Seit 2020 kombiniert Dortmunds Opernintendant Heribert Germeshausen in jeder Saison Werke von Wagner mit meist unbekannten Opern, die sich auf den Bayreuther Meister beziehen. Diese Konstellation prägt auch den jeweiligen Wagner-Kosmos: ein Symposion, bei dem Fachleute unterschiedlichster Fachrichtungen aufeinandertreffen.
Editorial
Als Heribert Germeshausen, damals noch designierter Intendant der Oper in Dortmund, mir erzählte, er wolle an seiner zukünftigen Wirkungsstätte jährlich einen Wagner-Kosmos veranstalten, war mein erster Reflex: Och nee, nicht noch so ein Wagner-Event, bei dem die Teilnehmer all das erzählen, was sie anderswo auch schon erzählt haben. Schließlich gibt es doch landauf, landab genug Wagner-Plapperräume (vulgo: Chatrooms): Die emsigen Wagner-Verbände sind wortreich unterwegs, die akademische Aufmerksamkeit für Wagner wurde durch so prominente Wissenschaftler wie Udo Bermbach oder Dieter Borchmeyer öffentlich bestens repräsentiert, und jedes Theater, das den „Ring“ macht, macht dazu auch seinen diskursiven Ringelreihen.
Laut gesagt habe ich dem Heribert Germeshausen das aber nicht, ich bin halt ein höflicher Mensch. Und als die ersten beiden Kosmen am Corona-Lockdown zerschellten, hat er mir wirklich leidgetan. Danach war ich dann neugierig genug, mir das Ganze mal näher anzusehen. Und war bass erstaunt! Denn dieser Kosmos hat zwei unverwechselbare Stärken: Zum einen ist er ein offener Denkraum im allerbesten Sinne. Hier werden keine steilen Thesen anvisiert, sondern Anregungen ausgetauscht, indem Forscher ganz unterschiedlicher Disziplinen zu ganz unterschiedlichen Wagner-Aspekten referieren. Und zum anderen geht es nicht nur um Worte, sondern auch um Werke. Germeshausen und sein Chefdramaturg Daniel C. Schindler gruppieren in jeder Saison Wagner-Opern und solche, die zu Wagner in Beziehung stehen – oft Ausgrabungen, Werke des französischen Wagnérisme oder der Gattung Grand Opéra. Gerade vollzieht der 7. Wagner-Kosmos – getreu der Maxime: „Kinder, schafft Neues!“ – eine Wende zu zeitgenössischen Werken. Die jeweiligen Kosmen beziehen sich stets auf die um sie herum im Repertoire gespielte Werkgruppierung. Dadurch ist es Germeshausen gelungen, ein Symposion von eigenem Gepräge und abwechslungsreicher Thematik in die Wagnerwelt zu setzen, von dem man stets neue Perspektiven mit nach Hause nimmt.
Und so war es für uns naheliegend, die Oper Dortmund als Partner für ein Themenheft über ihre Wagner-Kosmen zu gewinnen. Das hält der Leser nun in den Händen. Durch die Doppelperspektive aus Rezensionen zu den Opern und Reflexionen zu den Beiträgen des Symposions haben wir versucht, das Besondere dieses Veranstaltungsformats im Aufbau des Heftes einzufangen. Wir wünschen Ihnen viel Spaß damit und glauben, versprechen zu können: Auch für vielerfahrene Wagnerianer wird sich die Lektüre lohnen!
Detlef Brandenburg, redaktioneller Leiter dieses Themenheftes
