Ensemblebild aus „Codebirn“

Experiment mit Electro-Pop

Zara Ali: Codeborn

Theater:Muffatwerk München, Premiere:08.05.2026 (UA)Regie:Florentinee Klepper, Deva SchubertMusikalische Leitung:Hansjörg Sofka

Mit „Codeborn“ von Zara Ali wird die Münchener Biennale eröffnet: wilde Electro-Pop-Musik als Rätselspiel über Quantenmechanik und KI, ein postmodernes Zeichensystem mit sehr unruhiger Rhythmik und ohne jede moralische Wertung.

Der Spielort in der Muffathalle in München befindet sich zwischen zwei Tribünen: ein Doppelbett mit Mini-Kühlschränken als Nachttischen, umsäumt von Kunstgebüsch. Eine drehbare Bühne. Zunächst hören wir keine Musik. Jemand spricht aus dem Off – über Quantenmechanik, über Schrödinger, über Datenverarbeitung; viel Information, wenig Hintergrund. Aus diesen Informationen wird immerhin eine Behauptung abgeleitet: Ein unvergleichliches System, etwa ein Individuum, ist nicht veränderbar, sondern nur zerstörbar.

So erlebt das Publikum ein „wissenschaftliches“ Experiment. Das Paar – Nur (was etwa „Licht“ bedeutet, etwa im Arabischen) und ihr namenloser Partner – wird manipuliert, verändert, mit allen Mitteln bearbeitet. „Die wahre Folter ist Information“, heißt es im gesprochenen Text. Ob damit auch der Anfang des Stücks gemeint ist?

Menschen in roten Kunststoffuniformen erscheinen: Musiker, Sänger und der musikalische Leiter Hansjörg Sofka. Sie sind vielleicht als KI gemeint. In jedem Fall führen sie das Experiment durch. Das Spiel beginnt – mit wilder Musik.

Thomas Lichtenecker las „Doll“ in rotem KI-Gewand..

Thomas Lichtenecker als Doll in roter „KI-Uniform“. Foto: Frol Podlednyi

Lucy Altus (Sopran) und Julien Horbatuk (Bariton) singen als Paar nebeneinander her und scheinen keine Verbindung zueinander zu haben. Zara Alis Musik – Saxophone und Klarinette, viel Keyboard, viel Schlagwerk, tiefe Streicher zur Grundierung – ist rhythmisch hochfrequent, sehr unruhig und wird immer wieder elektronisch verfremdet oder verdoppelt. Es wirkt, als sei die Musik nicht von Komponistenhand gestaltet – oder geradezu perfekt konstruiert. Diese Dialektik trägt die Musik, die im Kern Electro-Pop ist, ergänzt um klassische Partikel, elegante Melodielinien und ein postmodernes Zeichensystem in Spiel und Musik. Das Publikum hört, sieht und spürt diese Zeichen, kann sie aber nicht immer entschlüsseln.

Was geschieht, ist Folgendes: Anfangs wirkt der Mann aktiver, während die Frau („Nur“) sich lediglich auf dem Bett räkelt. Am Ende jedoch verlässt sie die Bettstatt in Shirt und Hose und kehrt zurück wie eine Herrscherin – stolz, mit einem gepanzerten Arm, aufrecht stehend.

Begräbnis des weißen Mannes

Zwischendurch haben die beiden ihre Brillen getauscht. „Doll“ – der beeindruckende Countertenor Thomas Lichtenecker, stimmlich enorm beweglich und zugleich glashart in der Klangfarbe – wird von den Musikern ausgezogen und ins Schlafzimmer abgeordnet.

Und der Mann: Julien Horbatuk, mit einem großen Ambitus von hoher Baritonlage bis in Basstiefen, singt sentimentale britische Musik, irgendwo zwischen Henry Purcell und Roger Quilter. Er zieht das Bett ab und vermüllt es mit leeren Bierdosen und Pizzakartons, unter denen er sich schließlich begräbt. So entsteht gewissermaßen ein ironisches Begräbnis des einsamen weißen Mannes.

Er wird wiederbelebt und hört Nur zu – Lucy Altus mit ihrer vollen, sinnlichen Stimme –, die oft vom Licht singt, allerdings nicht sehnsuchtsvoll, sondern eher verstehend. Gesungen wird teilweise auf Englisch, teilweise in einer Fantasiesprache. Das macht es dem Publikum leichter: Man muss nicht permanent entschlüsseln, sondern kann „nur“ zusehen und zuhören.

Keine Wertung, nirgends

Denn die Regisseurinnen Florentine Klepper und Deva Schubert bieten viel an: ulkige, aber inhaltlich kaum dechiffrierbare Choreografien auf dem Doppelbett, eine Menschenpyramide aus Orchestermusikern des PHACE-Ensembles, dazu sehr genaue, kleinteilige Abläufe und Prozesse. Wolfgang Menardi liefert dazu exquisite optische Happen mit Bühne, Kostümen und Licht.

Allerdings steht dahinter kein Feminismus. Dieses „Experiment“ wertet nicht – genauso wenig wie die Aufführung selbst. Hier werden Veränderungen markiert und gestaltet, vielleicht Umbrüche in Beziehungen und Persönlichkeiten. Doch nie geht es um Moral, gleich welcher Art. Die Dinge geschehen einfach auf der Bühne.

Diese gleichzeitige Über- und Untergestaltung ist der Kern des Werks. Sie zeigt sich in der Musik, im Spiel, auch im Auftreten der Musiker. Das fasziniert – und lässt die Zuschauer zumindest teilweise ratlos zurück.

P.S.: Installation „Arche“

Ähnlich verhält es sich mit der Installation „Arche“, der zweiten Aufführung des Eröffnungstags. Wir sehen drei Menschen auf drei Leinwänden. Sie gehen durch bedrückende Stadtarchitekturen, später stehen sie allein in einer weißen Fläche. Was ist schlimmer? Tatsächlich entsteht ein Moment, in dem man über diese Frage nachdenkt. Dann führen die drei Figuren Kung-Fu-Bewegungen auf schwarzem Hintergrund aus, ihre Gesten lösen Linien um sie herum aus. Die Musik von Eugene Birman und auch die Live-Sängerin bleiben gegenüber den Bildern allerdings zu schwach. Hier hört man nicht wirklich zu. Man bleibt fasziniert von den Bildern – und erneut ratlos.

Trotzdem war es ein guter Abend in München. Die Stücke schenkten faszinierende Momente und stellten wesentliche Fragen. Aber es waren keine Sternstunden der Dramaturgie, kein Aufbruch des Musiktheaters.