Antú Romero Nunes, Inga Schonlau, Anja Dirks und Jörg Pohl (v. l. n. r.). In einem Raum mit niederiger Decke und weißen Wänden stehen ein Mann und eine Frau links, in der Mitte hockt eine Frau und recht sitzt ein Mann auf einem Klappstuhl.

Das neue Vier-Gefühl

Teilhabe statt Zwang, festes Lohnraster für alle und der Wunsch, dass sich diese Ideen ausbreiten: Am Theater Basel, dem größten Dreispartenhaus der Schweiz, wird die Schauspielsparte seit dieser Spielzeit im Team geleitet.

„Unser wichtigstes Arbeitsinstrument ist der Chat auf dem Mobiltelefon“, sagt Anja Dirks. „Diese Anfrage der Deutschen Bühne ist für uns vier seit Längerem mal wieder eine Gelegenheit, um grundsätzlich über unsere Zusammenarbeit zu sprechen.“

Diese vier – neben Dirks sind das Inga Schonlau, Antú Romero Nunes und Jörg Pohl – leiten seit dieser Spielzeit gemeinsam die Schauspielsparte des Theaters Basel unter Intendant Benedikt von Peter, der selbst für die Oper verantwortlich ist. In der NZZ am Sonntag sagte er, dass das Modell eines Führungsteams in der Oper mit ihren viel längeren Planungszeiten und mit weniger festen Ensembles nicht funktionieren könnte, aber im Schauspiel geht man diesen neuen Weg.

Stadttheatersystem neu erfinden

Unser Gespräch will das Viererteam gemeinsam führen, einen Termin mit allen zu vereinbaren war erstaunlich einfach. Ein geeignetes Setting für das Interview zu finden gestaltete sich indes schwieriger. In der Theaterkantine ist ein Treffen nicht möglich: Betriebsfremde Personen sind pandemiebedingt verboten. Die Büros sind noch Baustellen, da das Theater Basel generalsaniert wird. So treffen wir uns zwischen den Premieren des Kinderstücks „Der Räuber Hotzenplotz“ und der „Zauberflöte“ im Foyer, eigentlich eine neue Lebensader des Theaters. Jetzt bleibt es wegen der herrschenden Basler Beschränkung auf 15 Zuschauer so leer und unbewegt, dass das Licht immer wieder automatisch ausgeht. Irgendwie passt das zur generellen Situation.

Dabei hat die Viererbande nicht weniger vor, als das Stadttheatersystem neu zu erfinden – ohne missionarischen Eifer und den Glauben, alles besser zu machen, wie sie sagen. Aber schon mit der Hoffnung, dass ihre Ideen auch andernorts aufgenommen werden. Pohl, der Schauspieler, sagt: „Die Gefüge im Stadttheatersystem sind immer noch weiträumig von überkommenen Hierarchien geprägt, nicht besonders kollegial“ – und Nunes, der Regisseur, ergänzt: „Noch nicht!“

Pragmatisch radikal

Am Theater Basel soll die Teamarbeit im Zentrum stehen, sodass alle überall ihre Interessen einbringen können. Dass nicht nur eine Person für das Schauspiel verantwortlich sei, sondern eben alle vier gemeinsam, entlaste, sagt Dirks: „Wir halten alle unsere Köpfe hin, wenn’s sein muss! Und wir können alle das einbringen, was wir können.“ Schonlau spricht ein anderes, offenbar übliches Problem von Künstlerleitungen an: „So kann die künstlerische Leitung auch eigenen Projekten nachgehen, ohne in derselben Zeit für andere Leitungsfragen kaum erreichbar zu sein.“

Die vier sind in Basel in ihren angestammten Berufen angestellt: die bisherige Festivalleiterin Dirks als geschäftsführende, Schonlau als leitende Dramaturgin, Nunes als Regisseur und Pohl als Schauspieler.

