Erschrecken, Erstaunen – und der Mut zur Lücke
Foto: Die Eröffnung der Ruhrfestspiele 2026 am 3. Mai im Vorraum des diesjährigen Festzeltes. V. l. n. r.: Bürgermeister der Stadt Recklinghausen Axel Tschersich (SPD), Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen Ina Brandes (CDU), Autorin Ursula Krechel, Intendant der Ruhrfestspiele Olaf Kröck, der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg Peter Tschentscher (SPD) und Stefan Körzell vom Deutschen Gewerkschaftsbund © Maja Bjeljac Text:Miguel Schneider, am 5. Mai 2026
Die Ruhrfestspiele 2026 eröffnen ihr 80. Jubiläumsjahr im Festzelt, mit viel Prominenz aus der Politik, einem Roboter auf der Bühne und einer fehlenden iranischen Produktion, deren Abwesenheit zum stärksten Zeichen des Abends wird.
Es war ein kleines Who’s who der politischen Szene, das sich zur Eröffnung der Ruhrfestspiele versammelt hatte. Vertreter:innen aus Bund, Land, Stadt, Gewerkschaften und Kulturpolitik, darunter Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und NRW-Kulturministerin Ina Brandes. Schon die Gästeliste machte deutlich, welche Bedeutung dieses Festival auch in seinem 80. Jahr besitzt. Es ist kultureller Fixpunkt im Ruhrgebiet, Erinnerungsort der Arbeitergeschichte und Bühne politischer Selbstvergewisserung zugleich.
Dass diese Eröffnung nicht im Großen Haus, sondern im eigens errichteten Festzelt im Recklinghäuser Stadtgarten stattfand, prägte den Abend atmosphärisch deutlich. Die Sanierung des Ruhrfestspielhauses verschiebt den gewohnten Rahmen, nimmt dem Auftakt aber nichts von seiner Bedeutung. Im Gegenteil, das schön hergerichtete Zelt rückte das Geschehen näher an den Publikumsraum, wirkte konzentrierter und provisorisch im besten Sinne, dabei festlich genug für ein Jubiläum, das sich nicht auf repräsentative Routine verlassen wollte.
Ein Motto, das den Ort mitdenkt
Die 80. Ruhrfestspiele stehen in diesem Jahr unter dem Motto „Erschrecken und Erstaunen“. Vom 1. Mai bis zum 13. Juni versammelt das Festival 80 Produktionen und 220 Veranstaltungen. Schon das Motto trifft einen Nerv. Vielleicht fast zu genau. Intendant Olaf Kröck brachte es auf den Punkt: Das Motto funktioniere in diesem Jahr zum ersten Mal kaum als Reibungsfläche, weil alle sofort verstünden, weshalb man erschrocken sei. Gerade das macht es unmittelbarer. „Erschrecken und Erstaunen“ klingt zuerst nach hübscher Alliteration, wächst an diesem Abend aber zu einer Haltung. Hinschauen, ohne sich im Entsetzen einzurichten. Staunen, ohne naiv zu werden.

