräftigen Gehirnerschütterung wieder auf. Eine Woche lang konnte sie nicht proben – und dann schickte sie den offenen Brief ab, der kurz zuvor entstanden war, beim Weihnachtsbesuch im Elternhaus nicht weit von Reutlingen. Der Hilferuf, gerichtet an Kulturstaatsministerin Monika Grütters, machte Furore. In einem Rutsch hatte sie sich all den Frust von der Seele geschrieben, der in den Monaten der Pandemie ins Unerträgliche gewachsen war. Freundinnen und Freunde, denen sie die Rohfassung des Briefes zu lesen gegeben hatte, wollten ihr helfen, ihn ein bisschen zu „ordnen“… „Aber das wollte ich gerade nicht.“
Vielleicht hätte der Hilferuf konkreter und kompakter ausfallen können – „aber dann wäre er weniger Julischka gewesen“, sondern eher zum Schriftsatz von Anwältin oder Anwalt mutiert. Und genau daran wird jetzt gearbeitet: Arbeitsgruppen in ihrem Umfeld sind im Aufbau, die auch konkrete gesetzliche, arbeits- und sozialrechtliche Forderungen aufstellen werden. Der Zeitpunkt für die Initiative scheint gut gewählt – jetzt, da gerade nicht nur die Zukunft der freien Kulturschaffenden infrage steht, passt die Initiative zur latenten Debatte um Wertschätzung und Zukunftsfähigkeit des Kulturbetriebs. Dabei wird immer noch „längerer Atem“ benötigt, das weiß Julischka Eichel. Aber der erste Schritt ist gemacht; der Brief war ein wichtiger Teil davon.
Denn sie wissen nicht, was wir tun
Das Problem, das Julischka Eichel in Worte gefasst hat, ist im Grund nicht neu: „Sie wissen einfach nicht, was wir tun.“ Diese Erkenntnis über Ämter, Behörden und alle staatlichen Instanzen war gewachsen, seit die Schauspielerin das feste Engagement an einem Theater verlassen hatte. Nach den ersten, extrem herausfordernden Jahren der Petras-Intendanz am Maxim Gorki Theater in Berlin war sie mit dem erklärten „Workaholic“ ans Schauspiel nach Stuttgart gewechselt – und hatte danach fürs Erste genug: „Ich wollte gefragt werden, nicht mehr nur besetzt.“

Julischka Eichel in „come as you are“, der Premierentermin des Düsseldorfer Schauspielhauses und der Berliner Volksbühne ist ungewiss. Foto: Thomas Aurin
Schnell musste sie allerdings lernen, was Schauspielerinnen und Schauspieler seit Langem wissen, wenn sie über Jahre und Jahrzehnte hin „frei“ arbeiten: Die Agentur für Arbeit, die Sozialversicherungen und das Finanzamt verfügen über kein angemessenes Instrumentarium für diesen Beruf. „Frei“ fühlt sich hier eher unfrei an: „Wir passen in kein Raster.“ Und „zwei Welten treffen aufeinander“, wenn sie mit dem freundlichen Berater von der Arbeitsagentur spricht. Im Grunde ist jeder Satz eine Unverschämtheit – wenn er davon redet, wie gern er wieder mal ins Theater gehen würde oder Urlaub machen… „Ich kann nicht mal an Urlaub denken, ich weiß nicht, wie ich die nächsten Rechnungen bezahlen soll.“ Alle Sicherheiten sind eingebrochen nach dem Abschied aus dem Ensemble; nur aus freier Arbeit (wenn es sie denn gibt) wächst für sie absehbar kein Anspruch mehr auf „normales“ Arbeitslosengeld.
Unfrei frei oder fest unfrei
War jemand wie Julischka Eichel im Grunde aber nur selber schuld? Weil ja das Überleben in der „freien“ Szene schon immer extrem kompliziert und kein strukturell vernünftiger und angemessener Umgang mit Ämtern und Behörden möglich war. „Es gibt halt“, sagt die Schauspielerin, „einen guten Grund, wenn jemand wie ich nicht mehr fest im Ensemble arbeiten will.“

