Foto: „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler am Theater Baden-Baden in der Inszenierung von Nicola May. © Theater Baden-Baden / Jochen Klenk
Text:Bettina Schulte, am 9. Mai 2026
Mit Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“ nimmt Nicola May nach 22 Jahren Abschied als Intendantin vom Theater Baden-Baden. Das Offenlegen der Eskapaden des Wiener Bürgertums erscheint in ihrer Inszenierung zwar heiter, aber auch recht harmlos.
Das Stadttheater Baden-Baden, laut Selbstdarstellung auf der Homepage eines der ältesten noch bespielten Häuser Deutschlands, ist ein Schmuckkästchen: außen klassizistisch streng, innen beseelt von anmutigem Neorokoko. Seine Adresse lautet sinnigerweise Goetheplatz. Wer hier eintritt, fühlt sich in andere Zeiten versetzt – als ein reiches, gebildetes, europäisches Hochbürgertum noch den gesellschaftlichen Ton angab und Baden-Baden eine seiner Metropolen war. Hier zeitgenössisches Theater anzubieten, ist eine Herausforderung. Nicola May hat sich ihr über eine für diesen Job unfassbar lange Periode von 22 Jahren gestellt. Postmoderne Ansätze sind hier nicht zu erwarten. Mit solidem Schauspielertheater wartet die Intendantin auch in ihrer letzten Baden-Badener Inszenierung auf. Ihre Wahl fiel auf Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“. Ein Stück, mit dem sie auch ihrem langjährigen Ensemble die Reverenz erweist. „Treue“ und „Vertrauen“ sind die Begriffe, mit denen May ihre Arbeit in Baden-Baden beschrieben hat.
Gesellschaft im Müßiggang
Um Treue und Vertrauen geht es nun aber gerade nicht in Schnitzlers messerscharfer Analyse der Wiener Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Hinter der Fassade wohlgeordneter bürgerlicher Verhältnisse belügt und betrügt man sich nach Strich und Faden. Und tut nach außen so, als ob nichts (dabei) sei. Im Zentrum des unmoralischen Spiels steht der – ausgerechnet – Glühbirnen produzierende Unternehmer Friedrich Hofreiter, ein narzisstischer Zyniker aus dem Giftschrank des alten weißen Mannes. Bei Sebastian Mirow allerdings ein jovialer Bonvivant in Knickerbockern. Heike Seidlers Kostüme sind durchgehend im hellen Freizeitlook der damaligen Zeit gehalten, passend zum Leitmotiv der Inszenierung: Im Gazevorhang, hinter dem Bühnenbildner Alexander Varesco vor einem idyllischen Landschaftsprospekt grünen Rasen ausgerollt hat, landet gelegentlich ein Tennisball.

Ein permanenter Schlagabtausch: „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler am Theater Baden-Baden in der Inszenierung von Nicola May. Foto: Theater Baden-Baden / Jochen Klenk
Nicola May zeigt eine Gesellschaft, die sich dem Müßiggang hingibt. Hier wird fast pausenlos zum Tennisspiel aufgefordert. Die junge Erna (Lisa Schwarzer), seit ihrem siebten Lebensjahr in Hofreiter verliebt, was dieser sich bei einer Bergtour hemmungslos zunutze macht, trägt – wie auch andere Figuren – durchgehend ein Tennisdress. Der Marine-Fähnrich Otto (Kilian Bierwirth), der kurz vor der Abreise zum Militärdienst steht, macht – wenn auch ein bisschen lächerlich – Bella Figura in einem eleganten Matrosenanzug.
Von der Tennispartie ins Duell
Alles recht heiter und harmlos hier; wozu auch eine Felsattrappe beiträgt, die den Ausflug der Gesellschaft ins Bergland simulieren soll: Dorthin, wo Hofreiter mit Erna anbandelt und ihr einen ziemlich absurden Heiratsantrag macht. Seine Ehefrau Genia (Constanze Weinig) erträgt seine Eskapaden mit einer Haltung buchstäblich bis in die in eine strenge Steckfrisur gelegten Haarspitzen hinein. Die Liebe des jungen Pianisten Korsakow kann sie aus Prinzipientreue nicht erwidern. Erst später wird sie die Geliebte Ottos – was diesem zum Verhängnis wird. Auf eine erbitterte Tennispartie mit dem gehörnten Ehemann, der nun mal nicht der „Hopf“ sein will, folgt konsequenterweise ein Duell aus verletzter Ehre.
In einem Gespräch vor der Premiere hat Nicola May ihre Vorliebe für „konventionelles Theater“ bekannt. Reizvoll sei es für sie, wenn Schauspieler sich in die Charaktere von Figuren hineinbegeben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur muss es diesen auch glaubwürdig gelingen.
Daran hapert es an diesem Abend. Man gewinnt nicht den Eindruck, als sehe man ein Stück von heute. Die Abgründe, die hinter dem allerweltweisen Satz „Die Seele ist ein weites Land“ lauern, kann diese Inszenierung nicht ausloten. Sie bleibt im Schnitzlerschen Konversationston hängen. Was sich am Ende einzig bewegt, ist die Drehbühne.