Stimmung beim Stückemarkt

Am Ende werden Hunderte von Tätern entlarvt, namentlich – Theater aus Kanada

Beim 43. Heidelberger Stückemarkt war Kanada das Gastland. Am finalen Wochenende des Festivals boten Lesungen, Diskussionen und Gastspielinszenierungen aus dem weiten Land spannende Einblicke in eine alternative Theaterszene abseits großer Repräsentationsbühnen, geprägt von freien Kollektiven, Mehrsprachigkeit und gesellschaftspolitischem Engagement.

Kanada, Du hast es besser! Das merken derzeit nicht nur die Tourismusmanager, weil die Buchungen ins Land, wo Maplesirup und Ginger-Ale fließen, deutlich steigen, während das Reiseziel USA immer unbeliebter wird. Das merkt man auch in der Kulturszene. Keine massiven Einschüchterungsversuche wie jenseits der Grenze in Trumpistan, keine Einmischung in künstlerische Produktionen und keine Vorbehalte von offizieller Seite, weil dieses oder jenes Projekt vielleicht als zu queerfreundlich, zu feministisch, zu antikolonialistisch oder zu provokant empfunden werden könnte. Stattdessen spürt man sie immer noch, die große Nonchalance im zweitgrößten Staat der Erde.

Davon konnte man sich jetzt auch beim 43. Heidelberger Stückemarkt überzeugen, dem letzten unter der künstlerischen Leitung des scheidenden Intendanten Holger Schultze, der sich bei der Übernahme des Hauses vor 15 Jahren die Internationalität auf die Fahnen geschrieben hatte – sei es bei der Repertoire- und Stellenplanung, beim iberoamerikanischen Festival  ¡Adelante! oder beim Stückemarkt, zu dem von Jahr zu Jahr Künstlerinnen und Künstler eines jeweils neuen Gastlandes eingeladen wurden. Das Stadttheater Heidelberg versteht sich dabei wie die Alma Mater der ältesten deutschen Universitätsstadt als Global Player.

Divers, gesellschaftspolitisch engagiert, polyglott

Mit Gastspielen und neuen Theatertexten im Internationalen Wettbewerb wurde am letzten Festival-Wochenende der Versuch gestartet, einen schlaglichtartigen Überblick über das immens breit gefächerte, meist aus der freien Szene stammende Programmangebot zu vermitteln. Sie präsentiert sich äußerst divers und gesellschaftspolitisch engagiert, dazu noch polyglott: französisch in Québec, englisch in den anderen Provinzen, wozu noch rund 70 verschiedene Sprachen der indigenen Völker kommen, insbesondere der Inuit im arktischen Raum. Letzteren gibt das vielsprachige Kollektiv Aalaapi eine Stimme. Zwei Angehörige unterschiedlicher Inuit-Gruppen vermitteln einen Eindruck vom Clash zwischen dem dörflichen Leben am Rand der Zivilisation und der metropolitanen, entfremdenden Atmosphäre in Städten wie Montreal, Toronto oder Vancouver, wo alles Ursprüngliche im Großstadt-Getriebe unterzugehen droht.

„Wir fühlen uns noch immer wie Opfer des Kolonialismus der Frankokanadier“, sagt die Darstellerin Nancy Saunders im Nachgespräch. Außerdem kämpfe man hoch im Norden gegen eine anhaltende Bildungsmisere an, klagt sie. Künstlerisch wird mit den einfachsten Mitteln gearbeitet, es besteht keine Scheu vor den Untiefen des Laientheaters, zugleich eröffnet der rund 100-minütige Abend mit Videoprojektionen und einem Soundteppich aus Naturlauten gänzlich ungewohnte Einblicke ins Alltagsleben jenseits des Polarkreises.

Szene aus „Trės bonne" von Aalaapi beim Heidelberger Stückemarkt.

Szene aus „Aalaapi“ vom Collectif Aalaapi. Foto: Theater Heidelberg

Die vier ausgewählten Wettbewerbsbeiträge aus Kanada kreisen thematisch um die Aufarbeitung der 200-jährigen Sklaverei-Geschichte anhand eines dokumentarisch belegten Einzelschicksals („Marguerite: Das Feuer“ von Émilie Monnet); um einen dystopischen Blick auf Abtreibungen („Illegal“ von Marie-Ève Milot und Marie-Claude St-Laurent); um das britische Königshaus, das in naher Zukunft mit der Queerness des royalen Sprösslings Prince George konfrontiert sein könnte („Prince Faggot“ von Jordan Tannahill); und um die Inklusion taubstummer Menschen in den Theaterbetrieb („Zum Licht“ von Erin Shields).

Alle vier belegen, wie tief verbunden sich die kanadischen Bühnenautorinnen und -autoren mit den gesellschaftlichen Diskursen der liberalen, westlich geprägten Welt fühlen. „Dabei ist die sprichwörtliche kanadische Toleranz hart erarbeitet und ein langer, schmerzhafter Prozess“, betont Frank Weigand, der Kanada-Scout des Stückemarkts. Lange Zeit habe der weiße Blick die künstlerische Arbeit geprägt, ergänzt er. Erst seit den 1980er Jahren rücken auch die Perspektiven der zuvor marginalisierten Gruppen in den Vordergrund.

Chorisch gesungene Beleidigungen

Durchgesetzt hat sich im Wettbewerb schließlich Erin Shields, sie erhielt den Internationalen Autor:innenpreis, weil sie laut Jury „einen beeindruckend sinnlichen Text entwickelt“ habe. „Faszinierend ist, wie die Autorin ein Stimmungsbild dreier Schwestern kreiert, das mit subtiler Intensität auf soziale Missstände hinweist.“ Auf ganz andere Missstände weist das zum Festival-Finale gezeigte, äußerst ergreifende Gastspiel „Surveillée et punie“ aus dem Théâtre Prospero in Montreal hin. Safia Nolin und Jean-Philippe Baril Guérard greifen darin den abgrundtiefen Hass aus dem Netz auf, indem sie die ganze Infamie, die der queeren frankokanadischen Sängerin Safia in Internet-Posts oder auf Hauswänden entgegenschlägt, zu einem Anti-Oratorium verdichtet haben. Die chorisch gesungenen Beleidigungen entlarven Hunderte von Tätern, deren Namen wie bei einem Filmabspann auf einem Bildschirm erscheinen.

„Du fette Sau, wie Covid werden wir dich nicht mehr los“, heißt eine der eher harmlosen Attacken. Andere stammen aus der untersten Güllegrube oder den Bereichen der sexualisierten Gewalt – bis hin zu Mordaufrufen. Das öffentlich zu machen, mit Mut, dem Publikum den eigenen Körper mit all seinen menschlichen Makeln zu zeigen, zeugt von einer großen Kämpfernatur. Bravo Safia! Die Sängerin entzieht sich virtuos dem Sumpf der Niedertracht. Von der Polizei übrigens erhielt sie keine Unterstützung, obwohl sie mehrfach um Hilfe bat. Auch das vermittelt der Abend, der mit Standing Ovations gefeiert wurde. Er wird lange nachwirken.

Safia Nolin in „Surveillée et puine“

Safia Nolin in ihrem Stück „Surveillée et punie“ . Foto: Maxim Paré Fortin