Der Autor und Regisseur Sergej Gößner sieht in Texten fürs Kinder- und Jugendtheater keinen Widerspruch zwischen ernstem Inhalt und Unterhaltung. Zuletzt wurde sein Stück „Ich sehe was / was du nicht siehst“ mehrfach ausgezeichnet.

„Ich möchte Kindern und Jugendlichen zeigen, dass das Medium Theater richtig fetzt“, sagt Sergej Gößner. Für das Covershooting und Interview treffen wir uns an einem warmen Märztag auf dem alten Holzmarktgelände, einem Kreativquartier am Spreeufer in Berlin. Seine offene, neugierige Haltung ist ansteckend, der gleichzeitige Ernst, mit der er bei der Sache ist, Zeichen seiner Lust und Motivation.
1988 in Ludwigshafen geboren, studierte Gößner bis 2010 Schauspiel an der Schauspielschule in Mainz, wurde mit 21 Jahren Darsteller am JUST (Junges Staatstheater) in Wiesbaden, war danach Teil der Ensembles am Landestheater in Innsbruck und am Theater Pforzheim. Zur Spielzeit 2017/18 wechselte er ans Junge SchauSpielHaus Hamburg, das nach langem Provisorium seit 2021 am Hamburger Wiesendamm eine eigene Spielstätte mit geräumigem Foyer, Werkstätten, Lager, Büros und eigener Bühne hat. 2016 wurde sein Debütstück „Irreparabel“ für den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert und mit dem JugendStückePreis ausgezeichnet. Zuletzt erhielt „Ich sehe was / was du nicht siehst“, uraufgeführt 2025 am Theater der Stadt Aalen, den Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg und alle drei Preise der Woche Junger Schauspieler:innen in Bensheim.
Als Schauspieler, Autor und Regisseur mit viel Erfahrung im Theater für junges Publikum weiß Gößner, wie sehr das Kinder- und Jugendtheater im Gesamttheater von Hierarchien abhängt. „Das ist oft Fluch und Segen“, sagt er, „je nach Interesse der Intendanz hat das Vor- oder Nachteile.“ Einerseits solle das Kinder- und Jugendtheater Schutz- und Ausprobierraum sein, andererseits erhält es am wenigsten Budget: „Das Kinder- und Jugendtheater soll die eierlegende Wollmilchsau sein. Als Sparte soll es divers und partizipativ sein, sich in die Stadt öffnen, soll alles können, was in den anderen Sparten kaum bis gar nicht stattfindet?“

Sergej Gößner beim Porträt-Shooting für DIE DEUTSCHE BÜHNE, Ausgabe Nr. 3 2026. Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz
Schweres mit Leichtigkeit
Gößner schreibt für das junge Publikum Stücke über Gewalt, Krankheit, Queerness, Behinderung oder Identitätsfindung, traut ihm schwierige Inhalte zu. Trotzdem klingt in den Texten immer wieder eine Leichtigkeit durch. Gößner bricht mit Klischees und binären Lesarten, gibt Märchen, die oft „so offensichtlich problematisch sind und holzschnittartig daherkommen“, einen neuen Dreh. So handelt „Der fabelhafte Die“, uraufgeführt 2021 am Jungen Theater Konstanz in der Regie von Kristo Šagor, vom stärksten Mann der Welt, einem Barsch namens Kim und Klaus, äußerlich Schwan, innerlich aber Ente, eine Umdeutung von Hans Christian Andersens Originalmärchen. In der Besetzungsliste des Stücks für drei Darstellende steht in der Rollenbeschreibung schlicht „W/I/R“, und im Kern des Stücks stellt Gößner die Frage: Was ist normal, was nicht? In der eigenen Inszenierung des Autors am COMEDIA Theater in Köln stapft Klaus eigensinnig mit Flossen auf die mit einem Glitzervorhang umrahmte Bühne. Die Inszenierung ist eine empowernde Aufforderung, dem Ich eine Bühne zu geben, wie auch immer es sein und aussehen mag. Bei einem Vormittagsbesuch lachen die Erwachsenen im Publikum beinahe mehr als die anwesende Schulklasse, die mit ihren Blicken aber genauso gebannt am fabelhaften Die hängt, der mit Federboa um die Schultern ins Rampenlicht stolpert.
„Unterhaltung und Inhalt lassen sich wunderbar verbinden“, findet Gößner. Die Altersparameter der Stücke werden von den Häusern gesetzt, wobei jungem Publikum oftmals zu wenig zugemutet werde, findet er. Mittlerweile ist Gößner als Autor in der luxuriösen Situation, dass die meisten Texte Auftragsarbeiten von Theatern sind. Vor dem Schreiben setzt er sich damit auseinander, was die Zielgruppe an Filmen oder anderen Formaten konsumiert. „Das finde ich so typisch für Erwachsene: das Unterschätzen der jungen Menschen“, sagt er. „Ich habe so oft erlebt, dass im Nachgespräch die Schüler:innen der Lehrkraft erklären, worum es gerade ging. Kinder und Jugendliche verstehen manchmal viel unmittelbarer, worum es geht. Das ist doch erst mal eine Geschichte. Übergeordnete Themen wie vielleicht Fremdenhass oder Gewalt erkennen wir als Erwachsene.“
Gößners oft gespieltes Debütstück „Irreparabel“ über die Freundschaft zweier Jugendlicher mit Multipler Sklerose und Querschnittlähmung führte zu Beginn zu einem kleineren Eklat. Die Uraufführung fand 2017 am Theater Magdeburg statt, noch unter dem problematischen – das findet auch der heute um einige Debatten reichere Autor – Titel „Mongos“, was Vorwürfe aus der Anti-Ableism-Community zur Folge hatte. Dabei suchte Gößner im Stück Aufklärung: „Ich dachte, der Titel sorgt für Aufmerksamkeit“, erinnert er sich, „dass das vielleicht auch die Jugendlichen abholt, die ‚too cool for school‘ sind.“ Stattdessen hätten sich manche Kritiker:innen des Stücks nicht über den Titel hinaus damit auseinandersetzen wollen, und ein Journalist habe es auf die Spitze getrieben, „indem er den ursprünglichen Titel mit voller Absicht in der Überschrift seines Artikels reproduziert hat“.