Ihre Zusammenarbeit sehen sie so, dass sie die sich daraus ergebenden Perspektiven in die Leitung einbringen. „Wir müssen nicht so tun, als ob jeder in jedem Bereich alles könnte“, sagt Nunes. Die Aufteilung der Arbeit sei fluide, ein dynamischer Prozess, der trotz anderthalb Jahren gemeinsamer Vorbereitung keineswegs fest sei. Pohl spricht lieber von „Rollen“ als „Funktionen“ – „Daran sind wir im Theater ja gewöhnt.“ Das gebe viel zu reden und sei zweifellos aufwendiger, doch sehr lohnend. Davon sind die vier nach den ersten Wochen mit drei ganz neuen und zwei neu einstudierten, aber übernommenen Produktionen überzeugt. Den Mehraufwand müssen sie allerdings gemeinsam leisten, da nimmt die Idee einer Kollektivleitung alle in die Pflicht. „In der Compagnie wird dort entschieden, wo die Kompetenz ist. Das ist nicht besonders spektakulär, aber pragmatisch radikal“, meint Dirks, „dabei geht es im Alltag viel weniger um das große Programm, sondern um mühsame Kleinarbeit.“

Compagnie statt Ensemble

Die Compagnie – der Begriff ist vorläufig vor allem intern in Gebrauch – meint mehr als das Ensemble. Compañeros – davon komme der neue Name – sind nicht „nur“ die Schauspielerinnen und Schauspieler, auch Assistentinnen, Souffleure, die Dramaturgie gehören dazu. Und das unabhängig davon, ob man fest oder projektgebunden angestellt ist und welche Rollen man spielt. Für alle gilt ein fester Gehaltsrahmen, der sich nur nach dem Alter richtet. Ein 22-jähriger Schauspieler, der gerade große Filmkarriere macht, bekommt weniger Lohn als die 26-jährige Regieassistentin.

Pohl: „Wer mit uns jetzt hier arbeitet, hat sich ein egalitäres Modell gewünscht – und dieser Wunsch ist im deutschsprachigen Theater weit verbreitet. Wir haben kein Starsystem, Gäste werden bei uns nicht privilegiert – weder durch größere Rollen noch durch eine bessere Gage. Somit sind wir meines Wissens das einzige Theater im deutschsprachigen Raum, das effektiv den Gender-Pay-Gap geschlossen hat und mit dem festen Gagenraster noch weiter geht. Ich bin seit 15 Jahren im Stadttheater. In dieser Bubble läuft nicht nur viel über Konkurrenz und Angst und Zwang, auch werden Anregungen aus dem Ensemble in meiner Erfahrung konstant übergangen – so scheint das System eine der letzten feudalistischen Strukturen.

Neue Generation

Und da kommt jetzt eine neue Generation, die so nicht mehr arbeiten kann und will. Oft traut man sich nicht, kritische Fragen zu stellen, Konflikte schwelen unbearbeitet, weil man als Schauspieler fürchtet, die Vertragsverlängerung dadurch zu gefährden.“ „Darum haben wir allen Dreijahresverträge angeboten, wie wir sie auch haben“, betont Dirks. Es sei ja nicht so, dass im herkömmlichen System jemand fünfmal so viel verdiene wie andere. Aber das Gagengeheimnis wirke manipulativ. das wolle man durch Transparenz ausräumen.

Teil der Compagnie zu sein – fest oder für ein Projekt – soll auch keine Ausbeutung bedeuten, wie Nunes betont: „Was jemand neben der Produktion hier noch macht, geht uns nichts an. Film oder Arbeit im Altenheim. Das Theater als Arbeitsort darf nicht vereinnahmen.“ So bespricht man in der Basler Compagnie auch die Arbeitsweisen. Eben sei es in der Compagnie-Versammlung darum gegangen, ob auch am Samstag geprobt werden soll und wie in den Proben Kritik geübt werde (provisorischer Stand: erst am nächsten Tag, nachdem man eine Idee ausprobiert hat).

Gute Bedingungen für die Beteiligten schaffen gute Kunst fürs Publikum

Basisdemokratie also? Der Begriff der Teilhabe und Delegation an Spezialisten treffe es besser. Man komme ohne Abstimmungen aus, die Lösung von offenen Fragen wird an die delegiert, die sie lösen können. Das funktioniere, betont Pohl, „weil wir alle ein einfaches Ziel haben: gutes Theater machen. Und Probenzeit ist schließlich Lebenszeit“. Einfach? Immerhin, das Ziel bleibt gleich.

