Foto: Ensemblebild mit Julius Störmer (Chip) in der Luft © Jochen Quast
Text:Andreas Falentin, am 26. April 2026
Regisseurin Louisa Proske und Choreografin Marie-Christin Zeisset beleben Leonard Bernsteins erstes Musical „On the Town“ an der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg mit einem herausragenden Ensemble – und ziehen die Musik mit.
24 Stunden New York, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr morgens in den frühen 40er-Jahren: Drei Matrosen, Gabey, Chip und Ozzie, haben einen Tag Landurlaub, bevor es in den Zweiten Weltkrieg geht. Und am Ende dieser 24 Stunden hat jeder ein Mädchen: Gabey will die „Miss-U-Bahn“ Ivy haben, die er auf einem Plakat gesehen hat und versuch sie in der Großstadt aufzuspüren. Chip lernt beim Sightseeing die Taxifahrerin Hildy, Ozzie die Anthropologin Claire kennen. Sie alle treffen sich schließlich am Times Square.
Es geht um Leben, Liebe und New York als Sehnsuchtsort, Mythos und Schmelztiegel – einen Ort, an dem man sein möchte. Das Musical „On the Town“ ist voller Farben und Tempo. Die Musik ist eine Mischung aus Swing, Jazz und moderner Klassik: zweieinhalb Stunden einzigartiger Musik, die schwer aufzuführen ist.
Die Choreografie führt
Was man in Duisburg schon in der Ouvertüre hört: Farben und Rhythmen. Die Fantasien dieser Musik sind erfahrbar, aber Stefan Klingele und die Duisburger Philharmoniker bringen sie nicht wirklich zum Leben. Das Jazzige, Bewegliche – sozusagen die Seele – fehlt. Und das erste Stück, eine Art Prolog unter Hafenarbeitern, leidet unter Mikrofonproblemen und einer unentschlossenen Tempo-Dramaturgie.
Immer wieder steht die Musik zu sehr in Reih und Glied. Etwa in den Zwischenmusiken im ersten Akt, in denen die Regisseurin Louisa Proske die „Feinde“ der drei Matrosen versammelt: eine Frau, die die drei wegen Vandalismus anklagen will, ein Polizist, ein Taxiunternehmer und ein Professor, dessen Dinosaurierskelett – auch durch Ozzies Einfluss – zu Bruch gegangen ist. Diese Musiken klingen immer gleich, haben keinen Witz und wirken nur wie Pausenzeichen.
Modernes Frauenbild
In der Duisburger Aufführung übernimmt die Choreografie von Marie-Christin Zeisset die Führung. Sie orientiert sich spürbar an den Stärken und Schwächen der Darsteller:innen, hat viel Witz, viel Leben, viel Außergewöhnliches und gibt dem ersten Akt ein deutliches Zentrum. Wenn Gabey (Leon de Graaf, ein fantastischer Tänzer und sehr guter Sänger) sein Solo von der „Lonely Town“ singt, lässt Zeisset einen Matrosen auftreten, den sie als Tod inszeniert. Mit langsamen, dennoch entschlossenen Bewegungen und erbarmungslosem Gesichtsausdruck ist dies der Tod, der in diesem Musical am Rand eines Krieges sonst nicht auftaucht.
Louisa Proske und ihr Bühnenbildner Momme Hinrichs liefern viele New-York-Bilder, die sehr schnell wechseln – viele aus zweiter Hand, aber auch viele eigene, besondere, ein New York jenseits des Sightseeings. So entsteht ein großes Tempo, das das Stück zwingend braucht. Und Proske schafft es auch, das moderne Frauenbild, das dem Stück zugrunde liegt, unauffällig zu schärfen: Claire und besonders Hildy sind selbstständige Frauen, nicht abhängig von Männern – weder im Privaten noch im Beruflichen. Sie suchen eigene Wege, finden eigene Beziehungen und führen sie partnerschaftlich. Und das im Jahr 1944!
Fantastisches Ensemble
Die Musik findet im zweiten Teil in das Bühnengeschehen. Im Quartett „You Got Me“ explodiert sie, im zweiten Quartett in der U-Bahn implodiert sie. Im Coney-Island-Bild – wo Gabey seine Geliebte sucht – findet alles wunderbar zusammen: die Wolkenbilder von Momme Hinrichs und die hier fast expressionistische Handschrift von Louisa Proske. Ebenso die schlichten, aber dennoch außergewöhnlichen Choreografien und der Tanz von Leon de Graaf und Maria Joachimstaller (Ivy). Hier erreicht die Aufführung einen großen Höhepunkt.
Julius Störmer (Chip), Leon de Graaf (Gabey), Peter Lewys Preston (Ozzie) und Ensemble. Foto: Jochen Quast
Es ist der Deutschen Oper am Rhein gelungen, ein fantastisches Ensemble zusammenzustellen. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, dass in den Hauptrollen der Tanz wichtiger ist als der Gesang. So wächst die Achtung vor Julius Störmer (Chip) und Peter Lewys Preston (Ozzie), bei dem alles immer leicht aussieht. Und noch mehr vor Valerie Luksch (Claire) sowie besonders Laura Magdalena Goblirsch (Hildy), die sehr eigene, sehr heitere Wege durch die großen Aufgaben finden. Peter Bording (Pitkin) und Morenike Fadayomi (Madame Dilly) ergänzen mit Opernsänger-Erfahrung und -Ausstrahlung.
Letztlich ist es eine sehr gute Aufführung geworden. Obwohl hier und da zu hören und zu sehen war, wie schwer es ist, dieses Stück im 21. Jahrhundert auf die Bühne zu bringen.