Julischka Eichel im Jahr 2008 in „Ödipus auf Cuba“ in der Regie von Armin Petras am Berliner Maxim Gorki Theater. Foto: Bettina Stöß
Dabei empfindet sie es immer noch als großes Glück, bei Armin Petras, diesem theatralischen Heizkraftwerk, begonnen zu haben. „Aber immer nur verheizen geht auf Dauer halt auch nicht.“ Julischka Eichel hat einen verlässlichen Gradmesser: „Ich weiß genau: Wenn ich mich körperlich zu verletzen beginne, stimmt was nicht.“ Den Weg mit nach Stuttgart gehen wollte sie zuerst auch gar nicht nach der Berliner Zeit: zu nah dran an zu Hause! Ihr Vater hatte die kluge Fußballfrage gestellt, wann die Rückkehr an den Spielort möglich sei, an dem die Karriere begann. Stuttgart war halt zu viel Heimat, irgendwie…
Warum engagieren wir uns so selten?
Letztlich aber gefiel der Schauspielerin vor allem die „Rahmung“ nicht mehr: über die eigene Arbeit oft nur durch den Besetzungszettel am Aushang beim Pförtner orientiert zu werden. „Mit erstaunlichem Selbstwertgefühl stehen wir auf der Bühne und verkünden die tollsten Utopien. Aber abseits der Bühne? Warum engagieren wir uns so selten? Es liegt auch an uns.“ Wer stellt sich grundsätzlich die Frage: „Was bin ich, und wer will ich sein?“ Und weiter: „Ja, ich will Theater, mehr als alles sonst. Aber will ich Theater so? Geht’s einfach so weiter, wenn’s weitergeht? Wie wollen wir das Theater haben?“
Dabei fühlt sich Julischka Eichel durchaus nicht nur wohl in ihrem neuerlichen Engagement: „Ich bin nicht gut in der Gruppe“, und Individualisten wie in den Ensembles von Armin Petras (und Individualisten wie sie selber!) sind selten sehr harmonisch drauf – aber: „Die Masse schützt das Individuum.“ In diesen Fragen trifft sie sich mit den verschiedenen neueren Netzwerken von Ensembles und anderen Gruppen im Bühnen- und Kulturbetrieb. Gerade jetzt, gerade in der fundamentalsten Krise, die es je gab in jüngerer Zeit, muss nach den Voraussetzungen für die eigene Arbeit gefragt werden, immerzu und überall: „Miteinander sprechen! Jetzt!“ Denn: „Es gibt ja immer noch Angst im Ensemble – und Angst ist die schlimmste Pest!“
Kalte Kamera und warmes Spiel
Dabei ist natürlich nicht von der produktiven Unruhe die Rede, die sich manchmal anfühlt wie Angst, aber im Grunde nur mehr oder minder schlimme Nervosität ist oder noch schlimmeres Lampenfieber: Versagensangst, die völlig verständlich ist in diesem unvergleichlichen Beruf, dessen Protagonistinnen und Protagonisten im schönsten Fall das Innere nach außen kehren, schutzlos und verletzlich sind vor den Augen des Publikums. „Ich mag Angst ja auch“, das weiß Julischka Eichel, „aber Angst lähmt.“ Wenn das Publikum dabei ist, „haben wir einen Deal mit der Angst“. Abende gibt’s im Spiel auf der Bühne, „da bin ich richtig frei – deshalb liebe ich den Beruf ja so“.

Julischka Eichel im Park in Berlin-Weißensee. Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz
Mit der Kamera in der Film- und Fernseharbeit und übrigens auch mit der von Porträtfotografen fremdelt Julischka Eichel, noch jedenfalls: „Da ist das schwarze Loch, das mich anschaut – und das ist unheimlich.“ Der Deal mit der Kamera ist anders als der auf der Bühne: „Da bestimmen wir, das ist unsere Welt.“ Im Umgang mit der Kamera stellt sich „das Dritte“ nicht ein – das Dritte? Was ist das? „Das, was wir noch nicht wissen, was erst in der Arbeit entsteht und niemand sich zu Hause ausdenken kann.“ Dieses „Dritte“, sagt sie, sei ihr vor der Kamera noch nicht begegnet.
Fachkräfte-Strategie
Im Theater hat ihr René Pollesch neue Wege und neues Denken eröffnet. Seine „Fachkräfte“-Strategie mag sie: „Wir sind Fachleute fürs Spiel, andere sind Fachleute für die Ausstattung, für die Technik – und jeder meistert die eigene Facharbeit, so gut es geht.“ Das ist etwas anderes als die übliche Vorstellung vom Kollektiv, kommt ihr aber erstaunlich nah. In der Pandemie hat Julischka Eichel nicht nur aus finanziellen und strukturellen Gründen schrecklich gelitten. Sondern auch weil sie das Streamen von Theaterarbeit nicht erträgt: „Ich kann mir das nicht anschauen“, selbst wenn (wie neulich in München Robert Dölle) sehr geschätzte Kollegen und Kolleginnen sich darauf eingelassen haben. „Da bin ich trotzig – besser ein bisschen Öffnung als immer weiter streamen.“ Und Heiner Müllers Wort geht ihr fragmentarisch durch den Kopf: „Für ein Jahr sollten wir mal alle Theater zumachen – dann wissen wir, was uns fehlt.“
Fürs Erste hofft und wartet Julischka Eichel: „Ich hätte gern zwei richtig gute Theaterarbeiten und einen guten Film.“ Und dass sich sehr viel ändert in der Struktur des Theaters – da warten wir gerne mit. Und tun – wie sie –, was wir können.
Julischka Eichel wurde 1981 in Tübingen geboren. Im Januar 2021 sorgte sie mit einem offenen Brief an Staatsministerin Monika Grütters für Aufmerksamkeit, in dem sie an ihrem Beispiel auf die schwierige Lage von freischaffenden Schauspielerinnen und Schauspielern aufmerksam machte. Schauspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. 2007 bis 2012 Ensemblemitglied am Berliner Maxim Gorki Theater. Engagements am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Staatsschauspiel Dresden, Schauspiel Köln. 2014 bis 2015 Ensemblemitglied am Schauspiel Köln. 2015 bis 2018 festes Engagement am Schauspiel Stuttgart. Seitdem freiberuflich tätig am Theater (Bremen, Basel, Leipzig und Volksbühne Berlin) und in Film und Fernsehen.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.5/2021.