Die Gefahr, dass darüber zwar tolle Produktionsbedingungen, aber auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochene Kunst entstehen könnte, sieht das Basler Leitungsteam nicht – und zum ersten Mal wollen alle zuerst sprechen: „Das Gegenteil ist der Fall!“, betont Dirks. „Die Schauspieler*innen als direktes Gegenüber des Publikums werden ermächtigt, selber Verantwortung zu übernehmen – zum Beispiel dadurch, dass nicht nur die Dramaturgie Vorschläge für den Spielplan und künstlerische Zusammenarbeiten macht oder Spieler*innen früh in die Konzeptfindung eingebunden sind“, ergänzt Schonlau. Und Nunes als Regisseur sieht seine Bedeutung überhaupt nicht zurückgesetzt: „Die Regie bleibt verantwortlich, muss Ideen liefern, strukturieren. Was kann ich mir dabei Besseres wünschen als Spieler*innen, die mitdenken? Arbeiten, die mit Zwang entstanden sind, sehe ich das an – und sie sind nie gut. Die Spieler*innen stehen im Zentrum, wodurch sie ihre Arbeit besser machen können.“

Befreite Spieler

Diese künstlerische Begründung ist der Basler Leitung offenbar so selbstverständlich, dass sie erst spät auf diesen Punkt kommt: Gutes Theater wird nicht mehr über ästhetische Definitionen bestimmt, sondern durch gute, befreite Spieler im Zentrum. Das funktioniere, das hätten die begeistert aufgenommenen Eröffnungsproduktionen gezeigt (solange man sie spielen konnte): Ovids „Metamorphosen“, die Co-Regie von Pohl und Nunes beim „Räuber Hotzenplotz“ und die „Schmarotzerproduktion“ (Pohl) von „Das Ende der Welt, wie wir es kennen“, die Pohl zusammen mit dem Ensemble kurzfristig in die aufwendige Bühnenlandschaft der Opernproduktion „Saint François d’Assise“ setzte. Und es soll sich fortsetzen, wenn man ohne Regisseur im April Dürrenmatts „Die Physiker“ herausbringen wird und dies im Voraus schon als „Modellinszenierung“ zum 100. Geburtstag des Dramatikers ankündigt, der als Co-Direktor des Theaters Basel 1968/69 ja einer ihrer Vorgänger war.

Dirks/Schonlau/Nunes/Pohl sehen ihre Ideen als verbreitungsfähig, Pohl bringt das auf den Punkt: „Wir haben nicht die Lösung, wir müssen die Compagnie in den nächsten drei Jahren sicher immer wieder neu denken und ausprobieren, und das bedeutet natürlich ständige Arbeit und gelegentliches Scheitern. Doch die Zeiten von Angst und Zwang im Theater sind bald vorbei. Das hoffen wir zumindest.“ Und nicht nur sie.

Das Leitungsteam

Antú Romero Nunes, geboren 1983, ist Chilene und Portugiese. Er war zuvor Hausregisseur am Berliner Maxim Gorki Theater und am Hamburger Thalia Theater.

Inga Schonlau, geboren 1975, arbeitete mit Matthias Lilienthal und Stefanie Carp zusammen. Sie war Tanzdramaturgin am Theater Freiburg und Schauspieldramaturgin am Zürcher Schauspielhaus.

Anja Dirks, geboren 1970, war Programmdramaturgin am fft Düsseldorf, kuratierte für die Wiener Festwochen und leitete die Festivals Theaterformen in Braunschweig und Hannover sowie Belluard Bollwerk International in Freiburg im Üechtland/ Schweiz.

Jörg Pohl, geboren 1979, ist Schauspieler. Nach der Ausbildung in Bochum spielte er in den Ensembles des dortigen Schauspielhauses, des Zürcher Schauspielhauses und des Hamburger Thalia Theaters.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2021.