Doppelmoral am Theater
Gegen Schubladendenken wehrt sich Gößner nicht nur inhaltlich, sondern auch auf struktureller Ebene: „Ich weiß, dass der Theaterbetrieb unfassbar doppelmoralisch ist und auf der Bühne Dinge gepredigt werden, die hinter den Kulissen so gar nicht praktiziert werden“, sagt er. Obwohl das gerade im Kinder- und Jugendtheater oft anders sei, wo mehr Frauen in Führungspositionen sind, erlebt er auch dort festgefahrene Strukturen. Im Zuge der Recherche zum Stück „Ich sehe was/was du nicht siehst“, das sich mit sexueller Gewalt an Jungen und Männern auseinandersetzt, veröffentlichte der Autor 2024 aus eigener Betroffenheit ein Statement auf Instagram, in dem er von Onlinebelästigung im Theaterbetrieb berichtet. Die Person, mit der er online in Kontakt kam, sei schließlich entlassen worden, jedoch ohne öffentliches Statement oder Aufklärung seitens des Theaters.
„Mir ging es gar nicht so sehr um die Personalie“, sagt der Autor, aber von Verantwortlichen (auch Frauen) in verschiedenen Leitungspositionen war er enttäuscht, „weil sie davon wussten, aber nicht reagiert haben, es nicht als das gesehen haben, was es war: sexuelle Belästigung“. Dass ihn nach seiner Veröffentlichung viele Nachrichten anderer Fälle erreicht hätten, bestätigt seine Vermutung, nicht der Einzige zu sein. Obwohl es Strukturen gibt, die solche Fälle auffangen sollen, etwa die Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt, dominiert für Gößner ein Schweigen und Nichtstun. Unter Betroffenen wiederum sei die Scham und Angst sehr groß, „der oder die problematische Künstler:in zu sein. Es gibt schließlich befristete Verträge“, sagt Gößner, „und die Angst, sich etwas zu verbauen“.
Am Ende von „Ich sehe was/was du nicht siehst“ gibt es eine Stimme von außen, durch die Sichtbarkeit entsteht. In Julius Max Ferstls Inszenierung in Aalen erklingt durch einen Lautsprecher Gößners Stimme als die Figur Aleks und sagt: „Ich sehe dich. Ich weiß, wie das ist.“ Das Stück legt den Fokus nicht auf Betroffene, sondern auf die schweigende Umgebung, auf Angehörige und Freund:innen. In puncto Aufklärung sieht Gößner im Theater zwar schon viel Veränderung, Aftercare und Nachbesprechungen fänden, soweit sein Eindruck, aber vermehrt am Jungen Theater statt: „Und dann sehe ich die großen Häuser und den Abendspielplan, wo das ganz oft mit einer Selbstverständlichkeit nicht passiert.“ Das sei einerseits eine Generationenfrage – im Kinder- und Jugendtheater seien oft jüngere Menschen und flinta* (Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinäre, Trans- und Agender) Personen beheimatet. Andererseits falle schnell der Begriff „Kunstfreiheit“: „So nach dem Motto: Wir müssen das doch noch dürfen.“
Neben dem Schreiben inszeniert Gößner zunehmend, führte 2024 beispielsweise Regie bei Kristo Šagors „Nice“ am Theater Konstanz über Sucht, Angst, Coming-out und Liebe. Am gleichen Theater brachte er zuletzt die Uraufführung von „Zehner“ auf die Bühne, ein Stück, das Autor:in Fayer Koch gemeinsam mit Jugendlichen für die große Bühne entwickelt hat. Darin wird die schöne Aussicht auf den Sprung vom Zehnmeterbrett im Schwimmbad von Sparmaßnahmen der Stadt durchkreuzt: weniger Geld, keine Badeaufsicht, kein Zehnmeterbrett. Etwas unfreiwillig wird eine Freund:innengruppe durch diesen Umstand zu politischen Aktivist:innen. Außerdem macht Gößner gerade erste Gehversuche im Drehbuchschreiben: „Das ist megaaufregend, weil ich das Gefühl habe, jetzt wirklich etwas übers Schreiben zu lernen“, lacht er, bisher habe er das intuitiv und aus dem Bauch gemacht. Auserzählt sind Gößners Geschichten jedenfalls noch lange nicht.
Sergej Gößner, 1988 in Ludwigshafen am Rhein geboren, ist Dramatiker und Regisseur. Seine Stücke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem JugendStückePreis des Heidelberger Stückemarkts („Irreparabel“), dem niederländisch-deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreis Kaas & Kappes („Wegklatschen. Applaus für Bonnie und Clyde“) und mit dem Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg („Ich sehe was / was du nicht siehst“). Im Fokus seiner Stücke stehen Themen wie Anderssein, (Un-)Gerechtigkeit oder Queerness. Gößner studierte Schauspiel in Mainz, Engagements führten ihn ans Junge Staatstheater Wiesbaden, ans Tiroler Landestheater Innsbruck, ans Theater Pforzheim und ans Junge SchauSpielHaus Hamburg. Er lebt in Hamburg.
