Foto: „Bluthochzeit“ von Wolfgang Fortner an der Oper Frankfurt mit von rechts nach links Zanda Švēde (Leonardos Frau) und Christian Clauß (Bräutigam) sowie Ensemble. © Xiomara Bender
Text:Ulrike Hartung, am 15. Mai 2026
„Bluthochzeit“ von Wolfgang Fortner handelt von Misogynie und patriarchaler Gewalt. An der Oper Frankfurt setzt Regisseur Àlex Ollé diesen Abgründen, die dem Ensemble alles abverlangen, nichts entgegen.
„Ich wünschte du wärst eine Frau“, sagt die Mutterfigur zu ihrem Sohn zu Beginn von Wolfgang Fortners Oper „Bluthochzeit“ (UA 1957). Die wären bekanntermaßen zuhause und mit Sticken beschäftigt und nicht permanent der Gefahr ausgesetzt, durch ihr In-der-Welt-Sein von anderen Männern mit Messern abgestochen zu werden. So geschehen mit ihrem Erstgeborenen und dessen Vater. So simpel und binär ist die Welt gezeichnet, in der Fortner eine Erzählung Federico García Lorcas nach einer wahren Begebenheit vertont
Dystopische Welt
Selbiger Sohn möchte heiraten, doch am Tag der Hochzeit brennt die Braut mit ihrer toxischen Jugendliebe Leonardo durch – oder wird sie entführt? – was in einer für beide tödlichen Auseinandersetzung des Sohnes mit Leonardo endet, die ausschließlich traumatisierte Frauen zurücklässt: die nun ehrlose Braut, die Mutter, die ihren einzigen verbliebenen Sohn ebenfalls verliert als auch die Gattin der Jugendliebe samt Säugling und ungeborenem Kind.
In dieser dystopischen Welt, die szenisch (Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Lluc Castells) historische Anleihen an der Entstehungszeit von Lorcas Text (1933) nimmt, scheint das Schicksal einer jeden bereits vorgezeichnet. Abweichungen sind nicht nur nicht vorgesehen, sie werden drakonisch sanktioniert. Zentrales und beinahe wichtigstes Mittel zur Aufrechterhaltung dieser Struktur: die gegenseitige unbarmherzige Disziplinierung der Frauen untereinander, die jene durch das Patriarchat erlittene physische und psychische Gewalt auf diese Art weitergeben.
Mitreißend und unausweichlich zynisch
Gerade der dritte Akt ist geradezu eine orgiastische Feier der transgenerationalen Weitergabe patriarchalischer Prägungen und verinnerlichter Misogynie. Da ist weder Platz für die akut erfahrene Gewalt noch für die zukünftigen, sich aus den Konsequenzen des Ehrverlusts ergebenden grausamen Lebensbedingungen der Braut; kein Platz für die bereits erlittene Gewalt der Ehefrau Leonardos und ihrer sich kaum weniger grausam gestaltenden Zukunft als Witwe mit zwei kleinen Kindern. Nur die toten Männer dürfen betrauert werden – Tode die niemand anderes zu verantworten hat, als diese Männer selbst.

„Bluthochzeit“ von Wolfgang Fortner an der Oper Frankfurt. Foto: Xiomara Bender
Diese Unausweichlichkeit ist schwer zu ertragen und wird mit so ziemlich jedem Mittel, das einer Opernbühne zur Verfügung steht, erbarmungslos 160 Minuten vor dem Publikum ausgewalzt. Zynischerweise könnte man auch sagen: geradezu darin geschwelgt. Beeindruckend das Spiel mit Gaze und Licht, das mal wie ein undurchdringlicher Blätterwald wirkt, mal wie unüberwindbare Mauern oder Felsen – Theaterzauber, der mitreißt.
Und doch können wir immer wieder hineinschauen in die klaustrophobischen Welten der familiären Strukturen, deren Mikroaggressionen sich selbst aus der Entfernung zwischen Bühne und Zuschauerraum merkwürdig intim anfühlen. Die Musik Fortners (das Frankfurter Opern- und Museumsorchester brilliert, Dirigat: Duncan Ward) entlässt einen auch für keine Sekunden aus der Öde und Finsternis. Darin wirkt selbst die Vereinigung der sich vermeintlich Liebenden eher wie ein Akt sexualisierter Gewalt – beinahe folgerichtig in einer Welt, in der die Mutter dem Sohn rät, seine Zukünftige so zu „lieben“, dass es ihr immer ein bisschen „wehtut“.
Schwer zu ertragende Abgründe
Das alles ist vor allem deshalb schwer zu ertragen, weil die Regie diesen Abgründen nichts entgegensetzt. Sie stellt sie in all ihren grausamen Facetten geradezu aus, was nicht zuletzt den Singenden alles abverlangt: durchdringend die Verkörperung der von Rachsucht zerfressenen Mutter (Claudia Mahnke), geradezu greifbar die Verzweiflung und Verwundung der Braut (Magdalena Hinterdobler), aber auch der zurückgelassenen Ehefrau (Zanda Švēde).
Die Intensität des Abends wirft dabei auch Fragen auf, die über diese Produktion hinausweisen: Welche Sensibilität entsteht, welche Reflexionsräume öffnen sich und wie gestaltet sich der Umgang mit der enormen emotionalen Belastung, die der Abend vor allem den Sängerinnen abverlangt? Wie prägt die Dominanz männlicher Perspektiven den Umgang damit, was die Produktion ins Zentrum ihrer Verhandlung stellt: die „Kritik an einer rigiden und verschlossenen Gesellschaft“, die die „individuelle Freiheit, insbesondere die der Frauen“ einschränkt und „die auf Gewalt basierende Vorstellung von Männlichkeit“ fokussiert – so Regisseur Àlex Ollé im Programmheft.
Dass nur Leonardo – der sich weder für das Leben seiner Frau, seiner Kinder, seines Pferdes und noch nicht einmal für das derjenigen, die er vorgibt zu lieben, interessiert – beim Namen genannt wird und somit als Einziger zum individuellen Charakter wird, ist bezeichnend für dieses schillernde Abbild patriarchaler Abgründe. Insofern eigentlich ein Stück, das sich hervorragend eignete, das aktuelle politische Klima, in dem sich antifeministische Strömungen zunehmend verschärfen, einzufangen, zu kommentieren und gegebenenfalls etwas entgegenzusetzen. Leider bleibt dieses Potenzial ungenutzt.