Das Kollektiv Wunderbaum vor dem von ihm geleiteten Theaterhaus Jena.

Humor als Abkürzung

Wie das Künstlerkollektiv Wunderbaum am Theaterhaus Jena versucht, nicht nur der Corona-Krise eine witzige Seite abzugewinnen.

Der Hausbesuch in Corona-Zeiten fällt sparsam aus: Konnte „Zur Wartburg“, ein Stück über die gleichnamige Jenaer Kneipe, noch mit Abstand und Maske besucht und hier sogar bierselig der Bühne zugeprostet werden, so gibt es „Ich bereue.“ nur noch via Livestream zu sehen. Hier werden, in einer Art Talkshowformat mit Musikeinlagen, aus verschiedensten Blickwinkeln Interviews zum Gefühl der Reue geführt. Das Publikum kann per Chat kommentieren.

Beide Stücke hat das 2001 in den Niederlanden gegründete Wunderbaum-Kollektiv entwickelt, das seit der Spielzeit 2018/19 das Theaterhaus Jena leitet. Kennengelernt haben sich die Mitglieder, Walter Bart, Wine Dierickx, Matijs Jansen, Maartje Remmers und Marleen Scholten, auf der Schauspielschule in Maastricht. Obwohl sie fast alle nicht in Jena wohnen, produzieren sie hier regelmäßig Stücke mit städtischem Bezug. Allein in der ersten Spielzeit gab es „Jena macht es selbst“ über Bürgerinitiativen und direkte Demokratie in Jena, „Hallo Jena“ über ihr Ankommen in der Stadt und „Thüringen Megamix“ zur Frage nach der kulturellen Beschaffenheit des Jena umgebenden Bundeslandes.

Kollektiv spielen

Für Walter Bart, Teil der künstlerischen Leitung von Wunderbaum und Schauspieler, ist es sehr wichtig, gut in der Stadt vernetzt zu sein und möglichst unterschiedliche Menschen ins Theater zu bekommen. Er erklärt, dass das Wunderbaum-Kollektiv und das Jenaer Ensemble ihre Stücke im gemeinsamen Probenprozess und mit möglichst flachen Hierarchien erarbeiten und die Schauspieler mit ihren individuellen Erfahrungen selbst Teil der Erzählung werden. Hiermit stellt sich Wunderbaum in die Tradition des Theaterhauses. Dieses grenzt sich seit seiner Umwandlung in eine gemeinnützige GmbH 1993 bewusst von konventionellen Stadttheaterbetrieben ab. Man setzt auf einen schlanken Apparat, arbeitet projektorientiert, mit der Stadt im Zentrum, und versucht, die Vorzüge eines künstlerisch eigenverantwortlich arbeitenden Ensembletheaters mit der Förderung von Nachwuchs auf und vor der Bühne zu verbinden.

Wunderbaum orientieren sich naturgemäß an der an Kollektiven reichen niederländischen Theaterlandschaft, etwa an der Gruppe ZT Hollandia, die von Johan Simons geprägt wurde, jedoch auch die Spielenden als Schaffende einband. „Unsere Stücke wie ‚Ich bereue.‘ oder ‚Wartburg‘ kann man als Dokufiktion bezeichnen“, erklärt Bart. „Die Figuren werden im Prozess entwickelt, in dem man sich nach und nach vom Ausgangsmaterial distanziert. Die Grenzen zwischen der eigenen Person und der Rolle sind hierbei teilweise fließend.“ Die Stärken dieses prozesshaften, collagenhaften Arbeitens sind, dass aktuelle Geschehnisse recht unproblematisch eingearbeitet werden und verschiedenste Perspektiven zur Diskussion gestellt werden können.

Recherchetheater …

Diese Arbeitsweise hat das Duo hashtagmonike dazu bewogen, sich am Theaterhaus Jena zu bewerben. Henrike Commichau und Mona Vojacek Koper produzieren seit 2014 als Zweierkollektiv. Zusammengefunden haben auch sie an einer Schauspielschule. Ihre Theaterpraxis ist geprägt von Interventionen im öffentlichen Raum: „Im Rahmen unserer ersten Arbeit haben wir vor einem Apple-Store gecampt – also ohne dass es da ein neues Produkt gab. Wir haben einfach gesagt, das ist unser Tempel, bis die Polizei kam.“ Die beiden lachen. „Kollektive wie She She Pop, die Hildesheimer Markus&Markus oder die Performancegruppe Nature Theater of Oklahoma prägten uns während unserer Studienzeit.

