Lucas Axel und Benedetta Musso haben beide ihre Handflächen vor dem Oberkörper aufeinandergepresst.

Knallige Kraftfelder

Richard Siegal, Justin Peck, Kirsten Wicklund: Les Ballets Actuels

Theater:Staatstheater Nürnberg, Premiere:02.05.2026Regie:Richard Siegal, Justin Peck, Kirsten WicklundKomponist(in):AtomTM, Niharika Senapati, M83

Das Staatstheater Nürnberg zeigt den Dreiteiler „Les Ballets Actuels“. Die Choreographien von Richard Siegal, Justin Peck und Kirsten Wicklund sorgen für einen abwechslungsreichen, mal ernsthaft intensiven, mal vor Freude und Energie strotzenden Tanzabend.

Richard Siegal verfolgt eine Vision. Seit Saisonbeginn leitet der US-Amerikaner die Sparte Tanz am Staatstheater Nürnberg. Hier führt er zielstrebig fort, womit er in München vor zehn Jahren mit der Gründung des „Ballet of Difference“ – damals als freie Kompanie – begann: inhaltlich und ästhetisch Funken schlagen aus stilistischer Vielfalt und Diversität. Von 2019 bis 2024 war das interpretatorisch auf technisches Nervenkitzeln gebürstete Ensemble mit seinem Anspruch, klassischen Tanz, Popkultur, Mode und digitale Einflüsse miteinander zu verschmelzen, am Schauspiel Köln beheimatet. Nun schließt das personell neu aufgestellte Staatstheater Nürnberg Ballet of Difference seine erste Spielzeit unter dem Titel „Les Ballets Actuels“ richtungsweisend programmatisch ab.

Triple Bill

„Noise Signal Silence“ und „New Ballet Russes“ – die beiden vorangegangenen Premierenabende – hatte Siegal komplett mit eigenen Arbeiten bestückt. Diesmal wurde der Bogen weiter gespannt. Präsentiert werden drei unterschiedliche zeitgenössische Handschriften. Das knallt. Der Triple Bill wartet allerdings mit keiner Neukreation auf. Dafür ist sehr schön zu sehen, wie Siegals mitgebrachte Tänzerinnen und Tänzer allmählich mit jenen zu einer dynamischen Einheit zusammenwachsen, die aus der Ära seines Vorgängers Goyo Montero am Haus verblieben sind. Ganz gleich, ob sie Sneaker tragen, in Spitzenschuhen tanzen oder körperlich wie in rebellischem Jugendwahn in Socken regelrecht vor den Augen des Publikums explodieren.

Auf die Entwicklung einer fantastischen Gruppe von Turbomovern mit starker Bühnenpräsenz zu setzen, ist nicht der schlechteste Plan. Schließlich steht in der Frankenmetropole nichts weniger auf dem Spiel als die Herausforderung, das Feuer eines „Nürnberger Ballettwunders“ der vergangenen 17 Jahre auch zukünftig in der Stadt am Lodern zu halten. Siegal könnte das gelingen. Mit Justin Peck und Kirsten Wicklund hat der neu amtierende Ballettchef zur Verstärkung erstmals zwei international profilierte Choreografen eingeladen. Konzeptioneller Dreh- und Angelpunkt des gemeinsam verantworteten Dreiteilers „Les Ballets Actuels“ sind verschiedene Perspektiven auf die Jetztzeit.

„Hurry up, we’re dreaming“

Den Anfang macht Justin Peck. Seit 2014 ist er Hauschoreograf des New York City Ballet und entsprechend hoch ist das in seinen Werken verlangte tänzerische Niveau. „Hurry up, we’re dreaming“ strahlt jedoch – quietschfidel getanzt in weißen Turnschuhen zu schimmernden Klamotten – das genaue Gegenteil aus. Die Musik der französischen Electronic/Dream-Pop-Band M83 hat den Amerikaner vor acht Jahren dazu inspiriert, eine atmosphärisch in der Anonymität des urbanen Raums angesiedelte Choreografie für das San Francisco Ballet zu kreieren.

Das Ensemble tanzt im Kreis. In der Mitte steht eine Tänzerin mit ihren Armen über dem Kopf erhoben.

„Hurry Up, We’re Dreaming“ von Justin Peck: Luiza Yuk (Mitte) und Staatstheater Nürnberg Ballet of Difference. Foto: Pedro Malinowski

Alles ergibt sich aus dem jeweiligen Moment. Flüchtig, wie der Titel es verspricht, und zugleich gespickt mit immer wieder Reprisen bestimmter Schrittsequenzen, feiern in „Hurry up, we’re dreaming“ 14 Interpreten die Freude am Leben und Sich-Begegnen. Spontaneität scheint sogar in zwei zu den Songs „Wait“ und „Splendor“ eingeflochtenen Duetten die treibende Kraft im Gefühlskosmos sich temporär emotional nahekommender Paare zu sein. Als Bewegungsmotiv spielen Kreise eine große Rolle. Pecks Sneaker-Ballett schöpft aus dem Fundus des Alltäglichen und strotzt nur so vor positiver Energie.