Eröffnung der Ruhrfestspiele 2026 mit dem Motto „ERSCHRECKEN UND ERSTAUNEN“. Foto: Alina von Zittwitz
Das Festzelt, in dem die Eröffnung stattfand, ist aus der Not geboren. Das Große Haus des Ruhrfestspielhauses steht wegen der Sanierung der Bühnentechnik in diesem Jahr nicht zur Verfügung. Einen Tag nach den Festspielen im letzten Jahr wurde es geschlossen und für die Ruhrfestspiele 2026 bedeutet das einen veränderten Spielort, aber keinen Bedeutungsverlust. Kröck machte daraus fast eine Liebeserklärung an das Provisorium und nannte das Zelt „den Star der diesjährigen Ruhrfestspiele“. Das stimmt, ohne dass man die Sehnsucht des Publikums nach dem Großen Haus verschweigen müsste.
Absage der iranischen Produktion
Für „Das Kind“ wäre dieser große Rahmen passend gewesen. Die iranische Produktion der Shieveh Theater Company aus Teheran sollte das Schauspielprogramm eröffnen. Sie kann aufgrund der Lage im Iran nicht nach Recklinghausen reisen: „abgesagt wegen Krieg“, heißt es auf großen Bannern. Es gibt keinen Ersatz. Die Ruhrfestspiele haben angekündigt, die Einladung in das kommende Jahr zu verschieben. Dann voraussichtlich wieder im Großen Haus, das planmäßig im September wieder öffnen soll.
Der Mut zur Lücke ist eine der stärksten Entscheidungen dieses Jahrgangs. Man hätte den Abend schnell füllen können, doch stattdessen bleibt ein Ausfall und wird als solcher thematisiert. Das ist selten im Kulturbetrieb, der Fehlstellen gern glättet. Hier wird die Absage zum künstlerischen und politischen Zeichen: Diese Stimmen fehlen und ihr Fehlen gehört zu der Wirklichkeit, in der dieses Festival stattfindet.
Besonders eindrücklich wurde das, als Kröck aus einer Nachricht der iranischen Künstlerin Afsaneh Mahian las. Sie schrieb aus einem „unruhigen, erschöpften und verwundeten Iran“ und wusste nach eigener Aussage nicht, ob ihre Worte Deutschland überhaupt erreichen würden. „Wir glauben von ganzem Herzen, dass das Theater stärker ist als der Krieg.“ Das kann pathetisch klingen. An diesem Abend klang es schlicht notwendig.
Kohle und Kunst
Auch Ina Brandes griff diese Leerstelle auf und erinnerte daran, dass sie für Menschen stehe, die unter Unterdrückung, Krieg und Ausgrenzung leiden. Zugleich führte ihre Rede zurück zum Ursprung der Ruhrfestspiele, zu jener Verbindung von Kunst und Solidarität, aus der das Festival entstanden ist. Die Geschichte des Festivals gibt dieser Entscheidung zusätzlichen Raum.
Die Ruhrfestspiele entstanden aus dem Kohletausch der Nachkriegsjahre. Recklinghäuser Bergleute halfen Hamburger Bühnen mit Kohle, Künstler:innen aus Hamburg kamen später zum Dank ins Ruhrgebiet. In diesem Jubiläumsjahr wird die Gründungserzählung besonders stark betont.
Peter Tschentscher rückte die historische Verbindung zwischen Recklinghausen und Hamburg in die Gegenwart. Aus der alten Erzählung von Kohle und Kunst wurde bei ihm ein Dreiklang von harter Arbeit, Kunst und Kultur, Solidarität und Zusammenhalt. Das hätte leicht museal werden können. Wurde es aber nicht. Tschentscher verknüpfte die Gründungsgeschichte mit gegenwärtigen Krisen und sprach davon, dass es heute darauf ankomme, „dass die Menschen beieinander bleiben“.

Das Festzelt als Interim für die diesjährigen Ruhrfestspiele nahe dem derzeit sanierten Ruhrfestspielhaus. Foto: Alina von Zittwitz
Krechel, Kafka und Kuka
Ursula Krechel, Georg-Büchner-Preisträgerin 2025, hielt die literarische Eröffnungsrede. Sie sprach über Franz Kafkas Amerika-Fragment „Der Verschollene“, über falsche Versprechen, Migration, Bürokratie, Theater und Katastrophe. Besonders stark war ihr Satz über Kafkas Freiheitsbild: „Die Freiheit, die sie hier im Hafen verkörpert, ist ein schneidender Wind, der den Ankömmling ins Gesicht schlägt.“ Später verdichtete sie ihre Gedanken zum Theater selbst: „Das Theater ist ein gefährlicher Ort. Es hält nicht, was es verspricht, oder es hält entsetzliche Überraschungen parat.“
Krechels Rede schloss den offiziellen Teil der Eröffnung ab, bevor die künstlerische Eröffnungsproduktion „Huang Yi & Kuka“ folgte und den Abend in eine andere Gegenwart führte. Auf der Bühne begegnen sich der taiwanesische Choreograf Huang Yi und ein Industrieroboter. Die Arbeit setzt auf Präzision, Konzentration und eine fast irritierende Zartheit. Ein Mensch und eine Maschine teilen sich den Bühnenraum, ihre Bewegungen greifen ineinander, ohne daraus ein bloßes Technikstaunen zu machen. Gerade für ein Festival, dessen Ursprung in der Arbeitswelt des Ruhrgebiets liegt, ist diese Wahl treffend.

Huang Yi und Ensemble nach seinem choreografischen Stück „Huang Yi & Kuka“, mit dem die Ruhrfestspiele 2026 im Festzelt künstlerisch eröffnet wurden. Foto: Maja Bjeljac
Nach den Grußworten, der Leerstelle von „Das Kind“ und der literarischen Rede war der Rahmen für dieses Jubiläumsjahr gesetzt. Vielleicht ist genau das der richtige Zugriff auf ein Jubiläum. Die Ruhrfestspiele feiern ihre Geschichte am überzeugendsten, wenn sie deren Kern ernst nehmen: Solidarität als Handlung, Kunst als Begegnung, Theater als Ort, an dem das Erschrecken nicht verdrängt wird und das Erstaunen trotzdem möglich bleibt. Getreu dem diesjährigen Motto.