Foto: „Le Sacre du Printemps“ aus „Tribute to Tetley“ Glen Tetley des Stuttgarter Ballett. © Stuttgarter Ballett
Text:Petra Mostbacher-Dix, am 27. April 2026
Mit „Tribute to Tetley“ feiert das Stuttgarter Ballett den Choreografen Glen Tetley, der die Compagnie nach dem Tod John Crankos leitete und dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Der dreiteilige Ballettabend ist eine ergreifende und energetische Hommage.
Dieser Blick! Angst, Trauer, Schicksalsergebenheit liegen in den Augen von Henrik Erikson, als er den Körper weg und die Handfläche zum Publikum schiebt. Warum soll ich, so jung, dem Frühlingsgott geopfert werden, scheint er zu fragen. Weil es um alles, um die „Auferstehung der ganzen Welt“ geht, würde wohl Igor Strawinsky antworten. So beschrieb der Komponist sein – von archaischen Ritualen des heidnischen Russlands inspiriertes – Ballettwerk „Le sacre du printemps“. 1913 provozierte es bei der Uraufführung in Paris, choreografiert von Vaslav Nijinski, einen handfesten Eklat.
„Le Sacre du Printemps“
Viel Applaus und Bravi gab es nun im Stuttgarter Opernhaus für die „Sacre“-Version von Glen Tetley mit Erikson als auserwähltem Jüngling. Er nimmt die Sünden und Leiden der Welt auf sich und muss sterben, damit die Natur im Frühjahr wiedergeboren wird. Tetleys Frühlingsweihe, 1974 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt und zwei Jahre danach beim Stuttgarter Ballett neu gefasst, war Teil von „Tribute to Tetley“. Mit dem dreiteiligen Ballettabend ehrte die Compagnie den Mann zum 100. Geburtstag, der von 1974 bis 1976 die Ballettdirektion übernahm, obwohl er das nie im Sinn hatte – Machtpositionen waren ihm zuwider. Kreieren wollte er. Doch die schockierte Stuttgarter Compagnie brauchte Halt nach dem plötzlichen Tod ihres Ballettchefs John Cranko, dessen Wunder weitergehen sollte. Er hatte Tetley als Hauschoreograf geholt, der eine neue Bewegungssprache mitbrachte: Modern Dance à la Mary Wigman, Martha Graham, American Dance Theatre und American Ballet Theatre.
„Voluntaries“
Und so wurde Tetleys Abschiedsgruß an Cranko „Voluntaries“ zu seinem Einstieg in Stuttgart, die Uraufführung im Dezember 1973 zur „Zeremonie der Hoffnung“. Am Anfang der Hommage zeigt es, welch genialer Choreograf Tetley war. Die Stuttgarter Compagnie begab sich mit Verve in die skulpturalen Haltungen und herausfordernden Hebungen voller Geometrien, als ob es um alles gehe.
In der Tat geht es in „Voluntaries“ um Crankos Leben, beginnend und endend mit einem Paar gleichsam einem Alpha und Omega aller Bewegung. Elisa Badenes und Martí Paixà tanzten es – vor einem überirdisch hell anmutenden Hintergrund – so gefühlvoll wie stark, maximalste Dehnung auslotend, anmutig Posen und Gesten wechselnd, sich achtsam vorantastend. Bis sich sukzessive ein Trio und sechs weitere Paare dazugesellten, drehend, springend, beugend, aus der Schräge aufrichtend, sich umklammernd – zu Francis Poulenc’ „Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-Moll“. Ein Stück voller Drama und Feinsinnigkeit, das Tetley nicht besser hätte wählen können im Angesicht des Verlusts. Organist Christian Schmitt wusste die Nuancen aufzunehmen im fein modulierten Zusammenspiel mit dem Staatsorchester unter Gastdirigent Ermanno Florio.

„Voluntaries“ aus „Tribute to Tetley“ Glen Tetley des Stuttgarter Ballett mit Irene Yang und Joaquin Gaubeca. Foto: Stuttgarter Ballett
„Ricercare“
Ließ Tetley in „Voluntaries“ noch auf Spitze tanzen – für ihn die „Leichtigkeit des Seins“ – würzte er dann das Klassische mit der Erdverbundenheit des modernen Tanzes. Wie im Pas de deux „Ricercare“, das bereits 1966 entstand zum gleichnamigen Streichquartett von Mordecai Seter in New York. In Stuttgart zu sehen war er erst 2011. Und nun wiederzuentdecken mit Anna Osadcenko und Friedemann Vogel. Unter die Haut ging, wie die beiden – erwachend auf einem muschelförmigen Liebesnest – eine neue Freiheit der Bewegung und der Beziehung finden, um dann immer wieder zueinander zu kommen. Aus verschlungener Intimität sich herauswindend erkundeten sie in Soli individuelle Perspektiven – und Frau entdeckt weibliche Stärke und Unabhängigkeit. Selbstfindung in ihrer ergreifendsten Form brillant interpretiert!
Graham-Techniken und Modern Dance befeuern freilich auch Tetleys „Sacre“, 1976 sein Adieu an Stuttgart. Für ihn war Strawinsky weniger ein intellektuelles als physisches Erlebnis, das eine „muskulär-kinetische-emotionale Reaktion“ erfordere. Anders gesagt: Ekstase. Das Corps de Ballet wogte in Reigen aus Männern und Frauen, die expressiven Dynamiken der Musik aufnehmend. Als gebe es kein Morgen. Der Boden wurde bestampft, berobbt, die Erde angebetet, von ihr abgehoben, alles für das Opfer – Jüngling Erikson. Fast manisch durchmaß der die düster-karge Waldkulisse, kraftvoll aus der Hocke gen Himmel schnellend, in den er schließlich fuhr. Bewegend wie Anna Osadcenko und Jason Reilly, als Paar, deren Liebe Leben erhält, ihn stützten, betrauerten. Ein Energiemix, der auf das Publikum übersprang – die Wiedergeburt ist geglückt.

„Ricercare“ aus „Tribute to Tetley“ Glen Tetley des Stuttgarter Ballett Anna Osadcenko mit Friedemann Vogel. Foto: Stuttgarter Ballett