Aline Bucher steht mit blutender Nase als Anna Voigt rechts auf der Bühne. Sie hält ihren rechten Arm schützend vor die Brust.

Schmerzensfrau

Tore Renberg, Anika Bárdos, Mille Maria Dalsgaard: Die Lungenschwimmprobe

Theater:Bühnen Halle, Premiere:09.05.2026 (UA)Vorlage:Die LungenschwimmprobeAutor(in) der Vorlage:Tore RenbergRegie:Mille Maria Dalsgaard

Die Bühnen Halle bringen mit „Die Lungenschwimmprobe“ den gleichnamigen Roman von Tore Renberg auf die Bühne. Darin wird eine Frau vor Gericht beschuldigt, ihr Neugeborenes getötet zu haben. Regisseurin Mille Maria Dalsgaard legt den Fokus ihrer Inszenierung auf das Schicksal der Protagonistin. Dafür rücken Details der Rechtsgeschichte etwas in den Hintergrund.

„Ich verhielt mich widerlich, als ich dem Knecht erlaubte, sich an mir zu vergehen. Ich verhielt mich widerlich, als ich meine Schwangerschaft und Geburt verheimlichte.“ Als Schmerzensfrau steht Anna Voigt vorm Gericht, erhält dort ihr Urteil nach langem Martyrium. Ist die gebrochene Gestalt in Rock und Hemd noch ganzer Mensch? Muss der jahrelange Prozess die junge Frau nicht gebrochen haben? Das Publikum wohnt ihrer Marter am Neuen Theater Halle bei, wo mit der Uraufführung der „Lungenschwimmprobe“ Annas Geschichte und die unserer grausamen Historie erzählt wird.

Wie beweist man eine Totgeburt?

Das heißt, es wird nicht die ganze Geschichte erzählt. Der Roman des norwegischen Autors Tore Renberg beruht auf historischen Quellen. Wo diese schwiegen, hat der Autor die Kraft der Fantasie bemüht. Er ersinnt einen Text, der inhaltlich auf drei Ebenen stattfindet. Es geht um Annas Schicksal, das eng verwoben ist mit dem Wirken des Leipziger Juristen – und späteren Hallensers – Christian Thomasius. Er kämpft mit Wissenschaft gegen alte Gewissheiten und dogmatische Eingriffe der Theologie. Drittens ist in Überblendungen der Rachefeldzug von Annas Vater zu erleben, der die Verantwortlichen für das Schicksal seiner Tochter verfolgt.

Spätes 17. Jahrhundert, ein Ort südlich von Leipzig: Der 15-jährigen Anna Voigt wird Kindsmord vorgeworfen. Sie beteuert, eine Totgeburt erfahren zu haben. Mit einer neuen Methode, eben jener Lungenschwimmprobe, beweist ein Mediziner, dass das Kind tatsächlich schon tot gewesen sein muss. Thomasius beruft sich in seiner Verteidigung auf das Gutachten. Das Gericht folgt dem nicht. Ein langer Prozess nimmt seinen Lauf. Es ist ein wichtiger Moment in der modernen Rechtsmedizin, den Renberg anhand einer halbfiktionalen Figur erzählt.

Aline Bucher beugt sich über einen Brunnen. Im Hintergrund wird ihr Gesicht auf die Bühnenwand projiziert. Ihre Verzweiflung ist spürbar.

Aline Buchers Gefühle als Anna Voigt werden an die Bühnenwand projiziert. Foto: Anna Kolata

Jener kreativen Freiheit bedient sich auch die künstlerische Leiterin des Theaters, Mille Maria Dalsgaard. Sie baut ganz auf dessen Kraft bei der Umsetzung des gut 400 Seiten umfassenden Textes. Wenig Spiel findet statt, zu sehen sind Dialoge und Erzählszenen. Die Handlung wird vor allem verbal geschildert, immer wieder in der dritten Person – und ist zeitweise an manchem Körper ablesbar. Matthias Walter wird schlussendlich als der dem Rachewahn verfallene Vater physisch erlebbar. Aus seinem Körper, aus Mimik und Stimme schreit Verzweiflung pur. Die Regisseurin legt ihren Fokus dabei auf Annas Schicksal, die Momente der Rechtsgeschichte gehen etwas verloren. Dafür bedrückt das Leiden der jungen Frau das Publikum direkt.

Die Kirchenglocke steht Kopf

Etwa, wenn Anna beim Eintritt der Zuschauer in der vorletzten Reihe steht, den leeren Blick regungslos und fest auf die minimalistische Bühne gerichtet (Antonia Krull). Zu dieser klettert sie zu Beginn durch die Stuhlreihen und gelangt zu einem Gestell. Dieses hält eine umgedrehte Kirchenglocke fest. Die Welt steht Kopf, kann das heißen, oder: Der kirchlich dominierte Zeitgeist liegt im Irrtum. Hinten einrahmendes Fachwerk deutet die Epoche an.

Die Darstellerin trifft auf vier weitere Darstellende. Alle tragen ähnliche historische Tracht aus schwarzen Hosen, weißen Hemden und roten Wamsen oder Westen. Sie treten teilweise in vielen wechselnden Rollen auf, aber füllen diese meistens nicht spielerisch aus. Sie sind eher Figurinen oder Sprechpuppen, die erzählend die Handlung tragen, nur kurz wirklich zu einer Figur werden. Allein in einem dazwischengeschobenen Rückblick greifen sie auf Mittel des Volkstheaters zurück. Leicht grotesk und komödiantisch führen sie eine missglückte Hinrichtungsszene auf.

Zuschauer auf der Lungenprobe

Dass das spannungsvoll gelingt, liegt an dichter Atmosphäre und symbolischer Abstraktion. Projektionen (Hannes Hesse) auf einer Hintergrundwand zeigen bis zur Pause nebelverhangene Landschaften in Schwarz-Weiß, immer dräut es. Effektgeräusche aus dem Off spiegeln das. Wabernder Bühnennebel stellt die Zuschauer auf die Lungenprobe. Grausamkeiten werden abstrakt angedeutet. In der umgedrehten Glocke – einem Taufbecken gleich – wäscht sich der Henker die Hände. Der Tod von zwei Peinigern Annas wird angedeutet, indem ein Rock und eine Hose mehrfach an die Wand geschlagen werden. Immer wieder stemmt sich die Thomasius-Figur gegen die Wände, als ob der Jurist die verkrustete Rechtsordnung aufzubrechen versucht. Solche symbolisch-bildlichen Übertragungen des gesprochenen Worts lockern den leicht zu schematisch-formalen Zugriff der Regisseurin auf.

Das peinliche Verhör Annas gerät zum Ulrich-Rasche-Moment: Die Drehbühne kreist im Uhrzeigersinn. Von der Beobachterperspektive links aus läuft der Henker vorwärts, Anna geht rückwärts. Die Martermaschine mahlt – und doch herrscht grausamer Stillstand. Man kommt nicht voran, Anna legt kein Geständnis ab. Im Hintergrund zeigen Projektionen in solchen Momenten ebenfalls leicht abstrahiert die junge Frau, wie sie ins Wasser schaut oder ihr Körper verdreht auf dem Kerkerboden liegt. Bis Anna immer konturloser wird, schließlich mit ihrem schwindenden Verstand ganz erlischt. Dazu steht vorn an der Bühne Aline Bucher als mitleidserregende Schmerzensfrau. Gebrochen in der Gestalt, mit einem Gesichtsausdruck, der Verletzung, Verlust und Verzweiflung vereint.