„Overcast“

Nach dem Muntermacher verkehrt sich die Stimmung in ein eher introvertiertes Gegenteil. „Overcast“ der aus Kanada stammenden Kirsten Wicklund entstand 2021 für das Ballett BC. Es basiert auf der Idee von Licht und Schatten und bestand ursprünglich einzig aus dem jetzt ersten, langsamen Pas de deux. Tänzer und Tänzerin – beide in einem knappen hautfarbigen Trikot – stehen leicht versetzt im linken vorderen Bühnenbereich. Ihre durchtrainierten Körper werden von vorne mittels eines tragbaren Spots angestrahlt. Schnell kommt Leben in die wie aus Stein gemeißelten Menschenfiguren. Gefühlsfreie Schwünge der Arme sind der Impulsgeber für das Paar, in einer elektronischen Klanglandschaft der australischen Performerin/Sounddesignerin Niharika Senapati auf eine architektonische Entdeckungstour zu gehen.

Renata Peraso tanzt links vorne mit stark gebeugtem rechten Bein. Ihr linkes ist grazil zur Seite ausgestreckt. Ihre Arme sind über ihren Schultern. Im Hintergrund ist Samuele Ninci und schreitet nach vorn.

„Overcast“ von Kirsten Wicklund: (v.l.n.r.) Samuele Ninci, Renata Peraso. Foto: Pedro Malinowski

Unisono jeder für sich, später auch in Hebungen interaktiv scheinen Bendetta Musso virtuos auf Spitzen und Lucas Axel als behutsam zupackender Partner von Pose zu Pose dieses eigenwillig schön dahinfließenden Duetts dem Geheimnis klassischer Formgebung auf der Spur zu sein. Ihre Schattenbilder weiten den Blick zum Quartett. Cut. Den zweiten Teil der erweiterten Choreografie hat Wicklund für Nürnberg in einem silbrig-blauen Mondscheinambiente angesiedelt. Zwei weitere Paare gesellen sich hinzu. Heftig wummernde Beats peitschen den Bewegungsfluss auf. Schlagartig wird raumgreifender getanzt. Das performative Tempo in der Gruppe zieht deutlich an. Bis am Ende – live on stage – die Regie erneut vom schwarzvermummten Träger des mobilen Lichts übernommen wird. Der Fokus dessen, was man noch sieht, verengt sich auf den Tänzer vom Anfang. Und der sucht zum Schluss fast verschämt in der Dunkelheit Schutz.

„My Generation“

Zu Musik von AtomTM und Pete Townshend muss „My Generation“ danach bloß noch als rebellischer Rausschmeißer herhalten. Dem wilden Stück, zu unter anderem Uwe Schmidts „Ich bin meine Maschine„, kommt das sehr zupass. Blitzschnelle Richtungswechsel, messerscharfe Bewegungspräzision und ein ballettartig ins Extreme verzerrter, manieriert-explosiv-zeitgenössischer Tanzgroove triggern das Publikum an.

Siegals 2015 mit dem Cedar Lake Contemporary Ballet kurz vor dessen Auflösung entwickeltes Stück fetzt. Taff, aggressiv, lässig werden – mal bewaffnet mit Spitzenschuhen, mal smart auf flachen Sohlen – Spirit und Drive sowie Gemeinschaftssinn und Strategien der Popkultur vom Ensemble erkundet. Zwei Jahre nach seiner Uraufführung war „My Generation“ im Rahmen der Münchner Biennale Dance zu erleben – damals unter dem Titel „Pop HD“. Nun präsentiert sich die Choreografie in völlig neuem Gewand. Flora Miranda hat jedem der 13 Tänzerinnen und Tänzer gleich mehrere Kostüme mit unterschiedlichen optischen Hinguckern zugedacht. Zusammengenommen sind sie eine Show für sich – in solistischen Momenten ebenso wie in Formationen, die Siegal schon wieder zerfallen lässt, noch bevor sie zu Geometrie erstarren können. Nur schön zu tanzen, rüttelt eben niemanden wach! Genau das will Siegal aber.

Vier Tänzer:innen stehen in der Mitte der Bühne. Eine auf Spitze, beide Knie gebeugt und nach außen gerichtet. Ihre Arme werden zu beiden Seiten von Tänzer:innen gehalten. Hinter ihr steht noch eine Person, die sie um den Oberkörper fasst.

„My Generation“ von Richard Siegal: (v.l.n.r.) Pier-Loup Lacour, Livial Gil, Lucas Axel, Samuele Ninci. Foto: Pedro Malinowski