„Bilder deiner großen Liebe“ vom Landestheater Schwaben mit Franziska Roth. Eine junge Frau in einem orangefarbenen Tüllkleid steht in einem dunklen Raum, um sie herum hängen Glühlampen herunter.

Junger Neustart in Schwaben

Mit gesellschaftlich engagiertem Theater und Hartnäckigkeit ist es dem Landestheater Schwaben in Memmingen in Pandemiezeiten gelungen, die Politik von der Notwendigkeit einer eigenen Sparte für junges Theater zu überzeugen.

In der Begründung zur Verleihung des Theaterpreises des Bundes 2019 an das Landestheater Schwaben betont die Jury das starke Engagement in den Bereichen Kommunikation und Junges Theater: Das Landestheater zeichne sich mit „einer großangelegten Öffnung in die Stadt und über sie hinaus und mit einem starken Fokus auf das Junge Theater“ aus, heißt es da. In der Tat hat es Kathrin Mädler mit ihrem Team seit dem Beginn ihrer Intendanz in der Spielzeit 2016/17 geschafft, nicht nur in der Stadt Memmingen, sondern auch in der Region das Theater mit anderen wichtigen Kulturinstitutionen zu vernetzen und vor allen Dingen die theaterpädagogische Arbeit auszubauen. Hierzu gehören nicht nur spielplanbegleitende Workshops, sondern auch Maßnahmen der Lehrerfortbildung sowie die 2016 gegründete Bürgerbühne, in die mehrere Jugendclubs integriert sind.

Repertoire

Darüber hinaus haben Mädler und ihre Chefdramaturgin Anne Verena Freybott das Angebot für ein junges Publikum quantitativ wie qualitativ stark ausgebaut, angefangen bei Aufführungen für Kindergärten. Neben anspruchsvollen Kinderstücken wie „Haydi! Heimat!“ von Katja Hensel (2018 hier uraufgeführt) ragen vor allem die Stücke für jugendliches Publikum aus dem Programm heraus, etwa „Ein deutsches Mädchen“ nach dem Buch von Heidi Benneckenstein über den Ausstieg einer jungen Frau aus der Neonaziszene. Die mitreißende Uraufführungsinszenierung von Mirko Böttcher aus 2019 beeindruckt nicht nur durch ihre klare politische Haltung. An der jüngsten Produktion „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf in der Fassung von Robert Koall, inszeniert von Maike Bouschen, fasziniert die Leichtigkeit des Spiels von Franziska Roth. Diese ist kein Selbstzweck, zeigt tiefe Sympathie mit der Figur und – erneut – klare gesellschaftliche Positionierung.

Nachfrage

Die Nachfrage im Spielgebiet des Landestheaters Schwaben nach Stücken für ein junges Publikum ist groß, zumal sich die Qualität der Aufführungen herumgesprochen hat. Aber wie mit dem 12-köpfigen Schauspielensemble weitere Vorstellungen für junge Menschen stemmen, wenn man pro Jahr über 200 „normale“ Vorstellungen in 40 verschiedenen Spielstätten zu spielen hat? Wenn, wie Kathrin Mädler betont, „wir im letzten Jahr endgültig an personelle und dispositionelle Grenzen stießen, was die Vorstellungszahlen anging“? Es gibt das Preisgeld des Theaterpreises des Bundes in Höhe von 75000 Euro, es gibt den Zuspruch des Publikums. Und es gibt den Zweckverband Landestheater Schwaben, dem neben dem Bezirk Schwaben fünf Landkreise und 15 Kommunen angehören. Und alle wollen überzeugt werden. Es herrscht die Pandemie. Die Theater sind geschlossen, die Kulturfinanzierung für die Zeit danach steht bereits jetzt auf dem Prüfstand. Wie kann man da an die Neugründung einer Sparte denken?

Umsetzung

In der entscheidenden (Video-)Sitzung des Zweckverbands wurde Ende November 2020 durchaus die Frage gestellt, „ob jetzt der richtige Zeitpunkt“ für eine solche, wenn auch lange geplante Gründung sei. Dem Theater gelang es, mit unermüdlicher Überzeugungsarbeit und stringent geführtem Bedarfsnachweis diese Zweifel auszuräumen. Der Zweckverband, die Stadt Memmingen, die die ehemalige Studiobühne am Schweizerberg ab Herbst 2021 als Spielstätte zur Verfügung stellt, und der Freistaat Bayern entschieden sich gemeinsam für die neue Sparte. Das Preisgeld bildet den Grundstock, wird aber keinesfalls ausreichen. Kathrin Mädler: „Es soll für den Ausbau, der in einem dreijährigen Stufenplan erfolgen wird, eine Erhöhung des Etats durch den Zweckverband Landestheater Schwaben und den Freistaat Bayern geben. Die Stadt Memmingen unterstützt uns zusätzlich bei der Spielstätte Schweizerberg.“

Dieser Stufenplan sieht vor, dass am Ende des Ausbaus der Spielstätte in der Spielzeit 2023/24 acht neue Stellen geschaffen werden, darunter drei Schauspieler*innen und zu der bestehenden zwei weitere theaterpädagogische Stellen.

Vermittlung

Es soll in jedem Jahr drei neue Produktionen für verschiedene Altersgruppen geben, wobei die Stücke möglichst lange im Repertoire gehalten werden sollen. Dabei wird die bisherige konzeptionelle Arbeit konsequent fortgeführt, wie Mädler betont: „Gerade im Jungen Theater begreifen wir uns selbstverständlich als Theater der Zeitgenossenschaft, das aktuelle Themen und (gesellschafts-)politisches Handeln in den Fokus nimmt.“

Im Zentrum steht die Vermittlung. Claudia Hoyer, seit 2010 als Theaterpädagogin am Landestheater Schwaben tätig, übernimmt ab nächster Spielzeit die Leitung der neuen Sparte. Mit vielen Projekten hat sie in den letzten Jahren die Vernetzung des Theaters in der Region entscheidend geprägt und vorangetrieben. Diese Kulturvermittlungsarbeit in der gesamten Region, mit der Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten im Zentrum, weiter zu intensivieren, betrachtet das neue Junge Theater als Kernaufgabe. Die Berufung Hoyers spricht für Kontinuität. Es steht zu hoffen, dass sie und ihr Team weiterhin so offen und zupackend auf die Menschen in der Region zugehen wie bisher und ihr Publikum mit aktuellen Themen und gesellschaftlich engagierten Inszenierungen überzeugen. Schade nur, dass Kathrin Mädler die letzten Stufen des dreijährigen Plans nur aus der Ferne erleben wird – als neue Intendantin am Theater Oberhausen ab der Spielzeit 2022/23.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.4/2021.