Die Otto-Falckenberg-Schule ist ja an die Münchner Kammerspiele angegliedert, und der Intendant Matthias Lilienthal brachte viele freie Gruppen dorthin.“ Auch Wunderbaum produzierte dort. „Für uns ist es einfach ein großes Glück, dass wir beide nun in Jena zusammenarbeiten können, und es ist wirklich etwas Besonderes, dass der Kollektivgedanke hier so im Vordergrund steht – das heißt aber auch, dass es andernorts an Theatern teilweise echt scheiße läuft, mit den festgefahrenen Hierarchien“, sagt Henrike Commichau.

… und Feminismus

In Jena entwickelten hashtagmonike 2019 auch ein Stück zum Thema Abtreibung. „Damenwahl“ bewegt sich laut Ankündigungstext „an der Schnittstelle von Politaktivismus, Medienkultur und Dokumentartheater“. Der Gefahr der Unterwerfung unter eine politische Agenda sind sich hashtagmonike bewusst. „Gerade bei ‚Damenwahl‘ hatten wir natürlich schon eine starke Meinung. Dass der auf die Nazis zurückgehende Paragraph 219a immer noch gilt, fanden wir äußerst diskussionswürdig.“ „Damenwahl“ thematisiert den Fall der Ärztin Kristina Hänel, die 2018 zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, da sie auf der Website ihrer Praxis erklärt hatte, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Aber auch der eigene Kinderwunsch der Darstellerinnen kommt zur Sprache. „Das Politische und das Persönliche müssen sich die Waage halten“, erklärt Mona Vojacek Koper.

Das Private und das Politische

„Wir fragen uns auch immer, was das Spezifische des Theaters ist, warum der Stoff auf die Bühne muss, denn sonst könnte man ja auch ein Buch schreiben. Wir improvisieren viel, finden im Spiel zu den Figuren, filmen unsere Proben und montieren alles am Ende zusammen. Kurz: Recherchetheater mit Feminismus gewürzt“, lacht Commichau. Auch bei der als Nächstes geplanten Produktion (geplante Premiere am 9. April) zum Thema Freundschaft wird es wieder persönlich und politisch. Verhandelt werden sollen die Wertigkeiten und Hierarchisierungen von Beziehungen; als Recherchequellen bedienen sich Commichau und Koper aus klassischen Briefromanen und moderner Literatur, wie den Romanen von Liv Strömquist. Darüber hinaus wird natürlich auch die eigene Freundschaft thematisiert.

Humor und Sprachspiele

Was bei den Produktionen sowohl von Wunderbaum als auch von hashtagmonike auffällt, ist die prominente Rolle von Humor. Walter Bart erklärt, dass – in Anlehnung an klassisches Volkstheater – man Themen durch Humor sehr gut einem breiten Publikum vermitteln könne. Das Sommertheater „hätte hätte Fahrradkette“ von 2019, eine Sitcom mit Livevideo, in der Holländer, Deutsche und Syrer spielten, arbeitete viel mit Kommunikationsproblemen. „Humor wurde daraus geschöpft, dass die verschiedenen Gruppen übereinander reden und so Missverständnisse entstehen. Durch die dreisprachige Übertitelung war das Publikum den Spielenden gegenüber im Vorteil, da es in die Witze eingeweiht war. Das holt die Leute ab“, erzählt Bart. Auch beim nächsten Stück von Wunderbaum steht Humor wieder im Zentrum. „‚Clowns‘ ist eine internationale Co-Produktion. Das Stück wird im Rahmen eines Welt-Clown-Treffens spielen, auf dem die Teilnehmer sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man in diesen Zeiten überhaupt noch Clown sein kann“, so Bart.

Die Dringlichkeit derart ernsthafter Fragen vermisst man in einigen der durchgängig humorvollen und kurzweiligen Produktionen des Theaterhauses Jena. So stehen am Ende von „Ich bereue.“ die Schauspieler gemeinsam vor der Tür des Theaterhauses und unterhalten sich „ganz privat“ über einen Konflikt, der in ihnen Reue auslöst und folglich durch eine Entschuldigung beendet wird. Gerade in unserer Zeit gibt es aber doch unendlich viele Geschichten von Menschen, die durch gesellschaftliche Repressionen in furchtbare Zwangslagen gebracht werden. Greift es da nicht zu kurz, Reue über moralische Befragungen als ein individuelles Gefühl unter vielen darzustellen? Theater darf unterhalten, aber soll es beschwichtigen?

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2021.